Mit Rosenduft verwöhnt

Hospizbiografie
Über die in der Kunsttherapie entstehenden Werke komme Sibylla Baumann mit den Sterbenden über ihr Leben und über ihre aktuellen Ängste ins Gespräch. Foto: Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (9): Biografiearbeit im Hospiz des Würzburger Juliusspitals

Der ältere Herr war ein leidenschaftlicher Musiker. Tenorhorn hatte er gespielt. In der örtlichen Musikkapelle. "Sollen wir ein paar der Musiker einladen, hierherzukommen?", fragte ihn Sibylla Baumann vom Hospiz der Würzburger Stiftung Juliusspital. Es kam nicht mehr dazu. Der Mann verstarb. Friedlich. In seinen letzten Lebenstagen konnte er jedoch via CD noch die Musik hören, die er immer so sehr geliebt hat. Dafür sorgte das Team des stationären Hospizes.

Die Methode "Biografiearbeit" gewann in der psychosozialen Praxis in den letzten Jahren an Bedeutung. Biografiearbeit dient hier dazu, biografisch bedingte Verhaltensmuster zu erkennen und zu verstehen, Veränderungsmöglichkeiten auszuloten und Perspektiven für eine bessere Zukunft zu entwickeln.

Ein bisschen verwunderlich mag der hohe Stellenwert von Biografiearbeit in einem stationären Hospiz erscheinen. Die schwerstkranken Gäste des Würzburger Hospizes haben oft nur noch zwei, meist höchstens vier Wochen zu leben. Zukunftsperspektiven gibt es also so gut wie keine mehr. Und doch wird in dieser geringen Zeit alles dafür getan, um herauszufinden, wer der Mensch ist, der nun seinem Lebensende entgegengeht.

Wie ein Mensch sein Leben bewältigt hat, ob seine Lebensführung für ihn selbst befriedigend oder immer wieder sehr belastend war, ist entscheidend dafür, wie er mit der Grenzerfahrung des Sterbens umgeht. Wie starke Ängste er entwickelt. Oder wie ruhig er mit seinem Leben abschließen kann.

Momente des Glücks

Dem älteren Tenorhornbläser brachten die CDs, die Sibylla Baumann und ihr Team aussuchten, Momente des Glücks, bevor er verstarb. "Andere Menschen hatten ihr ganzes Leben lang Halt in Strukturen gefunden", so Baumann. Sie brauchten es, Aufgaben und das jeweilige Pensum zeitlich und inhaltlich exakt festzulegen. Das mag Außenstehenden als viel zu starr erscheinen. Hat die Betreffenden vielleicht aber davor geschützt, psychisch krank zu werden. Spontaneität und Improvisation war einfach nie ihre Sache.

"Diesen Menschen geben wir zum Beispiel Listen in die Hand, um ihre Tage strukturieren zu können", sagt Baumann. Listen? Die Hospizleiterin lacht: "Nun ja, zum Beispiel Listen mit den Mahlzeiten, wann gegessen wird und was angeboten wird." Oder andere Listen, die Ordnung verheißen, Einbettung in ein Gefüge: "Uns fällt immer etwas ein." Nichts schlimmer für strukturierte Menschen, als am Lebensende das Gefühl von Chaos zu bekommen. Von ziellosem Treiben in der letzten verbliebenen Zeit.

Großen Wert wird im Hospiz auf das Aufnahmegespräch gelegt. Die meisten Gäste, die so schwer krank sind, dass keine Therapie mehr greift, können Baumann zufolge bei der Aufnahme durchaus noch von sich erzählen. Von dem, was ihr Leben ausgemacht hat. In Bezug auf die Arbeit, auf Hobbys, auf zwischenmenschliche Beziehungen. Von dem, was ihrem Leben Sinn gab. Aber auch von Konflikten - mit den Kindern, Nachbarn, dem Ehepartner. Vielleicht ist das Leben bis zum aktuellen Lebenszeitpunkt auch noch von einer schmerzhaften, unbewältigten Trennung oder Scheidung überschattet.

Biografiearbeit wird jedoch nicht nur im Aufnahmegespräch praktiziert. Auch die Kunsttherapie dient dazu, das Leben eines Sterbenden zu erhellen, Verborgenes aufzuspüren; heimliche Wünsche oder Ängste. Baumann zeigt dies anhand von Farbarbeiten, die vor einiger Zeit im Hospiz entstanden: Die Hospizgäste ließen Farbe auf einer weißen Doppelkarte verlaufen. Die Karte wurde zugeklappt und dann das Ergebnis bestaunt: "Jede Karte sieht völlig anders aus."

Und jeder Gast las aus seinem Farbverlauf Anderes heraus. So kann ein Schmetterling mit bunten Flügeln in ein Bild interpretiert werden. Das Rot kann aber auch als Schmerz angesehen werden. Oder als flammende Angst.

Die Art und Weise, wie aufmerksam die Gäste des Würzburger Hospizes in ihren letzten Lebenstagen begleitet werden, wie alles dafür getan wird, noch einmal schöne Momente zu bescheren und Ängste zu nehmen, macht nachdenklich. Denn noch ist dies Luxus. Menschen, die in einem Altenheim leben, haben zum Beispiel keinen Anspruch auf ein stationäres Hospiz.

Dass in dem Heim, in dem sie untergebracht sind, intensiv Biografiearbeit betrieben wird, ist wiederum nicht selbstverständlich. Die Personalnot verunmöglicht es oft, gerade in den letzten Wochen des Lebens die Biografie des Sterbenden intensiv zu fokussieren und, wie im Würzburger Hospiz, mit Kreativität noch einmal Positives erleben zu lassen. Seniorinnen zum Beispiel, die es liebten, im Garten zu arbeiten, werden, können sie selbst nicht mehr in einen Garten gebracht werden, im Zimmer oder im Pflegebad des Würzburger Hospizes mit Düften verwöhnt, die Erinnerungen an glückliche Gartentage wachrufen.

Bis zum Schluss darf und soll das Leben zu seinem Recht kommen. Baumann: "Kürzlich wurde bei uns sogar Hochzeit gefeiert." Weil eine Tochter auswärts heiratete und die Mutter nicht kommen konnte, gab es eine Extrafeier zwischen Standesamt und kirchlicher Hauptfeier im Hospiz. Die Stimmung war fröhlich. Seitens der Mutter allerdings auch ein bisschen melancholisch. Für Baumann verständlich: "Wer lässt sein Kind schon gern gehen?"

In dem im Sommer 2013 eröffneten Hospiz stehen Schwerstkranken im Sterbeprozess zehn Betten zur Verfügung. Auf jeden Gast kommen 1,3 Pflegekräfte. Das Pflegepersonal kümmert sich nicht zuletzt darum, dass alle Symptome gut behandelt werden. "Häufig sind das Atembeschwerden, Schmerzen oder auch Verdauungsprobleme", sagt Baumann. Alles dies ist palliativmedizinisch und palliativpflegerisch heute gut in den Griff zu bekommen. Niemand muss am Ende seines Lebens leiden. Einen schlimmen Todeskampf hat laut Baumann noch kein einziger Gast auszustehen gehabt.

Wobei auch die Akzeptanz der zur Verfügung stehenden medizinischen Hilfen aus biografischen Gründen ganz unterschiedlich ist. Es gibt Menschen, die erst spät, wenn überhaupt, Schmerzmittel einnehmen wollen. Andere Gäste finden Schmerzmittel per se gut. Sie würde am liebsten rein prophylaktisch etwas gegen Schmerzen nehmen. Um bloß nicht zu leiden.  

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt@rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                             Pat Christ

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