Wie Gedenken lebendig wird

Bulitta
Weil sie noch die Auswirkungen des Krieges erlebt haben, setzen sich Hildegard und Erich Bulitta mit pädagogischen Handreichungen des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge für Friedenserziehung ein. Foto: Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (5): 30 Jahre Einsatz für die Friedenserziehung

Der Keller war für Hildegard Bulitta als Kind ein gruseliger Ort. Dort, wusste sie, starb im Krieg die Tante. Die 1947 geborene, lange in Kreuzwertheim tätige Lehrerin kann sich auch noch gut an die Kriegstrümmer erinnern. Bis heute lässt sie das Thema "Krieg" nicht los. Zusammen mit ihrem Mann Erich arbeitet sie derzeit an einem Grundlagenwerk zur Gedenk- und Erinnerungskultur. Zum Jahresende soll es erscheinen.

Erich Bulitta, Anfang 1945 geboren, ist noch ein echtes "Kriegskind". An die unmittelbare Nachkriegszeit besitzt der 70-Jährige noch viele Erinnerungen. So bekam er die Hungerjahre mit: "Ich sehe mich als Drei- oder Vierjährigen, wie ich zum ersten Mal von einem Bauern Kartoffel in Empfang nehme." Eine Schlange von Menschen habe danach angestanden.

Vor genau 30 Jahren kam Erich Bulitta, ebenfalls Lehrer an der Kreuzwertheimer Hauptschule,  erstmals mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kontakt: "Ich entdeckte im Schulanzeiger einen Wettbewerb des Landesverbands." Er entschied sich, teilzunehmen. Einzureichen waren Dokumentationen über die letzten Kriegstage aus jenen Orten, aus denen die Schüler stammten.

Die Klasse gab sich viel Mühe, Daten und Fakten zu recherchieren. Prompt gewann sie den ersten Preis. Das ermutigte Bulitta, sich im nächsten Jahr abermals am Wettbewerb zu beteiligen: "Diesmal ging es um das Thema 'Vorurteile'." Das war ein gewaltiges Thema mit vielen Facetten, erinnert sich Hildegard Bulitta: "Deshalb beschlossen wir, diesmal mit unseren beiden Klassen zusammenzuarbeiten." Heraus kam ein beeindruckendes Poster, an dem sich alle Schüler beteiligten: "Vor allem auch die ausländischen Jugendlichen, von denen sich damals noch weit weniger in den Klassen befanden als heute."

Wieder ging der erste Preis nach Kreuzwertheim. Und der Volksbund wurde aufmerksam auf das Lehrerehepaar, das sich so kreativ mit Themen zwischen den Polen "Krieg" und "Frieden" auseinandersetzte. Die Bulittas selbst kamen auf die Idee, aus dem umfangreichen Material, das im Zuge der Arbeiten am Thema "Vorurteile" zusammengekommen war, eine pädagogische Handreichung für den Volksbund zu verfassen. Damals ahnten sie noch nicht, dass sie so etwas wie "Hausautoren" für die Organisation werden würden. Inzwischen stammen um die 20 Handreichungen von dem heute in Esselbach bei Marktheidenfeld lebenden Lehrern. Am Aschermittwoch kam das jüngste Heft heraus: Eine Handreichung zum Volkstrauertag.

Auf Seite 6 dieser 64-seitigen Broschüre prangt eine etwa 500 Jahre alte asketische Maske, die die Bulittas bei einem Aufenthalt in Mexiko entdeckten. Das Kunstwerk zeichnet sich dadurch aus, dass es drei sich allmählich öffnende Gesichter vereint. Für Hildegard Bulitta steht die Maske sinnbildlich für das Thema "Gedenkkultur": "Auch hier geht es nicht nur um den einen Blick zurück in die Vergangenheit, sondern auch um den Blick in die Gegenwart und in die Zukunft."

Das Grundlagenwerk, an dem das Paar derzeit arbeitet, widmet sich Hildegard Bulitta zufolge vielfältigen Aspekten der Frage: "Was ist eigentlich Gedenkkultur? Und haben wir in Deutschland eine echte und lebendige Kultur des Erinnerns und Gedenkens?" 400 Seiten stark soll das Buch werden.

Ausführlich gehen die Pädagogen der Frage nach, warum es direkt nach dem Krieg so schwer war für die Menschen, zu trauern, obwohl sie doch vieles, teilweise so gut wie alles, verloren hatten. Erich und Hildegard Bulitta verweisen auf die Situation der Trümmerfrauen. Sie widmen sich außerdem dem Phänomen der 68er-Generation, die aus Protest gegen ihre so hartnäckig schweigenden, nicht selten auch verharmlosenden Eltern eine kulturelle Revolution anzettelten.

In ihrem Buch gehen die Bulittas schließlich auf die lange tabuisierten Traumatisierungen durch den Krieg ein. Immer wieder schlagen sie Brücken ins Heute und Hier: "Auch Bundeswehrsoldaten, die von Kriegseinsätzen zurückkommen, sind nicht selten traumatisiert." Hilfe sei dann dringend geboten.
Was Soldaten im Auslandseinsatz anbelangt, wird diese Hilfe inzwischen weitaus selbstverständlicher als noch in den 1980er Jahren gewährt. Anders verhält es sich mit Flüchtlingen aus Kriegsgebieten, die nach Deutschland kommen. Sie bleiben nach wie vor meist mit ihren traumatischen Erlebnissen alleine. Obwohl es diejenigen, die darüber zu entscheiden haben, welche Hilfen Flüchtlingen erhalten, besser wissen müssten.

An Gedenktagen, etwa dem Volkstrauertag, bestätigen die Verantwortlichen auch, dass sie um das nachhaltige Grauen des Krieges wissen. Doch Bekenntnisse, zeigen die beiden Autoren auf, nützen nichts. Echtes und lebendiges Gedenken muss zwingend Konsequenzen in der Gegenwart haben. Zum Beispiel und gerade in Bezug auf Flüchtlinge aus den zahlreichen Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt.

Mehr im Internet www.volksbund.de

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                              Pat Christ

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