Mit Engelsflügeln zu den Sternenkindern

Michaela Jilg
Michaela Jilg mit einem Bild Jutta Bocks. Es stellt ihre enge Beziehung zu den beiden Sternenkindern dar und ziert auch den Titel ihres Buches. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (17): Wie lebt es sich weiter ohne die ersehnten Babys?

Es war "eine ganz normale Geburt, mit Schmerzen. Die Babys werden gewogen, angezogen und mir auf meinen Bauch gelegt. Es fehlte nur eine Kleinigkeit: 'die Freude' und die Schreie meiner Babys." So schrieb Michaela Jilg aus Rothaurach dem Sonntagsblatt. Vor zehn Jahren verstarben ihre Zwillinge Eva und Maria noch im Mutterleib. Es war fünf Wochen vor dem Geburtstermin. Die Ärzte leiteten sofort die Wehen ein. Auf die E-Mail folgte ein intensives Gespräch.

Michaela Jilg führte im ersten Jahr danach ein Tagebuch. Dies geschah mündlich. Nie ging sie ohne ihr Aufnahmegerät aus dem Haus. "Es hörte mir immer zu", sagt sie heute. Jahre später entstand daraus ein Buch. Die Schriftstellerin Katharina Storck-Duvenbeck verdichtete die Aufnahmen Jilgs zu einem Buch.

Zwei Tage nach der Entbindung dann die Beerdigung. Mit dabei waren ihre zwei älteren Kinder, damals vier und sieben Jahre alt. Schon vorher hatten sie gefragt: Wie kommen unsere Schwestern in den Himmel? Und tatsächlich, die Beerdigungskapelle hatte einen Lichtschacht, den vorher nie jemand wahrgenommen hatte. Da geht der Aufzug in den Himmel, fiel ihnen auf.

Michaela Jilgs Ehemann erklärte nach der Beerdigung: "Vielleicht haben sie es oben besser." Danach sprach er nur selten darüber. Doch ihre zwei älteren Kinder wünschten sich Engelsflügel, um zu ihren Schwestern fliegen zu können. Sie selbst schreibt: "Trauer hat sehr viel mit dem Glauben zu tun. Der Glaube kann Kraft, Geduld und so manche Erklärungen geben, um den Tod besser zu verstehen. Aber auch einen Trost zu geben. Nur einen Haken hat die ganze Sache. Man erwartet viel zu oft ein sichtbares Zeichen von Gott, dass unser geliebter Verstorbener auch wirklich bei Ihm angekommen ist." Auch ihr "Pfarrer mit festem Glauben fand keine Erklärung. Trotzdem fand er trostreiche Worte". So erinnert sich Jilg.

Am Anfang wollte Michaela Jilg immer nur weinen. Aber ihre zwei älteren Kinder mussten versorgt sein. "Es vergeht kaum ein Tag, an denen ich mir keine Gedanken über meine beiden Mädchen, Eva und Maria mache. Sie kosten auch sehr viel Kraft." Immer wieder versuchte sie, ihre Tränen auch im engsten Kreis zu verbergen. "Ist es gut, wenn die Mutter immer wieder den Boden unter ihren Füßen verliert und alle leiden darunter, besonders die eigenen Kinder und die eigne Familie?", fragt sie. "Ist es gut, wenn die eigenen Kinder die Mutter oft weinen sehen und sie nicht trösten können? Ist es gut, wenn die eigenen Kinder meinen, sie sind weniger wert als ihre verstorbenen Geschwister?"

Michaela Jilg litt besonders darunter, dass die Menschen um sie herum "dieses Thema auch noch totschweigen" wollten. Warum? "Nur dass sich die anderen besser fühlen? Wer fragt denn nach unserem Befinden?" Gerade solch ein gut gemeinter Trost wie 'Du hast ja noch zwei Kinder' ist für sie schier unerträglich. Denn sie ersetzen für sie nicht die Zwillinge. Anstatt hilfloser Sprüche wünscht sie sich eine Umarmung. Dass jemand an Eva und Maria denkt, ist für sie der schönste Zuspruch.

Zwei Wochen nach der Beerdigung wollte sie möglichst schnell wieder zu arbeiten beginnen. Bereits sechs Wochen später war es wieder soweit. Und das, obwohl sie als Leiterin einer Kläranlage "in einem absoluten Männerberuf" arbeitet. Sie hat elf männliche Mitarbeiter und nur eine Frau im Team. Sie vereinbarte ein Treffen mit allen und begann "gleich reinen Tisch zu machen". Später hörte sie: "Gut, dass Sie auf uns zugegangen sind. Wir hätten uns nicht getraut."

