Vergilbte Lebenszeichen nach Jahrzehnten

Paul Hansel
Paul Hansel vom Kirchlichen Suchdienst. Foto: Borée

Neue Serie: Lebenslinien in Gottes Hand - Arbeit des Kirchlichen Suchdienstes zu Vermissten beendet (Teil 2)

"Warte jeden Tag auf Post von Dir, leider vergebens. Mir geht es gut." So schrieb ein Kriegsgefangener an sein "über alles geliebtes Frauchen" im Sommer 1946. Wie lange wartete er wohl noch? Sein Brief war unzustellbar. Er landete beim Kirchlichen Suchdienst. Die Liebenden fanden sich wohl nicht mehr wieder. Inzwischen hat die Nachricht kaum noch Chancen ihr Ziel zu erreichen. Sie befindet sich noch immer unter den rund 120.000 Briefen aus dem Krieg, die in den vergangenen 70 Jahren keinen Adressaten fanden.

Sie wandert nun ins Bundesarchiv. Zusammen mit den meisten Suchdienstunterlagen und verbliebenen Feldpoststücken. Nach sieben Jahrzehnten schließt der Suchdienst am 30. September seine Pforten. Bereits seit dem 1. Juli nahm er keine Anfragen mehr entgegen. In einem letzten Kraftakt nahm er sich in den vergangenen Monaten noch einmal die letzten Briefe vor und fand durchaus noch ab und an ein Ziel. Rund 700 Kisten mit Unterlagen waren allein an der Außenstelle in Passau zu verpacken. Suchdienst-Leiter Paul Hansel suchte noch kurz vor Schluss Abnehmer für die restlichen Teile der umfangreichen Bibliothek.

Nach 1945 waren rund zwölf Millionen Menschen auf der Flucht. Elf Millionen Soldaten lebten in Kriegsgefangenschaft. Rund vier Millionen Wohnungen hatten Bomben vollständig zerstört. Wie sollten Familien ihre Angehörigen an der Front wiederfinden, wenn sie durch Flucht oder ausgebombte Häuser keinen festen Wohnsitz mehr hatten? Und das ganz ohne Internet, Handy oder zentrale Anlaufstellen? Am Ende des Zweiten Weltkrieges hinterließen sie ihre Kontaktdaten gerne bei Pfarrämtern. Die wirkten zumeist noch dann weiter, wenn die zuständigen Behörden schon längst ihre Arbeit eingestellt hatten. Sie genossen noch Vertrauen, als das Versagen der staatlichen Stellen im Dritten Reich und durch den verlorenen Krieg schon offenkundig war.

Doch Informationen über den Verbleib der verschiedenen Familienmitglieder gingen nur höchst selten an ein und dasselbe Pfarramt. Je nachdem, wo sich die Menschen nun befanden, informierten sie das nächstgelegene Gemeindebüro. Da war Vernetzung gefragt.

Da hatte es etwa eine evangelische Flüchtlingsfamilie in ein rein katholisches Gebiet verschlagen. Das nächste protestantische Pfarramt war oft nicht so einfach erreichbar, um dort Informationen zu hinterlassen. Oder umgekehrt. Nun begann ganz selbstverständlich eine ökumenische Zusammenarbeit zu greifen. Gemeinsam gründeten Diakonisches Werk und Caritas das ökumenische Auskunftsarchiv bereits im Sommer 1945. Er arbeitete eng mit anderen Suchdiensten wie dem Deutschen Roten Kreuz zusammen. Das Bundesinnenministerium finanzierte danach seine Arbeit.

1,2 Millionen Feldpost- und Kriegsgefangenenbriefe wie die Nachricht an das "Geliebte Frauchen" übergab die Bundespost noch 1950/51 dem Kirchlichen Suchdienst. Es sind Lebenszeichen an Empfänger, deren Aufenthaltsort sich seit dem Krieg nicht mehr herausfinden ließ.

