Lebensbuch: Neugeburt innerer Bestimmung

Hubert Klingenberger
Hubert Klingenberger im Bildungszentrum Bad Alexandersbad. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (12): Biografiearbeit für junge Menschen stärkt Lebensmut

"Du schaffst es!" Dieser Satz kann Wunder wirken. Oder: ein ganzes Leben bestimmen. Ebenso ein "Du traust dich was" oder ein "Ich bin für dich da". Gelingt es gerade jungen Menschen, solche entscheidenden Sätze selbst wiederzugeben und damit zu verinnerlichen? Das ist ein wichtiges Thema der Biografiearbeit.

Ein Lebensrad entsteht etwa auf diese Weise. Familienmitglieder und enge Freunde finden dort ihren Ort. Und ganz wichtig: Es findet sich Platz für eine zentrale, stärkende Botschaft, die sie den Jugendlichen bislang mitgegeben haben. Konnten sie ihm aufzeigen, welche Kräfte, welche Begabungen ihm bisher geholfen haben - selbst wenn sein Leben Brüche aufweist? Jeder, auch ein kleines Kind, hat in seinem Leben schon viel geleistet, ausgehalten oder losgelassen. Das ist dann kein wahlloses "Liken". Denn eine solche unpersönliche Bestätigung im Internet nimmt das Gegenüber oft nicht ernst.

Es ist hier also nicht die Frage, ob die jungen Menschen schon so viel Einzigartiges erlebt haben, dass ihre Erinnerungen berichtenswert sind. Oder gar noch Zeugen längst vergangener und ereignisreicher Zeiten sind. Es geht um das Entdecken eigener Kompetenzen der Lebenstüchtigkeit.

Der Münchner Coach und Trainer Hubert Klingenberger dachte im Evangelischen Bildungszentrum Bad Alexandersbad und im Auftrag des Nürnberger Amtes für evangelische Jugendarbeit darüber nach: Er brachte vielfältige Ideen mit, was es heißt, "Jugendliche und junge Erwachsene durch biografisch orientierte Arbeit für das Leben stärken". Gerade Mitarbeiter aus der Jugendarbeit lauschten dieser Tagung.

Spannend ist es da, selbst darüber nachzudenken, in welchen sozialen Netzwerken ich gehalten bin. Reale Geflechte sind da viel intensiver als virtuelle. Es gilt darüber zu reflektieren: Bewegen sich die wichtigsten Bezugspersonen eher von meiner Person weg oder kommen sie mir näher? Wie haben mich meine Begegnungen geprägt? Welche kulturellen Regeln oder Weltanschauungen erlebe ich als lebensgestaltend?

Ein inneres Bild vom eigentlichen Lebenswunsch auf ein großes Blatt Papier gebannt kann auch für ein wenig mehr äußere Klarheit sorgen. Und dies nicht nur bei jungen Menschen. Ganz unterschiedliche Methoden und Medien können zu einem "Lebensbuch" zusammengefasst sein. Fotos, Kurzportraits, eigene Gedichte, Briefe, ausgefüllte Fragebögen oder selbst gemalte Bilder und Collagen kann das Buch enthalten. Ein Ordner hält die Seiten zusammen. Er kann als Bucheinband wertvoll gestaltet sein. So kann das Lebensbuch jederzeit erweitert werden. Schließlich spiegelt es eine Momentaufnahme aus dem Leben wider, an dem die Jugendlichen - und nicht nur sie - gerade stehen.

Junge Menschen denken auf diese Weise über ihre eigene Identität nach. "Das bin Ich!", "Meine Familie und meine Herkunft" oder "So stelle ich mir meine Zukunft vor" - all das sind wesentliche Kapitel in ihrem ganz eigenen Lebensbuch.

Neben seiner Arbeit mit Multiplikatoren bietet Klingenberger auch "Entscheidungsseminare" für Abiturienten oder Auszubildende an. Selbst für die Konfirmandenarbeit oder bei jugendlichen Migranten lassen sich diese Methoden anwenden.

