Schlüssel zur Heimat Jahrzehnte bewahrt

Blick in die Augsburger Synagoge
Blick in die Augsburger Synagoge. Fotos: JKMAS/Kimmel

Handliche Einblicke in die Ausstellung des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben

Augsburg war lange noch ein Mittelpunkt - zumindest gedanklich. Der jüdischen Familie Bauer gelang 1937 die Flucht aus Deutschland nach Palästina. Ihren Hausschlüssel nahm sie aus Deutschland mit. Bis 2005 hing er am Schlüsselbrett der Tochter - als stete Erinnerung an die alte Heimat. Dann erhielt das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben ihn geschenkt.

In dem neuen Ausstellungsführer dokumentiert die langjährige Leiterin Benigna Schönhagen solche Familiengeschichten genauso wie kulturgeschichtliche Zusammenhänge. Das Jüdische Kulturmuseum entstand 1985 in der Augsburger Synagoge und zeigte zunächst Ritualgegenstände und Synagogenschmuck.

Neuer Ansatz der Schau

2006 gestaltete Benigna Schönhagen die Dauerausstellung neu. Im April 2018 übergab die nun 65-Jährige den Stab an Barbara Staudinger. Der Ausstellungsführer, der nun erschien, ist ihr Vermächtnis.Im Mittelpunkt der Schau steht ein kulturgeschichtlicher und interaktiver Ansatz. So können die Besucher - und besonders die jüngeren unter ihnen - selbst aktiv werden: etwa Schubläden öffnen und Zusammenhänge herstellen. Schablonen helfen ihnen, den eigenen Namen in hebräischen Buchstaben zu schreiben.

Und sie können die prachtvolle 101-jährige und neu restaurierte Synagoge fast nebenbei besuchen - ohne Schwellenängste haben zu müssen. Es ist die einzige Großstadtsynagoge in Bayern, die das Dritte Reich überdauert hat.

Der Rundgangbegleiter ist mehr als ein bloßer Ausstellungsführer. In handlichem Format bietet er Einblicke in eine fast 2.000-jährige Geschichte des Zusammenlebens - die allerdings Jahrhunderte lang unterbrochen war. Bereits in der Römerzeit kamen Juden nach Augsburg.

Im 13. Jahrhundert bauten sie ihre religiöse Infrastruktur mit Synagoge, Gemeindehaus, Badestube und Friedhof aus. 1438 beschloss der Rat der Stadt Augsburg dann ihre Vertreibung. Nun konnten sie nur in den Landgemeinden vor den Toren der Stadt siedeln. In der Gemeinde Kriegshaber, die inzwischen ein Stadtteil Augsburgs ist, entstand ein reiches jüdisches Gemeindeleben. 1732 etwa stellten die 402 Juden, die dort lebten, die Mehrheit des Ortes. Das Jüdische Kulturmuseum betreut auch die dortige Synagoge als Außenstelle.

Als Juden im 19. Jahrhundert in Augsburg und anderen Städten wieder ihren Lebensmittelpunkt haben durften, ging ihre Zahl in den Landgemeinden deutlich zurück. Jüdische Unternehmer übernahmen gerade in der Textil- und Maschinenbauindurstrie eine führende Rolle. Sie trieben die große wirtschaftliche Entwicklung Augsburgs und auch anderer vergleichbarer Städte enorm voran. Webereien entstanden. Es gab aber auch zunehmend bedürftige Juden, die die Gemeinde nach dem "Gebot der Wohltätigkeit" unterstützte.

Der Rest der Überlebenden

Einen großen Teil der Ausstellung nimmt natürlich die Vernichtung der Gemeinde in der NS-Zeit ein. Von den über tausend jüdischen Bürgern Augsburgs entkamen fast 600 ins Ausland. Etwa 450 Gemeindemitglieder wurden ab 1941 in die Konzentrations- und Vernichtungslager geschickt. Nur 25 überlebten. Das Jüdische Kulturmuseum zeigt briefliche Kontakte zwischen bereits Ausgewanderten und Familienmitgliedern oder Freunden, die noch in Augsburg ausharrten."Die meisten in der Hoffnung auf ein Wiedersehen geschriebenen Briefe wurden zu letzten Lebenszeichen", so heißt es in dem Ausstellungsführer.

Gucklöcher in einer Schauwand geben punktuelle Einblicke auf eine Weltkarte. Sie zeigen Orte, in denen schwäbische Emigranten Schutz gefunden hatten. Da findet sich auch der Hausschlüssel der Familie Bauer.

Bereits am 29. April 1945 kehrte Heinz Landmann nach Augsburg zurück. Unter dem Namen Henry Landman diente er als "Private" in der US-Armee. Seine Uniform findet sich in dem Museum.

Neben den 25 Augsburger Überlebenden kamen bald 200 weitere Juden in die Stadt. Sie hatten als so genannte "Displaced Persons" die Konzentrationslager überstanden. Meist waren sie aus Osteuropa verschleppt oder geflohen. Oft warteten sie nur darauf, weiter nach Israel oder Amerika auswandern zu können. Sie gründeten eine eigene jüdische Gemeinde neben dem Nachfolger der 1943 ausgelöschten ehemaligen Kultusgemeinde.

1963 unternahmen die nun in Augsburg lebenden Juden eine Neugründung der Gemeinde.1985 weihten sie wieder die große Synagoge als Mittelpunkt ihrer Gemeinschaft - obwohl ihre Gemeinde zunehmend überalterte. Ab 1990 wuchs ihre Mitgliederzahl mit der unerwarteten Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wieder auf 1.500 an. Da gab es die Chance auf einen Neubeginn.

Neben der sehenswerten Dauerausstellung zeigt das Jüdische Kulturmuseum nun die Installation "1933" der österreichisch-iranischen Künstlerin Ramesch Daha. Der 80. Jahrestag der Novemberpogrome dient als Anlass, um die Ausgrenzung der deutschen Juden zu thematisieren. Ramesch Daha zeigt, wie 1933 die als "jüdisch" markierten Namen aus der amtlichen Buchstabiertafel entfernt wurden und gleichzeitig die Bücherverbrennungen jüdische Autoren traf.

Was ist eine Buchstabiertafel? Noch heute dient sie zur Übermittlung schwer verständlicher oder fremder Wörter. In Deutschland heißt es nach so genannten DIN 5009 genormt und damit amtlich: A wie Anton, B wie Berta, C wie Cäsar, D wie Dora und so fort. Kaum bekannt ist hingegen, dass diese Tafel, die auch in allen Telefonbüchern abgedruckt war, vor 1933 die Namen David, Jakob, Nathan, Samuel und Zacharias enthielt. Sie kamen auch nach 1945 nicht wieder zum Vorschein.  

Benigna Schönhagen, Das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, hg im Auftrag der Stiftung Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, Lindenberg/Allgäu 2018, 148 Seiten, ISBN: 978-3-95976-140-6, 10 Euro. Das Buch ist erhältlich beim Kunstverlag Josef Fink und im Buchhandel oder beim Jüd. Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, Halderstr. 6-8, 86150 Augsburg, Telefon 0821/ 513658, E-Mail: office(at)jkmas.de

                        Susanne Borée

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