Begnadeter Leiter und Lehrer, II

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Markus Huber erklärt im Germanischen Nationalmuseum das Wolgemut Porträt Dürers. Foto: Borée
Markus Huber erklärt im Germanischen Nationalmuseum das Wolgemut Porträt Dürers. Foto: Borée

Zuverlässige Teamarbeit

Wolgemuts Werkstatt lieferte zuverlässig und fristgerecht. Bei Bedarf hatte er offenbar ein Netzwerk weiterer Handwerker und Künstler im Hintergrund. Zu einem Retabel, einem Altaraufsatz, gehörten bis zu 20 Einzelbilder an den umklappbaren Flügeln und am Fuß sowie meist auch Holzskulpturen im Mittelteil. Am Ende mussten Schlosser die Einzelteile zusammenfügen.

Michael Wolgemut hielt offenbar die Werkstatt zusammen. Und achtete darauf, dass der Stil einheitlich blieb, so Baumbauer. Dies natürlich zum Leid vieler heutiger Kunsthistoriker. Für sie ist es mühsam unterschiedliche Handschriften herauszufiltern. Wenn es doch gelingt, so fehlen die dazu gehörigen Namen.

Wenige Ausnahmen bestätigen diese Regel: Etwa der eingangs erwähnte Lindenhardt-Altar in Oberfranken. Karl Sitzmann schrieb die Nothelfer an den Außenseiten der Flügel Grünewald zu, dem Meister des berühmten Isenheimer Altars. Dies ließ sich weiter bestätigen.

Die Verbindung Wolgemuts zu einem weiteren berühmten Schüler ist besser dokumentiert. Albrecht Dürer lernte von 1486 bis 1489 sein Handwerk bei Wolgemut. Er erfuhr eine gute Organisation der Werkstatt und viele wertvolle Impulse zum neuen Medium des Drucks.

1490 bis 1493 gestalteten Michael Wolgemut und sein Stiefsohn Wilhelm Pleydenwurff in der Werkstatt die Druckstöcke der berühmten Schedel‘schen Weltchronik. Hunderte Holzschnitt-Illustrationen bebildern sie, darunter die Stadtansicht Nürnbergs von Wolgemut (Bild links). Präzise ist das Seitenlayout in einer Handschrift herausgearbeitet. Skizzen zeigen, wo genau die Bilder zu platzieren sind. Anhand dieser Handmanuskripte, die nun im Dürer-Haus vorliegen, lässt sich die Entstehung dieses umfangreichen Werkes genau nachvollziehen.

Auch die Arbeitsschritte an den sakralen Werken sind spannend zu beobachten: Zwei Marienbilder, auf denen die Mutter Gottes ihren kleinen Sohn hochhält. Ihre Augen sind halb geschlossen, den Kopf hat sie nach rechts geneigt – zu ihrem Kind hin. Die Nürnberger Maler Hans Pleydenwurff und Michael Wolgemut haben zusammen mit ihrer Werkstatt ein ähnliches Motiv ausgestaltet. Und es existiert daneben auch eine Marien-Skizze Pleydenwurffs mit ähnlicher Gestik und Mimik. Diese muss Wolgemut in seiner Werkstatt übernommen haben.

Doch hier erscheint das Werk des Vorgängers viel lebendiger: Es ist die Anbetung der Heiligen Drei Könige auf der Titelseite. Das größere Können Pleydenwurffs bestätigt auch Markus Huber. Der begnadete Betriebsleiter und Lehrer Wolgemut war aber noch im Alter lernfähig: Und dies von seinem einstigen Lehrling Dürer. Das zeigt Huber anhand des „Gedächtnisbilds der Anna Groß“ (1509) im Germanischen Museum. Darin greift Wolgemut die Detailtreue seines Schülers gerade im Hintergrund auf.

Dürer überlieferte auch auf seinem Wolgemut-Porträt das Todesdatum des Lehrers am 30. November 1519 – an dem wohl noch niemand etwas von dem heutigen Rummel des Christkindlesmarktes ahnte. Da bietet das Neue Jahr wohl mehr Ruhe zum Eintauchen in diese Künstlerwelt.

Mehr Infos bei den beteiligten Ausstellungsstätten, etwa unter www.gnm.de oder https://museen.nuernberg.de. Telefonisch u. a. bei der Tourist-Information, Tel. 0911/2336-0, oder beim GNM, Tel.: 0911/13310.