"Zählen Sternenkinder oder tote Kinder auch mit, wenn die Frage kommt: 'Wie viel Kinder haben Sie?' Ein Mann der nicht genau weiß, wie viel Kinder er hat, da wird nur geschmunzelt, aber eine Frau sollte dies ganz genau wissen. Aber so ist es nicht immer! Dürfen dann nur die Erdenkinder, die jetzt lebenden Kinder, gezählt werden?" Diese Frage treibt Jilg immer noch um.

"Am Anfang, als meine Mädchen starben, waren die Löcher sehr tief und sehr groß. Eigentlich nicht zu überwinden. Jetzt, nach den vielen Jahren, werden die Löcher weniger und auch nicht mehr so tief, aber sie existieren immer noch. Es gibt Tage, da kann man sehr gut damit umgehen, und es gibt Tage, da fällt man wieder total in ein solch schwarzes Loch." Es wuchsen ihr natürlich keine Engelsflügel, um zu ihnen zu fliegen. Michaela Jilg lernte mit der Trauer zu leben. Früher hätte sie nicht gedacht, wieder lachen zu können. Oder mit den Erdenkindern zu schimpfen.

Und immer das Gefühl "versagt" zu haben. "Warum war ich nicht fähig, meine Zwillinge zu beschützen?" Und das, obwohl sie schon dreizehn Monate nach Eva und Maria einen weiteren Sohn gebar. "So merkwürdig es klingen mag, Aron und ich mussten uns erst einmal anfreunden." Sie brauchte erst einmal "Zeit mit dem kleinen Aron, Zeit sich mit mir selbst zu befassen und Zeit, verstehen zu lernen, dass jetzt eben Aron da war und nicht Eva und Maria. Nach diesen sieben Tagen konnte ich mein Kind lieben wie all meine anderen. Ich war unsagbar stolz, denn ich hatte eine riesige Hürde überwunden. Ich hatte doch noch ein gesundes Kind zur Welt gebracht. Wenn ich es so überlege, dann bin ich sicher, dass meine beiden Mädchen bei der Geburt mit im Spiel waren." Später kam noch ein Junge.

Erst langsam lernten die Eltern ihren Frieden mit den Sternenkindern zu schließen. Vor drei Jahren zum Geburtstag von Eva und Maria schlug Michaela Jilgs Ehemann vor, einmal mit einem Glas Sekt darauf anzustoßen. "Auch noch nach zehn Jahren habe ich Probleme, eine Kirche zu betreten. Aber nicht weil ich meinen Glauben verloren habe, sondern weil ich merke, dass die Kirche ein besonderer Ort ist. Er strahlt eine besondere Atmosphäre aus. Manche Besucher spüren Vertrautheit, Geborgenheit, Liebe, Zuversicht und Wärme. Für mich laufen alle ungeklärten Fragen auf! Ich erwarte gerade in der Kirche ein sichtbares Zeichen, auf alle offenen religiösen Fragen und das noch nach zehn Jahren."

Welchen Sinn kann es haben, dass die Zwillinge nicht auf diese Welt kamen? Michaela Jilg ringt da immer noch um eine Antwort. Wichtig ist es ihr, mit ihren Erfahrungen auch anderen Frauen in einer gleichen Lage zu helfen. Bereits drei Wochen, nachdem ihre Zwillinge nicht zur Welt kamen, hinterlegte sie im Krankenhaus einen Brief für andere Frauen mit demselben Schicksal: "Ihr seid nicht alleine auf der Welt", war ihre Botschaft, die sie von ihren Engelskindern erhalten hatte.

Das ist ihr auch wichtig in ihrem Buch. "Es war nicht umsonst, dass meine Mädchen sterben mussten und meine Familie so leiden musste. Sondern sie hatten mir eine Aufgabe auferlegt."Katharina Storck-Duvenbeck: Wenn zwei Sterne leuchten. Erfahrungsbericht einer Sternenkindmutter. Edition Knurrhahn, Nürnberg 2012, 152 Seiten; ISBN 978-3-932717-43-7; 9,90 Euro.     

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Susanne Borée

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