Herr Luther mischt sich ein: Kapitel 11

Eisessen
Timo konnte nicht glauben, was ihm Hanna über ihre Familie erzählte. Illustrationen: Aaron Jordan

Unstimmigkeiten: Ein Idol wankt

(=> Hier geht es noch zur letzten Folge.)

Ein paar Stunden später kam Timo vom Eisessen mit Hanna zurück. Es war richtig schön gewesen. Das hatte er nicht erwartet. Auch nicht, dass es sich so wunderbar und interessant mit Hanna plaudern ließ. Zuerst hatten sie geblödelt und jede Menge Witzchen über Mitschüler und Lehrer gemacht. Hanna hatte sogar über seine "Antiwitze" gelacht, wie über seinen absoluten Favoriten: Treffen sich ein Walfisch und ein Thunfisch. Sagt der Walfisch zum Thunfisch: "Was sollen wir tun, Fisch?" Erwidert der Thunfisch: "Kein Ahnung. Du hast die Wahl, Fisch!"

Dazu hatten sie "Heiße Liebe" - Vanilleeis mit heißen Himbeeren - gegessen. Das war alles sehr lustig, bis die Gespräche eine andere Dimension annahmen: Hanna hatte ihm von ihrer Familie erzählt. Und das haute Timo schier aus den Socken. Hanna erzählte ihm von ihren Urgroßeltern väterlicherseits. Sie waren Juden gewesen und im 2. Weltkrieg nach Theresienstadt deportiert worden, wo sie schließlich umgebracht wurden. Hannas Großvater überlebte. Nachbarn hatten ihn an Kindesstatt aufgenommen und jedem erzählt, dass das ein Kind einer Verwandten aus der Schweiz sei, die an einer schweren Krankheit gestorben war.

Timo war sehr aufgewühlt. Solche Geschichten kannte er nur von Dokumentationen aus dem Fernsehen, die er manchmal zufällig mit seinem Vater schaute. Sein Vater war sehr schlau, weil er so viele Berichte aus Wissenschaft und Geschichte schaute. Gut - manchmal nervte es auch, wenn sein Vater darauf bestand, seine Sendung fertig zu schauen - obwohl gerade auf einem anderen Sender ein wahnsinnig spannender Actionfilm lief. Aber in diesem Fall war Timo ganz froh, dass er wenigsten ein bisschen Ahnung hatte von der Judenverfolgung im Dritten Reich. Das wäre ja auch zu peinlich gewesen.

Aber die Geschichte Hannas war da etwas anderes. Da hatte "Weltgeschichte" plötzlich ein Gesicht bekommen.

Hanna war "Halbjüdin". Ihre Mutter war Christin und jetzt wusste er, dass Kinder in der jüdischen Tradition immer die Religion der Mutter übernehmen.

Wie aufregend war das Gespräch. Wie schrecklich, was Hannas Familie erlebt hatte!

"Warum weiß ich so was eigentlich nicht?", fragte er sie. "Wir gehen seit Jahren in die gleiche Klasse und das ist heute das erste Mal, dass du das erzählst."

"Ich hänge das nicht gerne an die große Glocke", erwiderte Hanna. "Auch wenn ich keine Jüdin bin, so ist es den meisten Menschen egal. Sie sehen die Familiengeschichte und dann bin ich eben Jüdin. Und Juden haben in der Welt immer noch keinen guten Stand! Denk nur mal an die Überfälle in Paris im letzten Jahr. Es gab eine Ausreisewelle nach Israel, weil sich viele Juden in Frankreich nicht mehr sicher gefühlt haben. Da ist der Wurm drin. Antisemitismus - also Judenfeindlichkeit - gibt es immer noch. Es ist besser, das nicht an die große Glocke zu hängen. Leider."

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