''Ohne Worte'' fast 400 Seiten bestritten

Gunter Haug
Gunter Haug. Foto: Privat

Lebenslinien in Gottes Hand (114): Gunter Haug veröffentlicht Schilderung seines Lebens

''Als Reisebegleiter durch die vergangenen sechs Jahrzehnte", sieht sich Gunter Haug. Der fränkisch-schwäbische Erfolgsautor brachte in diesem Herbst seine Autobiographie heraus. In den ersten Sätzen des Buches entschuldigt er sich fast: "Und überhaupt: es gibt kaum etwas Nervigeres, als Autoren, die mit jenseits der 60 meinen, unbedingt ihre Lebensgeschichte erzählen zu müssen."

Aber: "Meine Mutter will das Buch unbedingt." So erklärt Gunter Haug die Entstehungsgeschichte seines neuen Buches. Das bestätigt er auch im persönlichen Gespräch mit dem Evangelischen Sonntagsblatt. Und sie habe ihn schließlich schon zu "Niemands Tochter gezwungen".

Mit diesem Buch über das Schicksal seiner Großmutter aus einfachsten Verhältnissen erlangte Gunter Haug 2002 Bekanntheit. Das Buch hat die 32. Auflage erreicht. Zusammen mit dem nachfolgenden Werk "Niemands Mutter", in dem die Perspektive entgegengesetzt verläuft, geht die Zahl der verkauften Bücher weit in die Zehntausende. Zuletzt veröffentlichte Haug seine Bücher "Die Töchter des Herrn Wiederkehr" und "Margrets Schwester", die das Sonntagsblatt ebenfalls vorstellte.

Also hörte Gunter Haug auch diesmal wieder auf seine Mama: "Auch wenn ich den leisen Verdacht hege, dass es in Wahrheit nur ein Trick von ihr ist, weil sie auf diesem Weg herausbekommen möchte, was ich ihr im Lauf der Jahre so alles verschwiegen habe." Doch da habe er sie enttäuscht, so fährt der 62-jährige Autor im Gespräch mit dem Evangelischen Sonntagsblatt fort. Geheimnisse habe er in seiner Lebensbeschreibung nicht ausgeplaudert sowie sich seine Darstellung der "wilden Jahre" in Grenzen hält.

Auch über seine Frau und die beiden Kinder finden sich allenfalls nur Randnotizen im Buch. Je mehr er sich der Gegenwart nähert, desto mehr habe er "Manschetten gehabt, zu dicht dran an den Leuten zu sein". Das merkt man dem Buch an. Die letzten Episoden erscheinen zunehmend karger, skizzenhafter.

Gunter Haugs Lebensgeschichte

Was hat Haug zu sagen? Über seine Kindheit in Stuttgart-Bad Cannstatt finden sich dichte atmosphärische Schilderungen, ebenso wie über seine Jugendzeit in "Schwäbisch Sibirien". Denn seine Eltern zogen mit dem damals achteinhalb-jährigen Gunter nach Gomadingen gut 60 Kilometer südlich von Stuttgart, da es dort einen billigen Bauplatz gab. Dafür lag der Ort sehr abgelegen. Auch in der "Verbannung" an dem neuen Lebensort Gomadingen war er zunächst sprachlos. Der Dialekt war ihm unverständlich - "es hätte auch Russisch sein können".

Ganz so, als würde Gunter Haug das Versprechen des Titels "Ohne Worte" einlösen wollen. Auch an dem Titel sei seine Mama schuld gewesen. Ihre Idee lässt sich genau nach Ansbach verorten. Und "Ohne Worte" genau 384 Buchseiten zu füllen - ist das nicht kokett? Haug bezieht den Titel auf eine frühe, fast traumatische Kindheitsepisode. Bei einer Kindergartenaufführung hatte er eine tragende Rolle als Froschkönig. Und seinen ganzen Text schlicht vergessen. Es wollte ihm partout nicht mehr einfallen, den komplizierten Beitrag "Quak" von sich zu geben.