Nicht nur bei Jugendlichen: Hubert Klingenberger berichtete von einem gestandenen Förster, den er betreute. Er sollte Karriere im Innendienst machen. Doch keines seiner Lebensbilder passte in ein Büro. Das sah der Förster schließlich selbst - und schlug die Karriere aus. Als er dies Klingenberger mitteilte, war er endlich mit sich im Einklang.

Die "Normalbiografie" - Schule, 40 oder gar 45 Jahre Arbeit möglichst in der derselben Firma, Häuslebauen, Kinder, die sich später in der Nähe ansiedeln, beschauliches Rentenalter mit liebevoll gepflegtem Garten - wird immer seltener. Da wird es fast immer erwähnenswerter, wenn ein Leben entsprechend verläuft. Doch halt: Je rarer sie wird, desto wertvoller erscheint sie wohl oft.

Meine Perspektive auf mein Leben beeinflusst die Art und Weise, wie ich es bewältige: Der Lebensweg kann dem einen ein Entwicklungsprozess zu immer höheren Erkenntnissen sein. Bei anderen geht es stufenweise gemäß der Lebensalter aufwärts - und im Alter dann wieder abwärts. Wiederholen sich immer dieselben Aufgaben - zumindest so lange, bis sie ausreichend im Leben beantwortet sind und dadurch an Bedeutung verlieren - wie meine Oma meinte?

Kommt das Beste noch oder war früher alles viel angenehmer, durchschaubarer oder geordneter als heute? Lernen wir lebenslang oder kehrt mit dem Erwachsenensein Ruhe ein? Kann ich nicht tiefer fallen als in Gottes Hand? Oder muss ich mich gerade im Alter oder bei Krankheit davor schützen, dass andere meine Schwächen ausnutzen? Sind immer neue Aufbrüche die Würze des Lebens - oder fürchte ich existenzbedrohende Brüche? Wie finde ich einen übergreifenden Sinn für meine Existenz? Ist Sicherheit oder Sinnhaftigkeit für den Einzelnen wichtiger?

Unter solchen Fragestellungen wird zukunftsgewandte Biografiearbeit fruchtbar. "Die Einstellungen zum Leben prägen die Lebensentscheidungen", so Hubert Klingenberger. Er selbst fand seinen Lebenssinn, als er eine sichere Stellung aufgab, die ihn aber ausbrannte. Nun begleitet er seine Mitmenschen, um mit ihnen Lebensformen zu finden, die zu ihnen passen. Ressourcenorientierte Biografiearbeit setzt sich also nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit ihrer Gegenwart und Zukunft auseinander. Sie denkt über Verhältnisse und Haltungen nach, auf die mein Leben aufbaut. So lässt sich Orientierung in einer zunehmend haltlosen Welt finden.

Das Leben wird länger - es dauert oft noch Jahrzehnte, nachdem die Kinder aus dem Haus sind. Welchen Sinn hat es, wenn der Zweck der biologischen Reproduktion schon längst erfüllt ist. Die Auseinandersetzung der eigenen Vergangenheit wird als sinnstiftend erlebt.

Natürlich ist die Erinnerung niemals objektiv, sondern eine subjektive Konstruktion. "Jeder Mensch erfindet sich sein Leben und hält diese Erfindung - oft unter gewaltigen Opfern - aufrecht", so meinte der Dichter Max Frisch. Wie wenig fotografisch die Erinnerung funktioniert, das zeigt allein schon ein Blick auf Geschwister. Sie erinnern sich oft ganz unterschiedlich an ihr Elternhaus und die "wichtigen" Begebenheiten daran. Und auch der beste Fotoapparat ist an die Perspektive seines Herrn und Meisters gebunden.

Eine wichtige Lebensaufgabe ist es da, meine Erfahrungen zu halbwegs stimmigen Erinnerungen zusammenzufügen. Sie müssen nicht "objektiv" sein. Für Klingenberger gewinnt ein Leben gerade dann Sinn, wenn wir im Einklang mit unserem Wesen handeln. An unseren Werten und Energiezentren dürfen wir nicht vorbeileben. Und somit nicht den Kontakt zu einem größeren Zusammenhang verlieren.     

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                           Susanne Borée

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