Andacht: Frieden für die Schwachen

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Susanne Borée, Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. 

Aus Römer 5, 1–5

Unzählige Kirchen sind zerstört, der überwiegende Teil seiner Gemeinde hat das Land verlassen. Die verbliebenen Christen leiden wie der Rest der Bevölkerung unter Armut. Es mangelt an medizinischer Versorgung. Viele Schule sind geschlossen. Seit 2011 der Krieg in Syrien ausbrach, hat sich alles verändert. Aber jedem, der ihn danach fragt, ob er nicht auch diesem Land den Rücken kehren wird, gibt Haroutune Selimian dieselbe Antwort: „Dies ist nicht die Zeit zu gehen!“

Haroutune ist Pfarrer der Armenisch-Evangelischen Bethelgemeinde in Aleppo. Zusammen mit seiner Gemeinde hilft er traumatisierten Menschen neuen Lebensmut zu finden und verteilt Lebensmittel. Zwei ihrer zerstörten Kirchen haben sie bereits wieder aufgebaut.

Jedes Jahr am Sonntag Reminiszere verbinden sich Christen in ganz Deutschland im Gebet für bedrängte und verfolgte Christen weltweit. In diesem Jahr steht Syrien im Mittelpunkt, eine der ältesten christlichen Kirchen der Welt. Von hier aus wurde das Evangelium in die Welt getragen. Vor den Toren der Hauptstadt Damaskus erlebte Saulus seine entscheidende Lebenswende. Im verurteilten, gefolterten, gekreuzigten Jesus von Nazareth erkannte er den Messias, den Sohn Gottes, den Retter der Welt. Aus Saulus wurde Paulus. Von nun an war er selbst Teil einer religiösen Minderheit, die diskriminiert und schikaniert wurde.

Aber wieso rühmt er sich seiner Bedrängnis? Rühmt man sich nicht eher seiner Triumphe? Der Philosoph Friedrich Nietzsche bezichtigte das Christentum wie auch das Judentum einer fatalen „Umwertung aller Werte“. Sie nennen das Schwache stark und das Starke schwach. Und er hat recht gehabt damit.

Alles ist anders für Christen, wenn sie – ganz besonders in der Passionszeit – ihren Blick auf den Leidenden und Gekreuzigten richten. Das aber ist etwas ganz anderes, als aus der Not eine Tugend zu machen, wie Nietzsche es den Christen vorwarf. Es geht darum, Christus und dem Weg der Liebe nachzufolgen. Auf diesem Weg gibt es Widerstand.

Auf erschreckende Weise erleben wir in diesen Tagen auch in unserem Land, wie Verunsicherung und Angst umschlagen können in Hass und Gewalt. Die Christen in Syrien erleben diesen unersättlichen Hass schon seit Langem. Wenn ich ihre Geschichten höre, staune ich vor allem über diese schier grenzenlose Hoffnung und diesen unerschütterlichen Glauben, der diese Menschen trägt. Durch großes Leid hindurch haben sie gelernt, sich vom Bösen nicht in die Knie zwingen zu lassen. Stattdessen erzählen sie von der Kraft des Gebets. Sie haben sich nicht anstecken lassen vom Fanatismus. Sie haben sich auch nach vielen Jahren nicht verbittern lassen – trotz allem, in allem! Was für eine Kraft dieser Frieden mit Gott doch hat!

Pfarrer Richard Graupner, Kunstbeauftragter der ELKB für München und Oberbayern