Luther mischt sich ein, Kapitel 2

Timo wacht auf
Timo wird von einem Gebet geweckt. Illustrationen: Aaron Jordan

Ein Morgen voller Überraschungen

Hier geht es zur ersten Folge der Geschichte

Draußen vor dem gekippten Fenster dämmerte es und mit einem Mal begann das morgendliche Konzert der Vögel. Timo lag eingegraben zwischen seinen Kissen. Von ihm waren lediglich ein paar verstrubbelte blonde Haare zu sehen. Die Geräuschkulisse vor dem Fenster störte seinen Schlaf kein bisschen. Und bis auf den Lärm der Vögel war es in der Wohnung noch ganz ruhig. Das lag auch daran, dass Timo alle störenden Geräusche aus seinem Zimmer verbannt hatte: tickende Wecker, surrende Computer, flatternde Vorhänge. Penibel achtete Timo abends darauf, dass der Computer ausgeschaltet war und die Vorhänge mit einer Wäscheklammer zusammengezwickt wurden.

In seine Träume webte sich ­eine Stimme - zuerst leise, dann immer lauter:
"Das walte Gott Vater, Sohn und heiliger Geist! Amen. Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel. Dass dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen."

Im Halbschlaf murmelte Timo: "Bist du immer noch da?", um dann mit einem Ruck hochzufahren. "Spinnst du?"

"Ja ich bin noch da. Wie ich es gesagt hatte. Zeit für das Morgengebet mein Guter", antwortete die Stimme. "Um diese Uhrzeit?"

"Uhrzeiten spielen in der Ewigkeit keine Rolle mehr." Mit einem Stöhnen ließ Timo sich in seine Kissen zurückfallen. Denk nach, befahl er sich. Es ist mitten in der Nacht und dieser Herr Luther ist wieder erschienen. Gott steh mir bei! Ich scheine ein ernsthaftes Problem zu haben.

"Du erinnerst dich, dass wir eine Verabredung hatten - Stichwort: Referat?"

"Aber doch nicht mitten in der Nacht!"

"Der frühe Vogel...", "... kann mich mal!", grummelte Timo, drehte sich an die Wand und schloss seine Augen. "Ich habe Ferien, wegen mir komm' nach dem Frühstück wieder."

Und während er schon fast wieder einschlief, konnte er es noch immer nicht fassen: Eine Stimme im Kopf, die ausgerechnet Martin Luther sein wollte.

Frühstück ist fertig!

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sein kleiner Bruder Tom die Türe seines Zimmers aufriss - "Nutellabrot ist fertig!" rief - und die Zimmertür wieder zuwarf. Als Timo erneut seine Augen aufschlug, war die Stimme wieder da.

"2. Versuch: Das walte Gott Vater, Sohn und heiliger Geist! Amen. Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel. Dass dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen."

Timo stöhnte leise. "Was ist denn das für ein Zeugs?"

"So was nennt man ein Gebet", antwortete die Stimme.

"Gebet...", antwortete Timo tonlos. "So was mach' ich nicht! Nie."

"Das kann nie schaden. Ein Morgensegen für den Tag. Hab' ich selbst mit Gottes Hilfe gedichtet."

"Ach was! Und wozu soll das bitteschön gut sein?"

"Kann man das denn nicht aus dem Text entnehmen?"

"Was denn? Dass der böse Feind keine Macht an mir findet? Wer soll das denn sein, die NSA, mein kleiner Bruder oder mein 'Erzfeind' Sebastian Thiele?"

"Wen immer du auch als Feind bezeichnen möchtest. Zu meiner Zeit glaubten wir noch an den Teufel und an das Fegefeuer. Das war eine mächtige Kraft, die sehr beängstigend war. Sünden waren damals ein ganz großes Thema."

"Sünden? Was denn für Sünden? Tante Steffi sagt immer beim zweiten Stück Kuchen, dass sie sündigt. Meinst du das?"

"Naja", sagte Luther. "Sünden sind die Dinge, die dir schwer auf dem Herzen und auf deiner Seele liegen. Die dich verrückt werden lassen können - weil man ja so gerne ein Leben ohne Sünden leben würde - und man nicht weiß, wie man das machen soll. Als Sünden kann man wohl eher die Abkehr von uns selbst und Gottes Willen oder böse Gedanken und Taten bezeichnen und nicht ­Kuchen!"

"Pffffff...", schnaubte Timo. "Was gibt das jetzt? Theologie für Anfänger und das noch vor dem Frühstück? Kann ich nicht erst mal richtig wach werden."

"So oder so. Du hast gefragt", antwortete Luther. "Was ist Nutella?"

"Ein Haselnussaufstrich fürs Butterbrot. Ich dachte du hast Langeweile in der Ewigkeit - und dann kennst du kein Nutella?"

"Ich frühstücke schon seit vielen Jahren nicht mehr. Das muss mir wohl entgangen sein."
"

Ja - das hat's zu deiner Zeit nicht gegeben. Ein Segen unserer Zeit. Nutella auf dem Brot. Sehr lecker. Wie Schokolade."

"Schokolade kenn' ich leider auch nicht, obwohl ich viel Gutes darüber gehört habe! Manche Menschen sind ja schier verrückt nach dem Zeugs!"

Timo warf die Decke zurück und suchte mit den Füßen nach seinen Puschen. Tante Steffi hatte sie ihm gefilzt. Sie sahen aus wie kleine, grüne Drachen mit spitzen kleinen Eckzähnen. "Schau mal, was ich für dich gemacht habe", hatte sie bei der Geschenkübergabe gejubelt. Tief im Inneren dachte Timo damals, dass er eigentlich schon ein bisschen zu alt für diese Art Hausschuhe sei. Aber Tante Steffi war glücklich, wann immer sie ihn mit den Drachenpuschen sah. Und wenn Tante Steffi glücklich war, war sie enorm lustig und erzählte Witzchen, die sie in ihrem Job als Lehrerin von den Schülern hörte.

"Was ist orange und geht über einen Berg? Eine Wanderrine" - war einer der Witze, über die sich Timo ganz heimlich weglachen konnte. Aber nur heimlich. Schließlich war er ja kein Baby mehr, das über jeden Quatsch lachte.

Beim Frühstückstisch sah Timos Mutter ihn forschend an. "Du bist reichlich blass", stellte sie fest.

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