Erst allmählich assimilierte sich der junge Gunter Haug auf der Alb. Dabei war er später keineswegs mehr auf den Mund gefallen. Er organisierte einen "Brezel-Streik" seiner Schule wesentlich mit, als der örtliche Bäcker seine Preise deutlich erhöhte.

Daraus ergab sich ein Kontakt zur örtlichen Zeitung, den Haug gut nutzte. So begann seine Karriere ­zunächst als freier Zeitungsmitarbeiter, dann als Zeitungs-, Radio- und Fernsehredakteur im Südwesten. Damals herrschten die "Goldenen Zeiten" des Journalismus; Gute Bezahlung und gute Auftragslage, dabei Pfeffer in der Berichterstattung durch eine gesunde Konkurrenz auch auf lokaler Ebene.

Doch Ende der 1990er Jahre begann Haug damit, auch regionale Krimis zu schreiben. In einem seiner Werke fühlte sich der Sender zu sehr kritisiert - fristlose Kündigung! Haug klagte sich erfolgreich zurück - um gleich darauf selbst zu kündigen, aber "zu seinen Bedingungen".

Neues Leben in den Regionalbiografien

Schließlich hatte er "Niemands Tochter" da schon im Rücken gehabt, obwohl "noch nicht ausgemacht war", ob er von seinen Büchern wirklich leben konnte. Nun blickt er auf gute Erfolge zurück: Seine rund 40 Bücher erschienen in den verschiedensten Verlagen (etwa Bastei-Lübbe, Weltbild, aber auch beim Rotabene-Verlag in Rothenburg). Sein Buch "Dieses eine Leben. Aufrecht durch dunkle Zeiten" zeigte allerdings, wie schwierig die Aufbereitung des Dritten Reiches vor unserer Haustür immer noch ist. Die Veröffentlichung gehörte zu den wenigen, die sich für ihn nicht rechnete. Doch "Es war mein wichtigstes Buch. Ich würde es jederzeit so wieder schreiben." 2017 gründete Haug den Verlag "edition.inspiration".

"Mein turbulentes Leben zwischen Wicklesgreuth und Schwäbisch Sibirien" - so nennt Haug sein Werk im Untertitel. Denn er versteht sich als "gebürtiger Stuttgarter mit fränkischem Migrationshintergrund". In Rothenburg lebten seine Großeltern mütterlicherseits, seine Oma, die "Niemands Tochter". Als Kind gestalteten sich für ihn die Fahrten von Stuttgart nach Rothenburg als "Alptraum" über alle Berge hinweg - damals noch ganz ohne Autobahn. Auch hier überwand er seine Sprachlosigkeit: die Hürde, die das Fränkische mit sich brachte.

Dialekte haben sicher etwas Heimeliges, aber auch etwas Ausschließendes den Menschen gegenüber, die nicht aus dem gleichen Stall kommen. Doch bei seinen Recherchen zu "Niemands Tochter" entwickelte er eine Beziehung zu der Tauberstadt, in der er sich immer wieder gerne aufhält. Regionalgeschichte zeigt für ihn die Atmosphäre des einfachen Lebens ohne Romantisierung von Enge und Elend. Damit setzte er Akzente - gerade bei den berührenden Schicksalen seiner Vorfahren.

Auch in seiner Biografie gelingt es Gunter Haug, das eigene Leben atmosphärisch zu verdichten und übergreifende Linien zu ziehen. Bierstengel und Himbeeren nebst Zutaten werden fast sinnlich erfahrbar. Eine gute Portion Humor würzt es.

Gunter Haug: !Ohne Worte. Wie ich den Froschkönig besiegte!; 384 S., Verlag edition.inspiration 2017, 14,95 Euro als Print-Produkt, auch als E-Book erhältlich; ISBN 978-3-9818688-2-1.

Mehr unter www.gunter-haug.de

                      Susanne Borée

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