Liebesgaben als fester Halt

Hermann Bertlein.
Hermann Bertlein. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (13): Briefe, Artikel und Erinnerungen aus dem 1. Weltkrieg

"Liebesgaben für Weihnachten" sammelte das Rote Kreuz in der Region Uffenheim. Ab Ende November 1915 erbat es für die Soldaten im Feld. "Viele empfangen am Fest von den Ihrigen Liebesgaben, viele haben aber niemand, der sich ihrer annimmt oder ihnen etwas geben kann. Und doch sollen auch sie am Fest der Liebe Liebe spüren." Auf Spurensuche in Gollhofen begibt sich erneut Hermann Bertlein. Diese Epoche lässt ihn nicht los. Das Thema "Hundert Jahre Erster Weltkrieg" ist seit August 2014 längst noch nicht Vergangenheit. Im Gegenteil, vor hundert Jahren begann erst ein Drama, das sich über Jahre hinzog.

Nun hat Bertlein umfangreiche handschriftliche Tagebuchaufzeichnungen entziffert und mehrere Jahrgänge der Lokalzeitung durchstöbert. Ein neues Buch ist entstanden: "Ich könnte mir vorstellen, dass es hin und wieder dazu anregt, sich mit der eigenen Familienchronik näher zu beschäftigen. Da sich der Inhalt des Buches nicht ausschließlich mit Gollhofen beschäftigt, gehe ich davon aus, dass auch heimatgeschichtlich Interessierte in der Umgebung sich davon angesprochen fühlen." Der pensionierte Lehrer Bertlein dokumentiert genau Kriegsteilnehmer und Gefallene aus seiner Heimat.

Sein Onkel Leonhard Bärtlein wurde als 17-Jähriger am 23. Mai 1917 in den Ersten Weltkrieg eingezogen. Seit 18. Juli 1918 ist er vermisst. Sein Schicksal war lange ungeklärt. Dieser Schatten wich lange nicht von Leonhards Mutter, gleichzeitig der Großmutter Hermann Bertleins.

Aus Gollhofen stammte auch der 23-jährige Johann Kistner, der gleich im August 1914 an die Front kam. "Es ist keine Kleinigkeit Krieg zu führen, man muss viel aushalten", schrieb er am 22. August. "Das Gebet ist noch der einzige Trost, auf den man sich verlassen kann", mit diesen Worten folgte eine Karte am 26. August. Und am 15. September sorgte er sich: "Die Bewohner in Frankreich sind arm daran, die Ortschaften wurden fast alle in Brand geschossen und das Getreide bleibt alles auf den Feldern liegen." Seine Mutter versorgte ihn offenbar gut mit den "Liebesgaben". Er bedanke sich öfter dafür. Mehrmals schrieb er seiner Mutter, ihm nicht so viele wärmende Kleidung zu schicken, da er genug hätte - auch von gefallenen Kameraden.

"Um mich braucht ihr Euch nicht absorgen, ich bete fleißig zum lb. Gott, dass er mich beschützen möge", schrieb er wenig später seinen Angehörigen. "Die Sonntagsblätter lese ich so gierig vom ersten bis zum letzten Wort, ohne auszusetzen", so Johann Kistner am 8. Oktober 1914.  Sogar 30.000 kostenlose Exemplare des Sonntagsblattes gingen damals an die Front. Er gab sie auch an Kameraden weiter. Bald darauf fiel er.

Wilhelm Sebastian Schmerl, damals Ortspfarrer in Gollhofen und Großvater des langjährigen Sonntagsblatt-Herausgebers Christoph Schmerl, hielt am 15. November 1914 die Gedächtnisfeier für ihn: "So fällt es mir wohl hart, heute meines Amtes zu walten und doch darf ich es mit großer Zuversicht tun. Ich kann ihm das schöne Wort Jesu nachrufen, das Wort vom frommen und getreuen Knecht. Der Entschlafene hatte eine ernste Jugend in der Gott schon beizeiten das strenge Wort Pflicht geschrieben hatte." Schon als Johann Kistner gerade 17 Jahre zählte, starb sein Vater nach langer Krankheit. Als ältester Sohn musste er sich um den Bauernhof kümmern, bis er einberufen wurde. Als er fiel, riss er dort endgültig eine klaffende Lücke. "Sein Rat, seine Hand wird auch überall fehlen", so Schmerl weiter. "Wie viel Segen können solche ernste, treue Menschen stiften", schloss Schmerl.

