Friedensgruß lange verdeckt, nie zerstört

Petr Tomásek
Petr Tomásek, Pfarrer der böhmischen Gemeinde in Cheb/Eger. Foto: Borée

Evangelische Kirche und Pfarrer Petr Tomášek im westböhmischen Eger schlagen Brücken

Lange Jahrzehnte war er verdeckt: Der Friedensgruß am Altar der evangelischen Kirche im westböhmischen Cheb oder Eger. Lange ertrug die Gemeinde weder die Inschrift in deutscher Sprache noch die verschnörkelte deutsche Schrift, so Pfarrer Petr Tomášek. Seit Anfang 2016 betreut er die evangelische Gemeinde der Böhmischen Brüder in Eger - auf tschechisch Cheb. Verdeckt blieb die Inschrift erhalten - und überlebte so vielleicht am ehesten die letzten Jahrzehnte der wechselvollen Geschichte.

Wenige Schritte vor der Altstadt liegt die Evangelische Kirche: Im Jahr 1871 wurde sie geweiht. Sie spiegelt die Entwicklungen ihrer Zeit besonders deutlich wieder. Daher lohnt ein Ausflug in ihre Geschichte ganz besonders: Gerade erst zehn Jahre zuvor hatte der österreichische Kaiser Franz Josef I. die Evangelische Kirche endlich staatsrechtlich anerkannt. Schon 1862 entstand in Eger wieder eine deutschsprachige evangelische Gemeinde. Die Gegenreformation hatte im 17. Jahrhundert die zahlreichen Protestanten der Stadt vertrieben oder zum Abschwören gezwungen.

Nun endlich konnte sich der stolze Turm des neugotischen Gotteshauses hoch in den Himmel erheben. "Friedenskirche", so nannte sie sich seit Anbeginn. Und das in einer Zeit zunehmender Spannungen zwischen den Volksgruppen dort im Sudetenland. In der eingemauerten Grundsteinlegungsurkunde sind die Namen der Spender und Förderer angeführt, die den Kirchenbau ermöglichten: an der Spitze der deutsche Kaiser Wilhelm I. und Familienmitglieder. Schon damals spendeten besonders viele Geldgeber aus Sachsen und Bayern. Auch die Gustav-Adolf-Stiftung unterstützte die Kirche.

Enge Beziehungen haben die böhmischen Brüder der Region auch heute mit dem Kirchenkreis Oberfranken der Bayerischen Landeskirche. Nach 1990 entstand sofort eine Partnerschaft mit einer gleichnamigen Kirche in Bayreuth. 80 Prozent der Kosten für die Renovierung der evangelischen Friedenskirche in Eger hat die bayerische Landeskirche übernommen.

Direkt neben der Kirche liegt der "Kindergarten ohne Grenzen" mit rund 40 Kindern. Ursprünglich sollte er nach der Wende ein Begegnungszentrum auch für Jugendliche werden. Doch eine pietistische Gruppe verließ die Gemeinde. Der Kindergarten ist seit 2015 in kirchlicher Trägerschaft. Die Diakonie Neuendettelsau und die bayerische evangelische Landeskirche unterstützen ihn. Angehende Erzieherinnen aus Hof etwa absolvieren ihr Praktikum vor Ort. Regelmäßig gibt es Treffen  mit einem Kindergarten in Hohenberg an der Eger, wenige Kilometer westlich auf deutscher Seite. Gemeinsam treffen sie sich zu regelmäßigen Naturtagen. Oder der tschechische Kindergarten lud zu einem Schauspielprojekt zusammen mit dem örtlichen Theater, so Petr Tomášek.

Schon 1871 stand die Kirchenweihe unter ökumenischen Vorzeichen. 46 evangelische Geistliche, meist aus Bayern und Sachsen, begleiteten den Festakt. Und direkt anschließend schritt die Festgemeinde zusammen mit den Geistlichen im Talar - so ausdrücklich vermerkt - zu einer katholischen Trauerfeier: Der Kirchenbaumeister Adam Haberzettl war gerade verstorben. Er sah "seine" Kirche nie bei einem Gottesdienst oder einer Feier.

Es gab aber auch dunkle Zeiten: Der damalige Pfarrer Hugo Friedrich Gerstberger war nach 1945/46 mehr als neun Monate in tschechischer Haft. Dann sprach ihn ein Gericht in Eger frei. Es entließ ihn mit der Auflage, sofort das Land zu verlassen. Er starb Ende 1949 an den Haftfolgen in Hessen. So erinnert sich seine Tochter Johanna in einer Kirchenchronik im Internet. Das Gotteshaus ging an die Kirche der Böhmischen Brüder über. Von 1955 bis 2008 war Lubomir Libal in Eger Pfarrer. Erst im stolzen Alter von 79 Jahren trat er seinen Ruhestand an. Er verhinderte in den ersten Jahren seiner Amtszeit eine Enteignung der Kirche.

Pfarrer Petr Tomášek, geboren 1976, repräsentiert die deutsch-tschechischen Begegnungen in besonderem Maße: Verheiratet ist er mit einer Pfarrerin in Hessen. Sie lernten sich kennen, als er 2010 während seiner Promotion in Mainz forschte. Die deutsche Sprache ist Petr Tomášek fast in die Wiege gelegt. Einer seiner Paten war Superintendent (Dekan) in Brandenburg. Ein anderer Pate lebte in Westdeutschland. "Jeden Sommer" kann sich Petr Tomášek in den 1980er Jahren an lange Urlaube in der DDR erinnern. Und in seiner Kindheit strich er über die alten Friedhöfe seines Heimatortes. Die verwitterten Inschriften in deutscher Sprache faszinierten ihn.

Schon vor seiner Geburt fuhren seine Eltern in den 1960er Jahren zu Kirchentagen nach Ostdeutschland. Theologie studierte Petr Tomášek natürlich in Prag, aber auch in Tübingen. Im Rahmen eines deutschsprachigen Programms nahm er auch an einem Austausch in Jerusalem teil. Diese Erfahrungen helfen ihm, die Gottesdienste im nahegelegenen Franzensbad zu halten. Sie gehört ebenfalls zu seiner Gemeinde. Bis auf wenige Wintermonate predigt er dort zweisprachig auch für die Kurgäste.
Petr Tomášeks Vater war lange Zeit Laienvorsitzender des Hieronymus-Vereins der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Sein Name geht zurück auf Hieronymus von Prag, einem Wegbegleiter von Jan Hus, der ebenfalls als Ketzer verbrannt wurde. Der Verein hilft den Gemeinden bei der Erhaltung von Kirchen und Pfarrhäusern.

Auf diese Erfahrungen kann Petr Tomášek auch bei der Renovierung der Friedenskirche aufbauen. Schon eine Bombenexplosion Ende des Zweiten Weltkrieges verursachten Schäden, die aber Jahrzehnte lang nie grundlegend ausgebessert wurden. Nun musste die Kirche statisch saniert werden. Es waren Risse in den Wänden zu flicken, durch die schon helles Tageslicht hineinfiel. Nun muss noch das Dach erneuert werden. Die nur 40 Gemeindemitglieder haben ebenfalls große Beträge geschultert, so der Pfarrer. Er träumt davon, mit seiner Kirche der Nagelkreuz-Gemeinschaft von Coventry beitreten zu können, um die Versöhnungsarbeit zu stärken.    

                       Susanne Borée

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