Die Angstprediger

Liane Bednarz
Die Juristin und Publizistin Liane Bednarz war im Rudolf-Alexander-Schröder-Haus zu Besuch und sprach über ihr neues Buch "Die Angstprediger". Foto: Wollschläger

Wie zu selbstgerechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern

Sie wollen das christliche Abendland retten, kämpfen gegen die Ehe für alle, Gender Mainstreaming, Abtreibung und fürchten eine Islamisierung Deutschlands. Die Publizistin Liane Bednarz nennt sie "Angstprediger". Wer ihnen auch folgt: Fromme Christen, die offen Sympathie für Pegida, AfD und Co. zeigen. Schon lange beschäftigt sich Bednarz mit der sogenannten Neuen Rechten. Doch sind diese Christen deswegen gleich rechts oder nur wertkonservativ?

Die Grenzen sind fließend, sagt Bednarz bei ihrem Vortrag im Rudolf-Alexander-Schröder-Haus in Würzburg. Dort war sie zu Gast, um über ihr neues Buch zu sprechen. Dabei ging sie auch der Frage nach, wie aus einer konservativen Frömmigkeit ein Denken in Feindbildern wurde.

Sie selbst würde sich ebenfalls als konservativ beschreiben. "Ich war eine Zeitlang selbst Teil eines ultra-katholisch-konservativen Milieus. Dort konnte ich sehen, dass Teile dieser Leute einen ausgeprägten Rechtsdrall entwickelten. Mich hat das irritiert, weil das Gedankenwelten waren, die ich so nicht kannte. Ich dachte: Das ist nicht mehr konservativ. Ich habe mich auf die Suche nach den Gründen begeben und versuche jetzt dafür zu sorgen, dass es nicht gelingen möge, rechte Gedanken als konservativ zu verkaufen."

"Gegen Abtreibung zu sein, das gilt auch für viele andere Positionen, das ist jetzt nicht per se rechts, überhaupt nicht, das ist eigentlich ein kernchristliches Thema. Es kippt allerdings, wenn es dann vermengt wird mit demografischen Erwägungen. Das sehen Sie zum Beispiel bei der AfD. Die spricht sich zwar insgesamt kritisch gegen Abtreibung aus, aber kritisiert Abtreibung in ihrem Grundsatzprogramm im Zusammenhang mit der Thematisierung einer sogenannten aktivierenden Bevölkerungspolitik zugunsten der einheimischen Bevölkerung. Mit anderen Worten, man moniert die Abtreibungszahlen deshalb, weil nicht genug deutsche Kinder geboren werden. Und diese Vermischung zwischen solchen Erwägungen und der Abtreibungsfrage sprengt das Konservative, weil ein konservativer Christ keinen Unterschied machen würde in dieser Frage, ob jetzt der Embryo, der abgetrieben wird, ein ausländisches Kind geworden wäre oder eben ein deutsches", so Bednarz.

Abtreibungen, Geschlechterdebatten, Homosexualität sowie das Feindbild des Islamismus - das sind einige der Kernpunkte von Argumenten, die in diesen Kreisen beständig wiederholt werden. Dazu kommt die oft beschworene "Diktatur des Zeitgeistes". "Wir leben aber nicht in einer Diktatur, sondern haben alle vier Jahre die Möglichkeit, neu zu entscheiden."

Es ist die Sprache, die in diesem Vortrag ganz genau unter die Lupe genommen wird und die Aufschluss gibt, wes Geistes Kinder diese Angstprediger sind.
Erleben wir nun bei den kommenden Landtagswahlen einen Rechtsruck?

"In gewisser Weise schon, weil sich das rechte Denken parteipolitisch übergreifend manifestiert hat - sowohl auf Bundesebene, als auch auf Länderebene. Das gab es in dieser Form bisher noch nicht", sagt Bednarz. "Früher gab es die Republikaner, aber es gab sie nicht flächendeckend. Das hängt damit zusammen, dass die AfD bis heute von ihrem bürgerlichen Image aus der Anfangszeit profitiert. Das Erfolgsrezept der AfD besteht darin, dass sie dem Protest eine Stimme gegeben hat und sie gezielt Themen angesprochen hat, wie Migrations-Politik, die viele Menschen seit langem umtreiben und die sonst nicht öffentlich diskutiert wurden.

Sie haben es geschafft - im Grunde aus Frustration gegen Politiker - Vorurteile zu schüren. Dafür sind die Menschen erstaunlich anfällig. Und sie tun so, als würde unsere Regierung dem Volk massiv schaden."

Rechts wird es immer dann, so die Publizistin und Juristin, wenn die drei Säulen - die "rechte Trias" - zu erspüren ist: gegen unterschiedliche Lebensentwürfe, die freie Entfaltung von Menschen und dem Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen. Sie beobachtet dabei über die Jahre hinweg, wie die Hemmschwellen brechen oder Feindbilder verächtlich gemacht werden. Oder wie Götz Kubitschek, ein politischer Aktivist der Neuen Rechten "von der Lust, zornig zu sein" spricht.

Dass Christen sich dieser Strömung anschließen, in der sie viele ihrer Themen auch vertreten sehen, verwundert Bednarz nicht. "Innerkirchlich ist diese Debatte sehr wenig ausgeprägt. Nach außen hin wenden sich die Kirchen sehr stark gegen Rechtspopulismus, sprechen sich auch sehr kritisch über die AfD aus. Aber mit diesen Christen, die innerhalb der Kirchen gen rechts gedriftet sind und irgendwo in diesem Graubereich jetzt auch teilweise sind, zwischen konservativ und rechts, sucht man eigentlich nicht die Auseinandersetzung, obwohl die Feindbilder, die dort gepflegt werden, in vielen Fällen identisch sind mit dem Feindbildern, die man auch im AfD-Milieu trifft. Viele Christen fühlen sich heimatlos und dem Gefühl der Hilflosigkeit ausgeliefert. Hier jedoch gibt es vermeintlich einfache Antworten."

Es bleibt, aufmerksam zu sein "und das Gespräch zu suchen und Widersprüche aufzuzeigen", so Bednarz. Dafür braucht es viel Geduld, wie sie aus vielen Gesprächen weiß. "Aber glauben Sie mir: Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Gespräche nachwirken!" 

                       Inge Wollschläger

Das Buch ist bei, Droemer HC  erschienen, ISBN: 978-3-426-27762-1 und kostet 16,99 Euro.

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 21. Oktober 2018:

- Fassungslos nach Abschiebung: Nürnberger Sinn-Stiftung will tschetschenische Familie zurückholen

- Mitarbeitende aus der Lutherischen Kirche Papua-Neuguineas beschäftigten sich mit Wandel

- Geniales Jahrhundertwerk: Diözesanmuseum Bamberg zeigt eine einmalige Bibel-Sacra-Suite von Salvador Dalí

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet