Keine Wurzeln. Nirgends

Entwurzelt.
Entwurzelt. Foto: Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (15): Gesucht: Erwachsene, die ehemals adoptiert waren

Es war der Faschingsdienstag 1966. Die Eltern waren beim Faschingszug. "Ich blieb daheim, denn ich war erkältet", erzählt Monika. Weil ihr langweilig wurde, begann die 16-jährige Würzburgerin, in den Wohnzimmerschränken zu stöbern. In einer Mappe entdeckte sie plötzlich ein Dokument, das ihr den Atem verschlug: "Ich erfuhr, dass meine Eltern nicht meine Eltern waren. Ich war adoptiert." Ein unbeschreibliches Gefühl überschwemmte sie: "Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen."Heute ist Monika 64 Jahre alt. Ihren vollständigen Namen will sie nicht nennen. Noch ist es ihr unangenehm, wenn Menschen von ihrem Schicksal wissen: "Irgendwie schäme ich mich dafür. Auch wenn ich gar nicht sagen kann, warum." Bis sie 16 Jahre alt war, verlief Monikas Leben in etwa so, wie das Leben vieler Mädchen in den 1950er Jahren verlief. Materiell fehlte es ihr an nichts Essenziellem. Im Großen und Ganzen sei die Welt als Kind für sie in Ordnung gewesen, sagt Monika.

Zumindest weitgehend. Denn verwöhnt und geborgen wuchs das Mädchen nicht auf: "Ich wurde sehr leistungsorientiert erzogen." Streicheleinheiten gab es nur bei guten Leistungen. Was fatal ist für einen jungen Menschen, der um seiner selbst willen geliebt werden möchte.

Überhaupt war die Mutter streng. Und mitunter geradezu unbarmherzig: "Machte ich etwas, was ihr nicht gefiel, strafte sie mich mit Nichtachtung." Mindestens einen Tag lang gab es dann keinen einzigen Blick. Kein einziges Wort. Ein nicht leer gegessener Teller reichte für solche Strafen. Ob das, was auf dem Teller war, dem Kind schmeckte oder nicht, war zu jener Zeit nicht wichtig.

Die Strenge wirkt sich auch dahingehend aus, dass Monika das Gefühl bekam: "Ich darf gar nichts." Die Mutter bestimmte, was angezogen wurde. Lange Zöpfe waren Pflicht. Freundinnen mit nach Hause zu bringen, tabu.

Mit dem Vater war das Verhältnis besser. Allerdings glänzte er meist durch Abwesenheit. "Er war Polizist", erzählt Monika. Nebenbei ging er auf Jagd.

Monikas Adoptivmutter ist inzwischen tot, letztes Jahr starb auch die leibliche Mutter. Monika ist verheiratet und hat eine Tochter, zu der eine herzliche Beziehung besteht. Und doch gibt es in ihr einen Schmerz, der nicht zur Ruhe kommen will. Da nutzt alles nichts, was sie erreicht hat im Leben. Berufliche Erfolge. Oder auch der Partner, den sie fand, und bei dem sie sich wohlfühlt.

Dieses Empfinden in ihr, nirgendwo zu wurzeln, tut unaufhörlich weh. "Mir fehlt einfach jedes Geborgenheitsgefühl", sagt Monika. Ob das anderen Menschen mit dem Schicksal "Adoption" auch so geht? Monika kennt niemanden, der bei Adoptiveltern aufgewachsen wäre. Sie wünscht sich, solche Männer und Frauen zu treffen. Darum wandte sie sich an das Würzburger Aktivbüro, das hilft, neue Selbsthilfegruppen anzubahnen.

Dass in Monika ein Schmerz wühlt, sieht man der resoluten Frau, die genau zu wissen scheint, was sie will, nicht an. Nach außen wirkt die 64-Jährige stark. Wie es in ihrem Inneren aussieht, erfahren nur Menschen, bei denen sie das Gefühl hat, rückhaltlos vertrauen zu können.

Nachdem sie entdeckt hatte, dass ihre Eltern sie - wie Monika es empfand - 16 Jahre lang "in einer Lüge leben ließen", war das Verhältnis vor allem zur Mutter völlig gestört. Warum hatte sie ihr nicht schon als kleines Kind gesagt, dass sie gar nicht diejenige ist, die Monika zur Welt gebracht hatte? "Ich bin sicher, hätte man mich im Kindergartenalter aufgeklärt, hätte ich das besser verkraftet", meint Monika heute. Hinzu kam der Schmerz, dass auch die Verwandtschaft dicht hielt. Natürlich wusste die Tante von ihrer Adoption. Doch man hatte ihr und allen anderen Verwandten verboten, mit Monika darüber zu reden. Daran hielten sich auch alle.

Obwohl nichts mehr in Ordnung war zwischen ihr und der Adoptivmutter, musste Monika bei den Adoptiveltern ausharren. Erst mit 21 Jahren zog sie nach Frankfurt, um eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen.

Die nächsten Lebensjahre waren geprägt vom Beruf und der Erziehung der eigenen Tochter. Monika hatte eine Scheidung hinter sich und musste sich als alleinerziehende Mutter durchschlagen. Erst 20 Jahre nach der Entdeckung, dass sie nicht das leibliche Kind ihrer Eltern war, begab sie sich auf die Suche nach der "echten" Mutter. Pragmatische Gründe führte sie an: "Ich wollte wegen meiner Tochter wissen, ob es in meiner Familie chronische Krankheiten gibt." Überhaupt habe sie wissen wollen, woher sie kam.

Tief innen gab es jedoch noch eine andere Sehnsucht. Monika malte sich aus, wie es sein würde, der Frau zu begegnen, die sie neun Monate in ihrem Bauch gehabt hatte. Die sie nur wegen der Prüderie der Umwelt hatte weggeben müssen: "Der Mann, von dem sie mit mir schwanger gewesen ist, war verheiratet." 1950 ein Skandal.

Mit Hilfe ihrer Abstammungsurkunde fand Monika Kontakt zu ihrer Mutter: "Sie wohnte immer noch am gleichen Ort." Ein Besuchstermin wurde vereinbart. Monika machte sich auf den Weg - und noch einmal wurde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Es gab nichts, stellte sie fest, was sie mit dieser Frau verband. Keine spontane Zuneigung flammte auf. Die Frau benahm sich künstlich. Oberflächlich. Kalt.

Das Gefühl, nirgendwo hinzugehören, niemals als "Ein und Alles" geliebt worden zu sein, nagt bis heute in ihr. Es prägt ihr Lebensgefühl, das so ganz anders ist als das von Menschen aus "normalen" Familien. Monika hat immer das Gefühl, sich auf dünnem Eis zu bewegen. Jederzeit einbrechen zu können. Geht es anderen Menschen, die adoptiert wurden, auch so? Wie gehen sie mit ihrer Wurzellosigkeit um? Bekamen sie gesagt, dass sie nicht das leibliche Kind ihrer Eltern sind? Oder fanden auch sie es vor der Volljährigkeit per Zufall heraus?

Monika hat viele Fragen. Und ist neugierig darauf, Menschen mit ähnlichem Schicksal zu treffen. Vielleicht legt sich dann ihr Schmerz: "Und vielleicht kann ich meinen beiden Müttern endlich verzeihen."

Wer Interesse an einer Gruppe für erwachsene Menschen, die adoptiert waren, hat, kann sich unter 0931/373706 an das Würzburger Aktivbüro wenden.

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                          Pat Christ

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