Im Zweifel bleibt der Streit

Gesellschaft für Familienforschung
Margit Schröder-Spetzke, Heidrun Novy und Marie Schreimel von der Gesellschaft für Familienforschung. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (3): Wer war vor mir da? Ahnen- und Familienforschung

Was bleibt von einer Familiengeschichte? Im Zweifel der Streit, so Margit Schröder-Spetzke von der Gesellschaft für Familienforschung in Franken. Egal, ob Erbschaftzwist oder Nachbarschaftsclinch - sobald dies aktenkundige Formen annimmt, überlebt er die Generationen. Und das auch, wenn die Familie längst ausgestorben ist. Bei einem Nachbarschaftsstreit um ein Feld fiel der Forscherin auf: "Die eine Familie hat es erhalten " und eine Generation später starb sie aus." Welchen Sinn also hatte dieser Erfolg?

Bevor das eigene Leben im Mittelpunkt steht, beschäftigen sich viele Menschen mit der Erforschung ihrer Ahnen. Nicht nur bei der "Gesellschaft für Familienforschung in Franken e. V.", nach eigenen Angaben mit 1.400 Mitgliedern, Tendenz wachsend. Nein, auch das Landeskirchliche Archiv in Nürnberg kann ein Lied davon singen.

Der durchschnittliche Nutzer ist männlich, nicht ungebildet um die 65 Jahre alt und gerade in Rente gegangen - weiß Archivar Daniel Schönwald. Dann hat der Senior endlich Zeit dafür, sich um seine Familie zu kümmern. Während seine Frau daheim die Enkel auf dem Schoß wiegt, heißt dies für ihn: Nach den Wurzeln der Familie zu suchen.

Genauso ist bei der "Gesellschaft für Familienforschung" der typische Besucher - ein gesetzter Mann. Mindestens 70 Prozent der Mitglieder gehören zu den Herren der Schöpfung, so Margit Schröder-Spetzke. Obwohl - heute sitzen Frauen am Tresen. Margit Schröder-Spetzke, Heidrun Novy und Marie Schreimel verbreiten Charme und Kompetenz.

Sie führen neue Besucher in die Ordnung der Regale, in die Geheimnisse der Archiv oder der digital gespeicherten Dokumente ein. Margit Schröder-Spetzke selbst begann zu forschen, um für ihren Schwiegervater, "der schon alles hatte", zum Geburtstag einen Stammbaum zu erstellen. Dann packte die Kornburger Floristin selbst das Forschungsfieber.

"Ich sagte mal zu einem Besucher", erzählt sie, "machen wir noch eine Generation." Und sie wurden fündig: Der damalige Pfarrer hatte zum Ahnen notiert: "War ein rechter Trunkenbold." Schließlich war das Pfarrarchiv vor Jahrhunderten noch nicht für die Öffentlichkeit gedacht.

Auch heute besteht eine Sperrfrist: 30 Jahre nach dem Tod bei Beerdigungen, 80 Jahre nach der Trauungen oder 110 Jahre nach der Taufe der gesuchten Personen. Dies Fristen gelten nicht für Kinder oder Enkel. Bei privaten Recherche kostet die tägliche Nutzungsgebühr im Kirchenarchiv zehn Euro. Donnerstags herrscht besonderer Andrang. Da ist das Archiv bis 20 Uhr geöffnet.

Kirchenbücher, Pfarrarchive oder Nachlässe von Persönlichkeiten aus dem kirchlichen Leben sind im Landeskirchlichen Archiv in besonderer Fülle einsehbar. Das Pfarramt vor Ort kann entscheiden, seine alten Kirchenbücher nach Nürnberg abzugeben. Rund 500 Bände sind bereits digitalisiert. "Wenn es gut geht, ist in einem Kirchenbuch ein Register angegeben", so Daniel Schönwald. Da hat sich dann meist bereits ein entnervter Pfarrer vor hundert oder 200 Jahren bemüht - weil ihm die Eintragungen schon damals zu unübersichtlich wurden. Er hat notiert, auf welchen Seiten sich Eintragungen über die bestimmte Personen und Familien befinden.

Die Bände sind im Archiv nach Pfarreien und Territorien sortiert. Also: Vor der Suche sollte der Forscher bereits wissen, zu welcher Pfarrei etwa der Weiler seiner Ahnen gehörte. Nicht erst seit heute betreut ein Pfarrer mehrere Gemeinden. Wo war dann sein Hauptsitz? Übergreifende Register über die Gemeindegrenzen hinaus gibt es nicht. Nur bei Trauungen ist - "wenn's gut geht", so Schönwald - der Heimatort des zugezogenen Partners angegeben.

Vom jüngsten Eintrag hangelt sich die Forscher zurück: Bei der Beerdigung ist meist das Alter angegeben. Zurückblättern heißt es nun: Die Taufe war früher kurz nach Geburt. Die Eltern heirateten vormals noch ein Jahr vor der Geburt des ältesten Kinder - wenn es nicht anders lief ... Das alles bedeutet natürlich ein vorsichtiges Tasten im Nebel unlesbarer Schriften.

Dann gibt es im Archiv noch Telefonanrufe, meist von Menschen aus Übersee, deren Vorfahren aus den evangelischen Bereichen Bayerns stammen. "Können Sie mal schnell ...?", heißt es dann. Doch danach wird es meist kompliziert. Wenn sich ein Archivar danach auf die Suche begibt, macht er es für eine Gebühr von 16 Euro pro Viertelstunde. Aber in aller Regel nicht länger als eine Stunde. Keine Zeit ...

Und wie weit kommt unser Ahnenforscher nun zurück? "Maximal bis 1524", so Schönwald. Damals hatten die Nürnberger Gemeinden St. Lorenz und St. Sebald als erste auf dem Gebiet der heutigen bayerischen Landeskirche Trauregister angelegt - um einen Überblick über legitime Heiraten zu bekommen.

Noch Ende des 16. Jahrhunderts breitete sich diese Sitte auf die fränkischen Landgemeinden aus, die protestantisch waren. Die letzten Gemeinden führten es nach dem Dreißigjährigen Krieg ein. Manchmal ging auch ein vorheriges Kirchenbuch in diesen Wirren verloren.Der Familienforscher findet natürlich am besten etwas, wenn seine Ahnen fest am Ort klebten. Mobilität schadet dem Entdecken. Obwohl - so ganz stimmt das nicht mehr. Digital lassen sich immer mehr Urkunden finden - etwa auch das Kirchenbuchportal "Archion".

Wie wandelt sich der Blick durch die vielen Daten? "Früher war es auch nicht anders", hat Margit Schröder-Spetzke erkannt. Franken war immer wieder Einwanderungsland: von Exulanten aus Österreich, später Handwerksburschen aus Thüringen. Nach drei Generationen sei ein Einwanderer angekommen - jedenfalls urkundentechnisch mit Besitz gesegnet wie Einheimische. Die Verlierer von gestern sind Gewinner von heute - und umgekehrt. Kleinbauern auf Sandböden besaßen plötzlich wertvolles Bauland im Speckgürtel der Städte. So wandelt sich dann doch manche unverrückbar scheinende Bewertung - auch eine Erkenntnis aus der Familienforschung.

Infos zur Gesellschaft für Familienforschung www.gf-franken.de, Tel. 0911/ 358939, am besten mittwochs 14-18 Uhr. Zum Landeskirchlichen Archiv www.archiv-elkb.de, Tel. 0911/588690

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                              Susanne Borée

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