Gebrochen und doch ganz

Cornelia Stettner
Cornelia Stettner verantwortet die Biografiearbeit im Nürnberger "forum erwachsenenbildung".

Neue Serie: Lebenslinien in Gottes Hand - Vom lebendigen Umgang mit Biografien (Teil 1)

Wo komme ich her? Wo will ich hin? Immer mehr Menschen - gerade in der zweiten Lebenshälfte - denken über ihr Leben nach. Nicht nur dies: Sie wollen es ordnen. Sie wollen Lebensmöglichkeiten ausloten. Sie wollen es weitergeben. So beginnen sie mit Notizen in alten Schulheften. Oder schauen ihre Briefe aus vergangenen Jahrzehnten durch.

Das Sonntagsblatt will sich nun in einer neuen Serie mit der Biografie-Arbeit beschäftigen. Es soll Beispiele geben von Menschen mit gebrochenen und genauso mit heilen Lebensläufen. "Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade", heißt es. Wie das? "Nicht nur rundum gelingendes Leben macht Sinn. Auch und gerade Lebensbrüche können sinnige Prozesse auslösen", so Cornelia Stettner. Im Nürnberger eckstein entwickelt die Diakonin im "forum erwachsenenbildung - evangelisches bildungswerk nürnberg e.V." Fortbildungen zum biografischen Arbeiten.

Jede Generation hat ihre eigenen Anfragen an das Leben. Das geht dann schon mit der "Generation Praktikum" los: Keine stetige Arbeit macht eine lang- oder auch nur mittelfristige Lebensplanung möglich. Oft reichen die Verträge nur wenige Monate lang. Eigenes Versagen?

Nein, sagt Cornelia Stettner. Schließlich ist es nicht hausgemacht. Und es wird auch immer häufiger zu einer bestimmenden Lebenserfahrung werden. Wenn jemand fast ununterbrochen Bewerbungen schreibt und sich auf fundamentale Änderungen seiner Lebenssituation einstellen muss, fragt er weniger nach dem Sinn des bisher gelebten Lebens. Vielmehr muss aus den vielfachen Möglichkeiten das Sinnhafte ausgewählt werden. Das ist nicht leicht für junge Menschen. In der Biografiearbeit spricht man von biografischen Kompetenzen, die diese Generation braucht, um mit den Herausforderungen gut zurechtzukommen. In zwei oder drei Jahrzehnten, wird in der Rückschau ein anderes Nachdenken über den Sinn des Lebens beginnen. Welche Art von Heimat verankert sie?

In der Lebensmitte gewinnt die Frage "Was will ich in meinem Leben noch verändern?" an Bedeutung. Es gilt nicht zu verbittern über Blockaden und nicht gelebte Möglichkeiten, etwa aufgrund von Begrenzungen, die die Eltern unbewusst weitergaben.

Und Senioren ziehen eine abschließende Bilanz, um sich mit der Lebensgeschichte zu versöhnen. Gerade wenn Menschen auf Unterstützung von außen angewiesen sind, hilft eine Rückschau auf das, was sie selbst geschaffen und geschafft haben. Oder Pflegeheime knüpfen an vergangene lebensweltliche Bezüge an, um Demenzkranke zu erreichen. Und zwar nicht nur eine Generation über einen Kamm zu scheren - und sie mit dem bekanntesten Volkslied oder dem Schlagerhit ihres Jahrzehnts zu beschallen.

Sogar die Arbeit mit Flüchtlingen gewinnt unter dieser biografischen Perspektive neue Impulse: Sie verhilft dazu, sie als Menschen mit einer individuellen Geschichte zu sehen. Und wer alles verloren hat, hat immer noch seine Erinnerung. Wer dann noch ein Gegenüber findet, dem er die eigene Geschichte erzählen kann, der wird gestärkt.

Ausgehend vom christlichen Menschenbild gilt es, eine eigene Sinndeutung der Lebensgeschichte zu gewinnen. Es geht weniger wie in einer Therapie darum, was im eigenen Leben schief gelaufen ist. Sondern es ist eher wichtig, sich mit den Begrenzungen des Lebens zu arrangieren, gerade in ihnen Fülle zu gewinnen.

Natürlich sehnen wir uns nach Ganzheit. Eine heilsame Haltung ist es da, erläutert Stettner, sich mit seinen eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu versöhnen. Fragmentarisches Leben ist sinnvoll. Vieles ist unserer eigenen Verfügungsgewalt enthoben. Bruchstücke können wieder ein Ganzes werden, davon ist Cornelia Stettner überzeugt.

Was also hat meinen Lebensweg bis hierher bestimmt? Ein bestimmter Blick, eine neue Herausforderung? Welche Erfahrungen und Ereignisse haben mich eher in die Weite oder in die Enge geführt?

Natürlich prägt auch die jeweilige Lebensstation, an der ich stehe, meinen Blick auf die Vergangenheit und die Möglichkeiten der Zukunft. Wenn ich eigene Kinder habe oder die Eltern alt und pflegebedürftig werden, sehe ich meine bisherige Familiengeschichte ganz anders als vorher oder nachher.

Umgang mit Erinnerungen

Alles gut und schön - aber wie geschieht lebendiger Umgang mit Erinnerungen? Auch darum soll es in dieser neuen Serie gehen. Natürlich geht es zunächst darum, das notwendige Handwerkszeug - von der Ahnenforschung bis zu Zeitzeugenbefragungen - vorzustellen. Wer kann nur die Krakelschrift von Anno dazumal in alten Folianten lesen?

Biografie-Arbeit ist aber nicht bloß ein modernes Phänomen. Zwar haben jetzt immer mehr Menschen Möglichkeiten und Zeit, sich mit ihrem Leben zu beschäftigen. Doch auch schon früher wollten Menschen - zumindest, wenn sie es sich leisten konnten - der Nachwelt das Wichtigste aus dem Leben ihrer Eltern und Vorfahren vermitteln. Die Epitaphien, Grabmäler und Andachtsbilder für Verstorbene in Kirchen, sind voll davon. Was zählte? Was bleibt? Die Hoffnung auf Gott. Und der Stolz auf ein meist bei Stiftern erfolgreiches Leben. 

Heute ist das deutlich einfacher, Spuren zu hinterlassen. Ein einfacher Computer reicht, um alles aufzuschreiben und zu erforschen. Digitaldruck schafft ungeahnte Möglichkeiten, eine begrenzte Zahl von Exemplaren der eigenen Geschichte für die Lieben daheim herzustellen. Institute und freischaffende Autoren helfen dabei, die eigenen Erinnerungen zu sortieren und professionell aufzuarbeiten. Das ist individuelle Dienstleistung, die nicht nur einen Nachmittag braucht. Doch wie seriös ist das? Lohnt es sich? Einige Schneisen in diesen Dschungel lassen sich durchaus schneiden.

Und weiter: Interessiert das eigentlich irgendwen? Wie gehe ich mit den Narben des Lebens um, die dann irgendwann aufplatzen? Kann es heilsam sein, weiter in ihnen herumzubohren? Alle diese Fragen stellen sich vielleicht bei einer intensiven Beschäftigung mit der eigenen Lebensgeschichte. Das Sonntagsblatt will ihnen nun nachgehen ...   

Weitere Infos im Internet zum "forum erwachsenenbildung" und dem neuen Jahresprogramm unter www.feb-nuernberg.de oder telefonisch unter 0911/2142132.

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es bereits Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de wenden. Telefonisch sind wir erreichbar unter der Nummer 09861/400-389.

                              Susanne Borée

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