Editorial: Luther-Vorbild, dringend gesucht!

Susanne Borée
Susanne Borée

Wie schade: Der Playmobil-Luther ist genauso wie sein historisches Vorbild - ein Judenfeind. Der Grund ist offensichtlich: Schließlich trägt Playmo-Luther eine geöffnete  Plastik-Bibel mit sich herum. Dort steht links: "Bücher des Alten Testaments Ende". Dann folgt "Das neue Testament".

Bei uns zu Hause ist der Mini-Stein des Anstoßes schon längst im Staubsauger verschwunden. Oder in der Riesenkiste "Kleinzeugs, nicht zuordenbar". Aber Playmobil bedauert und bessert nach. Ab März gibt es eine neue Produktionsserie mit 'sauberer' Luther-Plastikbibel. Dann wird niemand mehr auf die Idee kommen, dass das Neue Testament das Alte erledigt.

Die Sache macht es nicht besser, dass Playmobil diese Sätze nicht erfunden hat. Sie stehen genauso in der Lutherbibel von 1534 an der Schwelle zwischen beiden Testamenten. Und seit 1821 an der monumentalen Bibel des Reformatoren-Denkmals auf dem Marktplatz von Wittenberg. Aber so hoch über den Köpfen der Menschen, dass es nicht auffiel. Das kommt davon, wenn man Denkmäler 'runterholt.

"Jede Zeit hat genau das Lutherbild, das sie verdient." Diesen Satz habe ich nicht erfunden. Die Quelle findet sich aber gerade nicht - bei der Luther-Schwemme. Zu heldenhafte Luthers haben für diesmal das Zeitliche gesegnet. Zu monumental war das Luthergedenken in den vergangenen Jahrhunderten.

Halt! Wie kam's denn dazu? Was uns heute selbstverständlich erscheint, begann 1617 arg holperig. Und 1717 flog es fast aus der Kurve. Dafür erschien das Gedenken 1817 schon als Wiedergänger mit doppeltem Gesicht - bevor es sich zur Schreckensgestalt verwandelte ...

Zu ermüdend der Streit, wer den besten Luther hatte. Kleinere Mängel des Reformators, so sah es bereits Gotthold Ephraim Lessing Mitte des 18. Jahrhunderts, bewahrten "ihn zu vergöttern. Die Spuren der Menschheit, die ich an ihm finde, sind mir so kostbar als die blendenste seiner Vollkommenheit. Sie sind sogar für mich lehrreicher als alle diese zusammengenommen."

Diesmal machen wir (fast) alles richtig: Süß muss der Luther von heute sein und im Taschenformat. Wir lieben Lutherlinge aus Plüsch und Plastik. Mein Vorschlag für die neue Playmo-Bibel: "Du sollst dir kein Bildnis machen ..." Ach ne, ist ja auch nicht selbst erfunden. 

Susanne Borée