Bruder Sonne, Schwester Mond

Schauspieler
Zehn Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem St. Josefs-Stift arbeiten aktuell mit Alexander Jansen und Julia Erche an einem neuen Maskentheater. Foto: Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (18): Behinderte Schauspieler gehen ihrer Biografie nach

Eisingen, Dekanat Würzburg. Ganz langsam wird eine Plastikflasche vor dem Mikrofon zerknautscht, so dass nun ganz unheimliche Geräusche durch den Theaterraum geistern. Wem würde jetzt nicht gruseln? Dann setzen, dirigiert von Musikerin Julia Erche, punktgenau die Percussion­instrumente ein, während sich auf der Bühne ein wortloser Maskentanz zum Thema "Feuer" vollzieht.

Wer noch immer der Meinung war, Menschen mit einer geistigen Behinderung könnten nicht Theater spielen, wird im "Theater unterm Turm" im Eisinger St. Josefs-Stift eines Besseren belehrt. Im Gegenteil  spielen Menschen mit Handicap doch häufig intensiver und authentischer. Das Theaterstück verwirklicht sich bei ihnen unter Einbindung und auch gewisser Preisgabe ihrer eigenen Biografie in packender Weise.

Die lebendige Feuerszene, die Regisseur Alexander Jansen gerade mit dem Eisinger Ensemble einstudiert, verdeutlicht, mit welcher Leidenschaft die Schauspielerinnen und Schauspieler aus der nahe Würzburg gelegenen Einrichtung bei der Sache sind. Allein die von den zehn Akteuren selbst gestalteten, magischen Masken, die sie bei den verschiedenen Szenen tragen, erzählen auf eine sehr spezielle Weise vom Leben, den Wünschen und von den Träumen der Mimen. Mit Hilfe der Masken überspringen die Akteure die Grenze zum Reich der Fantasie. Gleichzeitig integrieren sie reale Bezüge aus dem eigenen Leben in die Maskengestaltung.

Etliche poetische und berührende Stücke, allesamt mit Masken realisiert, entwickelte die Theaterwerkstatt im Eisinger St. Josefs-Stift seit ihrer Gründung im Jahr 1981. Nie ging es allein um ein konkretes Thema, sondern stets auch und vor allem um seelische Äußerungen. Dabei geben die Akteure mit Handicap dem Publikum einen Einblick in ihre teilweise eigene, teilweise jedoch gar nicht andere Lebenswelt.

Auch Alexander Jansen, ehemals Dramaturg am Würzburger Mainfranken Theater und seit einem Jahr Leiter des Eisinger Theaters, geht es in seiner ersten Produktion "Bruder Sonne, Schwester Mond" um das, was Menschen mit und ohne Handicap verbindet. Lange wurde zu Beginn der neuen Produktion im Ensemble darüber nachgedacht, was denn das Leben ausmacht. Wie ist es um den Tod bestellt? Was macht im Leben Sinn? Wo steht man selbst gerade - auch im Hinblick auf die eigenen Wünsche und Ziele?

Geburt eines Theaterstücks

Eine neue Produktion zu entwickeln dauert zwischen eineinhalb und zwei Jahren. Dieser Prozess beginnt mit dem gemeinschaftlichen Ideensammeln. Im nächsten Schritt muss aus der Fülle des hieraus geborenen Materials das herauskristallisiert werden, was sich innerhalb eines Stückes zu einem logischen Ganzen fügen könnte. Im hinteren Teil des Theaterraums liegen etliche bunte, mit Wachsmalkreide gestaltete Bilder auf dem Boden. "Das ist unser Drehbuch", erklärt Jansen. Anhand dieser Bilder lässt sich erkennen, wie sich die einzelnen, thematischen Elemente der Inszenierung allmählich herauskristallisiert haben. Zum Beispiel das Thema "Feuer".

Bis zur Präsentation des 70-minütigen Maskentheaters, das aus neun in sich abgeschlossenen Szenen besteht, wird noch ein Dreivierteljahr vergehen - die Uraufführung ist für Oktober geplant. Das Ensemble ist aber auch nicht gezwungen, rasch zu produzieren.

Bei der Theaterarbeit in Eisingen geht es darum, sich selbst und die Welt mit Hilfe theatralischer, tänzerischer und musikalischer Mittel sowie durch die "Magie" der Masken ein bisschen besser zu verstehen. Dafür darf man sich Zeit lassen. Denn man sieht sich nicht im direkten Wettbewerb zu anderen Ensembles und steht nicht unter dem Druck, möglichst schnell mit möglichst billigen Effekten möglichst viel Geld einspielen zu müssen.

In jeder Spielsequenz wird deutlich, dass sich hier ein Stück jenseits der heute üblichen Konkurrenzbedingungen in der Theaterwelt  entwickelt hat. Es zeigt große Ruhe, immense Ernsthaftigkeit und die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie. Fühlbar wird auch, wie gut in Eisingen die Kooperation zwischen behinderten und nichtbehinderten Schauspielern gelingt.

Schon weit gediehen ist die Szene "Die Liebe und die wilden Tiere". Carolin Schmidt schlüpft hier in die Rolle eines schwirrenden Kolibris. Die ist ihr wie auf den Leib geschneidert: "Denn ich liebe es, zu tanzen." Der quicklebendige Kolibri verliebt sich in den Affen. Doch die Liebe des Paares ist bedroht: Die wilden Tiere wittern Beute und fahren ihre Krallen aus.

Karl Göttle, den Fans der Eisinger Theaterwerkstatt durch die 2014 uraufgeführte Produktion "Thron der Träume" bekannt, spielt diesmal unter anderem einen Elefanten. Keven Gätzner hat sich den sibirischen Tiger als sein Lieblingstier ausgesucht: "Den finde ich einfach faszinierend, weil er so majestätisch ist." Sibirische Tiger, weiß Gätzner, haben auch ein ganz eigenes Jagdverhalten: "Sie jagen im Verborgenen. Und das wird in unserem Stück zu sehen sein."

Weil es diesmal mehrere Szenen gibt, werden auch mehr Masken als sonst gestaltet. Bisher kreierte jeder Schauspieler eine Maske. Jansen: "Diesmal wird es einen großen ­Maskenfundus geben." Enrico Illhardt, Fan von "Star Wars", fabrizierte für eine der neun Szenen eine von Blitzen durchzuckte Monstermaske. Direkt furchteinflößend schaut die aus.

Jede Woche wird geprobt. Manchmal sind auch Intensivproben angesagt. Dann beginnt das Ensemble um acht Uhr morgens an den Szenen zu arbeiten. "Das geht dann bis nachmittags um vier", sagt Jansen. Parallel zu den Proben wird das aktuelle Stück "Thron der Träume" aufgeführt. Großen Erfolg feierte die Inszenierung bei einem Festival in Landau. Ab Frühjahr läuft der "Thron der Träume" allmählich aus. Dann beginnen intensive Probephasen, damit bei der Uraufführung im Herbst alles klappt. Eingebettet ist "Bruder Sonne, Schwester Mond", in eine Veranstaltungsreihe der Stadt Würzburg - auch das ist neu. Unter anderem gibt es am Tag der Uraufführung im Würzburger Burkardushaus eine Einführung in das Stück.  

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Pat Christ

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