18 Millionen Anfragen beantwortete der Suchdienst - zu fast zwei Dritteln erfolgreich. Gut 20 Millionen Menschen, zumeist aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten haben beim Kirchlichen Suchdienst ihre Spuren hinterlassen. Nach 1947 sind die Unterlagen nicht mehr alphabetisch sortiert, sondern nach Orten, Straßenzügen und Familienverbänden geordnet. Stichtag ist der 1. September 1939, an dem der Zweite Weltkrieg ausbrach. Wer wohnte damals wo? Und wohin ging er nach dem Krieg oder der Flucht?

Das fragte sich auch Heinz. 1943 erlitt der damals 18-Jährige an der Ostfront schwere Verwundungen. Er war länger lebendig begraben, bevor man ihn fand. Er kam in ein Lazarett in Schlesien. Eine deutsche Familie und besonders deren Tochter Traude kümmerte sich dort liebevoll um ihn. Erst nach der Wende kam Heinz wieder in diese schlesische Gegend. Die Erinnerung kehrte mit aller Macht zurück. Er suchte jetzt die Familie, die ihn damals gepflegt hatte und später vertrieben worden war. Über den Kirchlichen Suchdienst erhielt er Kontakt zu dem Sohn Traudes. Leider war sie inzwischen verstorben.

Ursprünglich suchten rund 300 Mitarbeiter an zwölf Standorten in allen Bundesländern nach den Vermissten. Anfang der 1990er Jahre digitalisierte der Suchdienst Millionen Dokumente. Einwohnermeldeämter informierten ihn über den Ortswechsel von Personen, die aus den Vertreibungsgebieten stammen. So blieb die Datenbank aktuell. Zuletzt gab es noch 47 Mitarbeiterinnen - fast alles Frauen - in Stuttgart und Passau. Und drei Herren in München, die den Dienst koordinierten. Die Caritas bemühte sich, möglichst viele der Sachbearbeiterinnen zu übernehmen, so Paul Hansel. Ein Sozialplan und Abfindungen sollen die anderen unterstützen.

In München hielt er bis Ende September die Stellung als Leiter des Dienstes. Er braucht sich keine Sorgen um seine Zukunft zu machen, denn er ist bereits seit April 2014 als Ministerialdirigent pensioniert. Seitdem leitete er den Suchdienst. Nun kümmert er sich darum, dass "alles ordentlich abgegeben wird". Dann macht er das Licht aus. In den vergangenen Jahren fragten vor allem staatliche Stellen an, um die Schicksalswege für Renten- oder Entschädigungsleistungen nachzuvollziehen. Auch bei der Suche nach NS-Kriegsverbrechern und bei der Entschädigung von Zwangs­­ar­beitern konnte der Suchdienst helfen.

Inzwischen dienen die Briefe längst nicht mehr als Lebenszeichen. Nun wandte sich eine wachsende Zahl von Familien- und Ahnenforschern an den Dienst. Machte der Suchdienst eine gesuchte Person ausfindig, gab er ihre Daten nicht automatisch weiter. Zuerst prüfte er, ob der Gesuchte mit der Weitergabe der Adresse einverstanden ist.

Das Briefgeheimnis gilt selbst noch nach 70 Jahren. Solange Adressat oder Absender als Information für den nächsten Schritt ausreichten, durfte der Suchdienst keinen Brief öffnen. Manche Familienzusammenführung entwickelte sich zum Schock: Die Suchenden mussten erleben, dass der ideale Vater ganz anders war als erinnert. Der viel geliebte Opa wartete etwa noch zwei Tage vor dem Kriegsende begeistert auf den Endsieg. Oder Halbgeschwister erfuhren erst durch die Suche voneinander.

Dennoch erleben viele eine Suche nach Jahrzehnten als bedeutsam und befreiend. Ergreifende Dankschreiben erreichten den Suchdienst nach einem Erfolg. Zuletzt fanden Familien nur noch selten einen lebenden Opa. Aber: "Ich will wissen, wer ich bin und woher ich komme", das wird den Enkeln immer wichtiger. Besonders, wenn sie selbst in die Jahre kommen, in denen sie zurück schauen. Das alte Papier zerbröselt. Die Suche ist an ihre Grenzen gekommen.   

                              Susanne Borée

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