Andacht: Anleitung zum Gebet

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Susanne Borée, Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern

Masken-Nähanleitungen, Do it yourself-Haarschnitt, „Hefe selbst gemacht“: Die Pandemie ist die Zeit der Anleitungen. Auch von der Kirche gab es rasch Unterstützung mit Anleitungen: „Beten von zuhause“. Das mag überraschen, hatte doch im Unterschied zum Haarschnitt das Gebet auch immer schon seinen Ort in den eigenen vier Wänden. Doch da war die neue Not: abgesagte und nun auch nur sehr beschränkt mögliche Gottesdienste einerseits, ein mit Ängsten und Hoffnungen vermutlich gestiegener Wunsch nach Kontakt zu Gott andererseits. 

Darum sollten die Gläubigen eine Anleitung bekommen, wie sie auch ohne die festen, institutionell organisierten Orte beten könnten. Denn während es sich im Gottesdienst leichter mitbeten lässt, weil andere Worte finden oder man nur einstimmen muss, ist das zuhause und allein für manche Menschen gar nicht so leicht: Was sag ich? Wann und wo spricht man so ein Gebet? Laut oder leise? Gibt es eigentlich ein „richtig“ oder „falsch“ beim Beten oder ist nicht ohnehin alles möglich? Nach den Erzählungen des Evangelisten Matthäus gibt Jesus in der Bergpredigt durchaus konkretere Gebets- Hinweise:

„Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir‘s vergelten. … Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“

aus Mt 6,5–8

Zuhause bleiben! Das scheint nicht nur Gebot der Stunde sondern auch des Gebets zu sein. Ist also das Beten daheim wie unter Corona-Bedingungen ein Idealfall? Braucht es keine gemeinsamen Gebetszeiten, Gebetsräume und Worte? Mehr noch: Schaden Gottesdienste und Kirchen gar der Sache des Gebets: Heuchelei statt wahrer Frömmigkeit? Nein, Jesus weist vor allem auf drei Gefahren bei Gebeten hin: Wenn sie, erstens, weniger auf Gottes als auf menschliche Aufmerksamkeit zielen. Wenn sich mit ihnen, zweitens, vor allem die Betenden gern selbst reden hören. Drittens, wenn die Gebete Gott vor allem informieren wollen. 

Mit Ausnahme der ersten von Jesus genannten Gefahr, die tatsächlich im „stillen Kämmerlein“ gebannt scheint, bestehen das zweite und dritte Risiko allerdings so sehr im öffentlichen, gemeinsamen Gebet wie auch allein zuhause. Deutlich wird: Es kommt auf die innere Haltung an. Von Sören Kierkegaard stammt die Erkenntnis: „Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.“ Nicht umsonst wurde unter dem „Kämmerlein“ so auch oft das eigene Herz verstanden, sozusagen als besonderes „Gebetsorgan“. Das reicht an „Anleitung“. Und darum lässt sich – mit Jesu Warnmeldungen im Hinterkopf – auch in den Gottesdienst echt und ernst gemeint und an die richtige Adresse beten. 

Im zweiten Teil des Textes macht Jesus einen Vorschlag für ein Gebet, das – wie beruhigend – erprobterweise zuhause wie im gemeinsamen Gottesdienst funktioniert: Das Vaterunser. Wie eine sichere Bank in diesen unsicheren Zeiten, die mich manchmal „sprachlos“ machen. Nun bete ich aber trotzdem, in der Gemeinde oder allein, auch anders, mit eigenen Worten oder Gedanken. Was, wenn ich dann doch ab und an vom jesuanischen „Gebets-tutorial“ abweiche und den „Don’ts“ erliege? Sicher ist es kein Zufall, dass Jesu Ausführungen über das Gebet mit einem kleinen Nachsatz über das Vergeben von Verfehlungen enden.

Pfarrerin Dr. Stefanie Schardien, Fürth