Wurzeln der Zukunft - eine runde Sache

Hans Peter Haas
Hans Peter Haas, einer der Zuhörpartner beim Projekt "Wurzeln der Zukunft". Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (10): Senioren besprechen CD mit ihren Erinnerungen

Neun Stunden für ein ganzes Leben - findet sich da ein Ende? Nicht nur dass: Das eigene Erinnern rundet sich schon in dieser kurzen Zeitspanne zu einem Ganzen. Davon ist Hans Peter Haas überzeugt. Der pensionierte Schulleiter engagiert sich beim Projekt "Wurzeln der Zukunft" des Nürnberger "forums erwachsenenbildung".Die Erinnerungen einzelner Senioren füllen dann die runde Scheibe einer CD.

Dreimal trifft sich Hans Peter Haas mit den Erzählern, die ihre Erinnerungen auf diese Weise bewahren wollen. Jeweils für drei Stunden bekommen sie dann ein Mikrofon an das Hemd oder die Bluse geklemmt. Da denken sie laut für die Nach- oder Mitwelt über ihre Vergangenheit nach. Hans Peter Haas stellt Fragen und gibt Impulse. Sie werden aber nicht mit aufgenommen. Er gehört zu einem Team des Vereins "Großeltern stiften Zukunft", die sich für die Aufnahmen ehrenamtlich engagieren. Das Aufnahmegerät sei schnell vergessen, wenn es am Körper befestigt ist und nicht direkt im Blickfeld steht.

Schnell ist die Scheibe fertig. Die Aufnahmen werden nur noch technisch verbessert, um "ein Räuspern oder lange Pausen" herauszunehmen. Auch der Techniker bearbeitet nicht mehr die Reihenfolge der Erinnerungen - sondern lässt sie so stehen, wie sie kamen.

Bereits sechs Mal hat Hans Peter Haas den Weg durch die Erinnerungen fremder Senioren genommen. Jedes Mal neun Stunden lang. Plus Vorgespräche, fügt er hinzu. Das aber sei sein persönlicher Stil, nicht alle der ehrenamtlichen Kollegen halten dies auch so. "Mein Leben ist es wert, erzählt zu werden", diese Grundhaltung ist wichtig. Oft schenken Kinder, Enkel oder sogar einmal Vereinsfreunde diese Aufzeichnungen - passend auch zu Weihnachten. Aber derjenige, der sich erinnert, muss hinter dem Projekt stehen.

Kann nicht auch Erinnerungsarbeit privat im stillen Kämmerchen geschehen - nur mit dem Mikrofon zur Aufnahme bewaffnet? Anders gefragt: Warum braucht es einen Zuhörpartner? Die Erlebnisse lassen sich plastischer erzählen, wenn man es einem Gegenüber berichten muss. Noch dazu, wenn er über das vergangene Leben nichts weiß. "Viele wollen erst das Wichtige erzählen", so der erfahrene Zuhörer Haas. Dabei seien der alltägliche Tagesablauf "früher", die ganz banalen Details fast wichtiger, damit die Enkel ein Bild davon bekommen. Haas hat auch beobachtet, dass vieles für einen Erzähler selbst klar und deutlich ist, was ein unbedarfter Zuhörer nicht so ohne weiteres versteht. Da gilt es nachzufragen.

Manches Mal kommen die Erzähler mit einem festen Konzept, was sie aufnehmen wollen. Sie haben ihre Notizen mitgebracht, ihren Lebenslauf gegliedert. Einige Erzähler haben ihr Fotoalbum mit dabei oder umfangreiches Kartenmaterial, um entscheidende Stationen ihres Lebensweges zu erläutern. Dennoch: Alles muss sprachlich verstehbar sein. Es geht um mündliche Aufzeichnungen ohne umfangreiche Anhänge. Sie müssen aus sich selbst heraus sprechen.

"Jetzt müsste aber irgendwann Ihre Frau mit ins Spiel kommen", mahnte der ehemalige Schulleiter Haas an. Ihm gegenüber hatte ein älteres Ehepaar Platz genommen. Der Mann wollte erzählen, seine Frau sollte unbedingt mit dabei sein. Sie war ihm wichtig für seine Geschichte. Doch dann blieb der Mann ganz bei seinen Kriegserlebnissen.   

Die Senioren, die Hans Peter Hass bisher getroffen hat, waren alle über 70 Jahre und noch zumindest als Kinder von Kriegserlebnissen und deren Folgen geprägt. Sein ältester Erzähler war gar vor 90 Jahren geboren - und vom Sturm der Kämpfe ordentlich herumgetrieben. Nicht immer sorgt es da für Klarheit, linear von der Geburt an zu erzählen. Welche Lebensthemen und Leidenschaften, prägenden Personen oder Momente, Schwerpunkte und Träume bestimmten den bisherigen Weg? Wie konnte ich da nur überleben? Warum bin ich so streng erzogen worden? All dies sind wichtige Haltestränge für die Erzählung. "Das war halt damals so", lässt Haas nicht durchgehen. Wie sollen das auch die Enkel verstehen?

Unbedingte Verfügungsgewalt behalten die Senioren über ihre Erinnerungen. Die Gespräche sind vertraulich. Die CD erhalten nur die Erzähler selbst. Manche geben es als Geschenk an ihre Familie weiter, andere fügen es ihrem Erbe hinzu. Immer wieder macht sich Hans Peter Haas Notizen, fragt aber vorher nach, ob er das darf.

Es sind Krücken für ihn während der Gespräche, sie werden auf keinen Fall weiterverwendet. Sie helfen ihm dazu, in der dritten Erzählrunde die bisherigen Erinnerungen noch einmal durchzusprechen. Manchmal glaubten die Erzähler, bereits nach der zweiten Sitzung fertig zu sein. Dann entfalteten sich beim dritten Mal ganz neue Aspekte.

Haas weiß ferner: Die jeweilige Lebenssituation prägt entscheidend die Erinnerungen. Bei einer Frau, deren Mann gerade gestorben ist, sind sie dann ganz anders geformt als vor der Begegnung mit dem Tod. Sie können die Erzählerin durch die Macht der Erinnerungen stärken.   

"Meine eigene Erinnerungs-CD steht noch an", gibt der 69-Jährige unumwunden zu. Er habe sich zwar schon intensiv mit seiner Vergangenheit beschäftigt. "Meine beiden Elternteile sind aus dem Sudetenland. Da hat man ein anderes Heimatgefühl, als wenn die Familie immer am selben Ort lebte." Er kam 1946 zur Welt. So weiß er, wie die Familiengeschichte das eigene Leben prägen kann. Der begrenzte Rahmen während der Aufnahmezeit lenkt dann den Blick auf das Wesentliche.

Mehr Infos zu den "Wurzeln der Zukunft" online unter www.grosseltern-stiften-zukunft.de oder bei Cornelia Stettner unter Telefon 0911/2142132.

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                           Susanne Borée

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