Letzte Begegnung mit dem geliebten Bruder

Emma Eberlein
Emma Eberlein mit einem Foto ihres geliebten Bruders Karl Strauß. Foto: Meyer

Lebenslinien in Gottes Hand (8): Ruhestätte in Moldawien nach 70 Jahren entdeckt

Steinbach an der Holzhecke, ­Dekanat Feuchtwangen. Der Zweite Weltkrieg hat tiefe Wunden gerissen. Manche verheilen nie, andere werden erst nach mehr als 70 Jahren gelindert, wie bei der 80-jährigen Emma Eberlein aus dem Schnelldorfer Ortsteil Steinbach, welche jetzt erstmals das Grab ihres im Krieg gefallenen Bruders auf einem Soldatenfriedhof in Moldawien besucht hat. Der erste Flug ihres Lebens war ein Geschenk ihrer drei Söhne und deren Familien zu ihrem 80. Geburtstag. "Der Karl war ein guter Kerl und hat mir auch aufs Haar geglichen", erinnert sich die Seniorin noch heute gerne an ihren elf Jahre älteren Bruder. Karl Strauß war ein ganz normaler Junge, der nach der Schule eine Lehre in einem Sägewerk in Schnelldorf begonnen hatte. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad machte er sich täglich auf in die bayerische Grenzgemeinde, um dort eine Ausbildung zu absolvieren. Auch ein Arbeitsunfall, bei dem er einige Zähne verloren hatte, konnte ihn davon nicht abhalten.

Emma, die damals noch Strauß hieß, war gerade neun Jahre alt, als ihr geliebter Bruder mit nur 17 Jahren 1942 zur Wehrmacht eingezogen und an die Ostfront abkommandiert wurde. Kurz zuvor hatte er sich noch ein Grammophon gekauft. Das wollte er vor seinem Eintritt in den Kriegsdienst unbedingt noch besitzen. "Jetzt ist es da, jetzt kann ich gehen", waren seine Worte, ehe er sich nach Russland aufmachte.

Im Einsatz wurde er mehrmals verwundet, so dass er mitunter in den Heimaturlaub entlassen worden war. Weil sich der Inhaber des Eisernen Kreuzes 2. Klasse in
der Kälte des russischen Winters ­starke Erfrierungen an den Füßen zugezogen hatte, musste die Mutter ihm warme Strümpfe stricken. Daran erinnert sich Emma Eberlein noch genau. Wieder an der Front, wurde der Steinbacher abermals schwer verwundet. Dann kam er in ein Lararett bei Mereni am Fluss Dnjestr in der damaligen ­Sowjetunion, aber dem heutigen Moldawien.

Die Familie hörte anschließend nichts mehr von dem Sohn und Bruder, bis eines Tages ein Paket aus dem Lazarett mit den persönlichen Wertgegenständen des Gefreiten in einem Grenadier-Regiment eintraf. Darin befand sich auch die Nachricht, dass der 19-Jährige im Lazarett verstorben war. Über Jahrzehnte hinweg hörte die Familie nichts mehr aus dem großen Sowjetreich. Es gab keine Informationen über den weiteren Verbleib des gefallenen Soldaten.

Emma Eberlein aber ging das Schicksal ihres Bruders nicht aus dem Sinn. Immer wieder erzählte sie von ihm und äußerte dabei ihren Wunsch, mehr über die Umstände nach seinem Tod zu erfahren. Dies animierte ihre Enkelin Daniela Eberlein im Sommer 2014 mit Hilfe des Internets auf Spurensuche zu gehen. Dabei stieß diese auf einen Internetauftritt des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Erster Flug zum Bruder

Nach intensiven Recherchen kam zu Tage, dass ein gewisser Karl Strauß, geboren in Ransbach, auf einer Kriegsgräberstätte in der moldawischen Hauptstadt Chisinau seine letzte Ruhestätte gefunden habe. Endgrablage in Block 6, Reihe 19, Grab 740, hieß es dort. Um der Mutter ihren letzten großen Wunsch zu erfüllen, schenkten ihre drei Söhne samt Familien ihr zum 80. Geburtstag eine Flugreise nach Moldawien.

Nach kurzer Bedenkzeit stimmte die Rentnerin dem ersten Flug ihres Lebens zu, obwohl "ich auch gelaufen wäre, wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte". So jedenfalls meint die rüstige Seniorin, die sich dann Mitte Juni zusammen mit ihrem Sohn Dieter und ihrem Enkel Stefan auf den Weg in eine ihr unbekannte Welt machte. Schon der Flug begeisterte sie. Emma Eberlein kam dann aber im Rahmen einer Stadtrundfahrt in Chisinau mit gemischten Gefühlen am deutschen Soldatenfriedhof an.

Vor Ort fand die dreiköpfige Delegation aus Franken einen großen Marmorstein mit dem eingravierten Namen von Karl Strauß - neben unzähligen anderen Namen. Während des etwa zweistündigen Aufenthalts konnte sich Emma Eberlein noch einmal von ihrem Bruder verabschieden. Sie reiste anderntags mit der Überzeugung zurück, dass dieser auf einem einfachen, aber gepflegten Friedhof eine würdige Ruhestätte neben rund 30.000 weiteren deutschen Soldaten gefunden hat.

"Das war das größte Erlebnis in meinem Leben", blickt Emma Eberlein nun glücklich und zufrieden auf die letzte Begegnung mit ihrem Bruder zurück und denkt seitdem jeden Tag an ihre in Moldawien gewonnenen Eindrücke. Selbst von ihren Nachbarn erhielt sie große Anerkennung, dass sie sich in ihrem hohen Alter noch eine solche Reise zu­gemutet hat. "Ich würde es sofort wieder tun", entgegnet sie mit einem sehnsüchtigen Lächeln.        

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                             Heinz Meyer

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