Erinnerungen an Mutter Romilda

Richard Radina
Richard Radina in Hollstadt mit seinem neuen Buch "Romilda - oder das Leben meiner Mutter". Foto: Kleinhenz

Lebenslinien in Gottes Hand (14): Über das mühsame Familienleben nach dem Krieg

Ein Alt-Bürgermeister aus Franken, Richard Radina, beschreibt in seinem Buch, wie mühsam das Leben für  eine Familie nach dem Krieg war. "Gute Menschen sind wie Sterne; sie leuchten noch, obwohl sie längst schon erloschen sind", sagt Richard Radina aus Hollstadt (Landkreis Rhön-Grabfeld). Er nennt im gleichen Atemzug den Titel seines neuen Buches: "Romilda - oder das Leben meiner Mutter".  Das Buch umfasst 183 Seiten. Es verdeutlicht anhand vieler Einzelheiten, wie mühsam es war, nach dem Krieg eine Existenz zu bestreiten. Die Familie Richard Radina in Großbardorf musste von der Hand in den Mund leben. Er steht als Beispiel für viele andere Familien, die ums Überleben kämpften.    

Fünfjährige allein geschickt

Romilda, die im Mittelpunkt des Buchs stehende Mutter, stammte aus dem fränkischen Althausen bei Münnerstadt. Sie lernte schon früh den Ernst des Lebens kennen. Damit  ein Esser daheim weniger am Tisch saß, wurde sie als Fünfjährige ohne Begleitperson zu Fuß im Advent 1904 zu ihrer Tante ins nahe Kleinbardorf geschickt, so der Buchautor. Das Kind sollte auf der etwa 15 Kilometer langen Strecke nur den Telefonmasten nachgehen. In Kleinbardorf ging Romilda später zur Schule und kam mit jüdischen Mitschülern in Kontakt. So konnte ein kleines Kapitel auch der Judengeschichte gewidmet sein.  

Richards Mutter Romilda, eine geborene Seit, hatte am 25. April 1899 das Licht der Welt erblickt. Nach der Schule diente sie als Magd in der Burdiansmühle bei Althausen Von dort kam sie in den fränkischen Grabfeldort Großbardorf, um 1931 einer Familie in der Not auszuhelfen. Der Vater stand durch den Tod seiner ersten Frau im Kindsbett mit vier kleinen Kindern plötzlich alleine da und wusste nicht mehr weiter.

Ihn heiratete die damals 32-jährige Romilda. Sie schenkte ebenfalls vier Kindern das Leben; darunter dem Buchautor Richard Radina. Dann musste Richards Vater am Polenfeldzug teilnehmen. Er erkrankte und starb bereits 47-jährig, am 11. März 1941. Ein Bruder und ein Halbbruder des Autors starben noch vor Kriegsende.

Damit ereilten die Familie weitere  herbe Schicksschläge. Sie musste sich mit drei Hektar Feld, das mit Hilfe von Kühen bewirtschaftet wurde, durchschlagen. Noch im Oktober 1941, sieben Monate nach dem Tod seines Vaters, kam Sohn Richard junior auf die Welt, der später Bürgermeister von Hollstadt im Landkreis Rhön-Grabfeld werden sollte. Romilda fuhr in ihrer Not im Milchauto mit, um in der Kreisstadt Königshofen zu entbinden. Sie starb nach einem ereignisreichen und harten Leben mit 85 Jahren im Oktober 1984.

Sonnenschein im Alter

Danach recherchierte Richard Radina intensiv das Familienleben in der Verwandtschaft und notierte nahezu alle Details. Auch eigene Erkenntnisse und Erlebnisse schrieb er auf.  Der Gedanke zum Buch kam dem Autor, als seine älteste Tochter Maria  das Handschriftliche ins Reine schrieb. Sie machte das sauber lesbare Manuskript ihrem Vater 2001 zu seinem 60. Geburtstag vor den Festgästen überraschend zum Geschenk. Dann war für ihn klar, ein Buch über seine Mutter und das Familienleben herauszubringen.

Autor Richard Radina widmet darin auch seinen Enkeln eine Rubrik und schreibt: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen!" So steht es bereits in der Bibel. Sagt man nicht, die Alten werden wieder wie die Kinder? Kommt vielleicht daher das herzliche Verhältnis zwischen Enkeln, Oma und Opa? Ist es eine gewisse Abgeklärtheit im Alter? Einstige Strenge verwandelt sich in Güte und Gelassenheit. Er beschreibt sein banges Warten auf den Besuch der Enkel. Das wird dann durch einen Blick in die strahlenden Kinderaugen belohnt. Durch ihre unbekümmerte Fröhlichkeit und Ausgelassenheit, die ansteckend wirkt. "Man freut sich, wenn sie kommen, aber auch wenn sie gehen". Auch dieser Spruch hat seine Berechtigung. Nämlich dann, wenn von der kleinen Rasselbande das Häuschen auf den Kopf gestellt wurde und das wilde Heer in allen Räumen gewütet hat. Kaum sind sie aus dem Haus, dauert es nicht lange und es kommt wieder Sehnsucht auf, Sehnsucht nach einer kleinen Rasselbande ...

Die Kinder der Familie Radina haben trotz schwerer Zeit viel Gutes von ihrer Mutter erfahren dürfen. Richard Radina junior wollte ihr damals etwas zurückgeben und kämpfte um ihre frühzeitige Rente. Mit Erfolg, denn 1956 hatte er in der kaufmännischen Berufsschule Königshofen im Fach Sozialkunde gelernt, "dass eine selbstversicherte Witwe nach Vollendung des 55. Lebensjahres eine Rente zusteht, wenn sie drei lebendige Kinder geboren hat". Prompt boxte er für seine damals 57-jährige Mutter auf Antrag die Rente durch. Er besserte rückwirkend mit hundert Mark monatlich die Familienkasse auf.    

"Ich habe das Buch geschrieben, weil unsere herzensgute Mutter ein vorbildliches und außergewöhnliches Leben geführt hat und sich für die ganze Familie in schwerer Zeit mit allen Kräften einsetzte und aufopferte", begründet Radina seinen Schritt gegen das Vergessen.     

Richard Radina, Kirchberg 3, 97618 Hollstadt/Rhön-Grabfeld, Das Buch ist am besten über ihn erhältlich

Über den Autor: Mit 18 Jahren war Richard Radina schon Geschäftsführer der Raiffeisenbank Bischofsheim in der Rhön geworden. Ab 1962 machte er Karriere beim gleichnamigen Kreditinstitut in Hollstadt als Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender. 1972 wurde er in seiner Wahlheimat Hollstadt mit 30 Jahren einer der jüngsten Bürgermeister in Bayern.

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt@rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                           Josef Kleinhenz

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