Editorial: Alles gesagt?

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Susanne Borée, Redakteurin beim Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern
Susanne Borée, Redakteurin und Chefin vom Dienst beim Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern, Hintergrundbild von Erich Kraus.

Es ist alles gesagt – oder nicht? 75 Jahre nach der Befreiung des KZs Auschwitz ist der Schrecken immer und immer wieder bei Gedenktagen vergegenwärtigt worden.
Das darf nicht in Vergessenheit geraten. Doch kann es ebenso wenig bei einer bloßen historischen Betrachtung stehen bleiben. Denn die Folgen des Holocausts betreffen viele Menschen noch heute.

Persönlich war ich lange Zeit in intensivem Kontakt mit dem Enkel eines Überlebenden der Konzentrationslager. Auch dem Enkel fiel es noch als erwachsenen Mann nicht leicht, im Leben Fuß zu fassen. Dabei war seine Mutter eine erfolgreiche und durchsetzungsstarke „Macherin“.
Erst später lernte ich: Solch ein Muster ist nicht ungewöhnlich: „Vielfach äußern Angehörige der dritten Generation teils starke Ängste, ohne dass sie sich diese erklären können. Sie berichten von einer überbehüteten und gleichzeitig kontrollierenden Erziehung.“ So brachte es Carsten Dippel in dem Deutschlandfunk-Beitrag vor fünf Jahren „Mit den Schatten leben“ auf den Punkt.

Der Holocaust rückt nicht linear mit den Jahren ferner, sondern immer wieder brechen Narben auf. Was geschieht mit der vierten Generation?

Auf der anderen Seite erlebe ich in den letzten Jahren ein zumindest grob fahrlässiges Spiel mit dem Feuer. Manchmal ist dies sogar verbunden mit einem trotzigen „Man wird doch mal was zündeln dürfen!“ Auch da rückt für mich die Bedrohung näher. Feuer will gerne viel verzehren, sobald es außer Kontrolle gerät. Daran ändert es nichts, dass der letzte Großbrand schon länger her ist.

Ist das Zündeln bloße Überforderung mit immer schwerer zu durchschauenden Strukturen und einer immer ungewisseren Zukunft? Oder die Gegenbewegung einer Generation, der es schwer fällt, im Leben Fuß zu fassen? Gott sei Dank, geht es uns wenigstens noch wirtschaftlich so gut wie selten. Wenn diese Situation kippt, wird es wohl noch gefährlicher.

Dabei erlebe ich geistige Enge und Selbstgerechtigkeit schon jetzt als bedrohlich genug. Und sie sind, leider, allzu aktuell. Daher geht es diese Woche auch schwerpunktmäßig um ihre Ausprägungen – gerade gegenüber Menschen anderen Glaubens und anderer Lebenseinstellungen. Das kann nicht dem Beispiel Jesu entsprechen. Machen Aufbrüche an anderen Seiten Hoffnung? Das wünsche ich mir.