"Dass dies Furchtbares bedeutete, war uns, an den langen Frieden gewöhnten Menschen, sofort klar." So schreibt Wilhelm Sebastian Schmerl in seinen Lebenserinnerungen zur Mobilmachung 1914. Sie hat Bertlein ebenfalls in seinen "Zeitspiegel 1. Weltkrieg" aufgenommen.

Der Pfarrer musste in seiner Gemeinde die schwere Nachricht überbringen, dass ein Sohn, Bruder oder Ehemann gefallen war. Bei seinem Kommen, auch wenn "mein Besuch ganz harmloser Natur war", empfingen ihn die Angehörigen voller Sorge. "Man mag es anfangen wie man will, in einem Augenblick springt die furchtbare Erkenntnis wie ein tödlicher Funke auf den Geist des anderen über." Bei einem Besuch erlebt Schmerl aber "etwas ganz Großes, an das ich solange ich lebe nur mit großer Ehrfurcht zurückdenken kann. Als der Mann begriff was war, reckte er seine Arme mit gefalteten Händen nach oben und rief mit starker Stimme: 'Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobt.'"

Währenddessen warb das Theater in Uffenheim für eine "vaterländische Abendunterhaltung" unter dem Titel "Stricken und Sterben im 1. Weltkrieg". Weihnachts-Feldpakete in großer Auswahl? bot Friedrich Landauer an. Für die praktisch denkende Mutter und Hausfrau war der "Tee-, Kakao-, Spirituosen-, Chocolade-, Keks- und Rauchutensilien-Inhalt" gleich "postfertig verpackt und adressiert". Mit dieser Idee stieß ein Gollhöfer Geschäftsmann durchaus auf Interesse. Weihnachtsgeschäft vor einem Jahrhundert. Gleichzeitig sammelte man in Gollhofen besonders hohe Summen für die Pflege verwundeter Soldaten. All dies dokumentiert Bertlein mit Zeitungsausschnitten. So gestaltet er das Buch zu einem einzigartigen Zeitdokument.

Auch Leonhard Wagner aus Gollhofen kam 1916 an die Front. Zum 12. Juni 1917 schrieb er: "Wir waren lebendig begraben. Wir schrien, dass es die Kameraden hörten. Dass ich nicht erstickt bin, verdanke ich auch noch meinem Stahlhelm. Diesen hatte es mir vors Gesicht geschlagen. Zuletzt schnürte es mir aber doch die Kehle ganz zusammen. Ich spürte ziemlich Schmerzen in Kreuz und Rücken. Im Lauf des Tages unterliefen mir dann auch noch meine Augen ganz mit Blut. So lang kam mir noch kein Tag vor wie dieser, konnte am Abend jedoch selbst zum Verbandsplatz laufen. Mein Gott du hast mich wieder einmal gnädig errettet, nimm dich meiner auch ferner an und erhalte mich dem einen, dass ich deinen Namen fürchte und lass mich, wenns gut ist, wieder gesund heimkommen." Er überlebte.

Dass aber mit Kriegsbeginn "der Anfang einer schweren Zeit bezeichnet war, in die wir für Jahrzehnte eintreten sollten, das erkannten wir nicht. Und es war gut so", so fügte Pfarrer Schmerl in seinen Erinnerungen an. Und Bertlein meint: "Man kann ferner am Beispiel dieser Auseinandersetzung im 1. Weltkrieg verstehen, wie katastrophale Begegnungen ablaufen", auch dies ist dem einstigen Lehrer in seinem Buch ein Anliegen.

Das Buch "Zeitspiegel 1. Weltkrieg am Beispiel Gollhofen" lässt sich bei der Gemeindeverwaltung Gollhofen und bei den Uffenheimer Buchhandlungen oder direkt bei Hermann Bertlein (Tel. 09841/3325) zu 25 Euro beziehen.      

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                           Susanne Borée

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