"Gott bis zu dir selbst entgegenkommen"

Schwanberg
Auf dem Schwanberg im Nebel und Eisregen. Welchen Weg gehe ich? Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (19): Ankommen bei mir selbst auf den Wegen der Meditation

Den Namen Jesus durch den Atem fließen lassen. Das soll das große Ziel sein. Fünfzehn Frauen und Männer haben sich trotz des Eisregens auf dem Schwanberg getroffen. Sie wollen sich für das Jesusgebet öffnen. "Das Jesusgebet, auch Herzensgebet oder immerwährendes Gebet genannt, ist ein besonders in den orthodoxen Kirchen weit verbreitetes Gebet, bei dem ununterbrochen der Name Jesu Christi angerufen wird", so weiß es Wikipedia. Dann noch der Verweis auf 1. Thessalonicher 5,17: "Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass." Ich weiß, Gebet und Meditation soll man sich regelmäßig einüben. Zu schnell schleift das aber bei mir im Alltag zur Routine ab.

Nun gut - dann könnte ich ja mal wieder damit beginnen: Nach dem Hamsterrad der Advents- und  Weihnachtszeit. Nach einem unspektakulären Jahreswechsels. Ganz unter uns: Eigentlich hat das neue Jahr genauso begonnen wie das alte aufgehört hat. Die Zukunft hält sich selten an Menschenwerk wie Kalender.

Achtsamkeit auf dem Weg

Also: auf zum Herzensgebet. Das Besondere schärft bei mir eher das Bewusstsein. Solche Auszeiten brauche ich. Wie lassen sie sich in den Alltag einfügen, um dann im Alltag das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren?

Zunächst einmal bin ich gut angekommen. Trotz des Eisregens. Nachts, als ich ihn kommen hörte, dachte ich darüber nach, ob und wie ich diesen Tag absagen sollte. Dann schlief ich wieder ein. Im Morgengrauen sah dann alles nicht so schlimm aus. Trotzdem hatte ich genug Zeit mitgebracht - für den Weg. Natürlich war die Autobahn schon frei. Auf den ungeräumten Straßen der letzten Kilometer ließen sich an diesem Tag wohl keine Geschwindigkeitsrekorde brechen. An der Abzweigung zum Schwanberg kam gerade ein Räumfahrzeug herunter. Trotzdem verzichtete ich auch bei den vielen Kurven hinauf auf einen persönlichen Schnelligkeitsrekord.

Geschafft. Achtsamkeit sollen wir an diesem Tag lernen und eine neue Ausrichtung des Lebens. So beginnt Schwester Anke. Schwester Anke Sophia Schmidt gestaltet Erwachsenenbildung auf dem Schwanberg und hat von Schwester Edith nun die Kontemplationstage übernommen. Hatte ich nicht Achtsamkeit auf meinem Weg bereits auf der Hinfahrt absolviert? Vorbei.

Zu wenig leben wir wirklich gegenwärtig, fährt Schwester Anke fort. Unsere Gedanken hängen gerne in der Vergangenheit fest: Oder sie versuchen die Zukunft in den Griff zu bekommen. "Die Gegenwart ist der Mantelsaum Gottes", so zitiert die Schwanberg-Schwester den jüdischen Denker Martin Buber. Klingt gut. Mit Säumen habe ich aber wenig zu tun. "Den Mantelsaum der Geschichte" ergriff Helmut Kohl bei der Wiedervereinigung, weiß das weltweite Netz später. Hm.

Ist unser Gott das Versprechen aus der Vergangenheit, das uns neue Perspektiven der Zukunft aufzeigt? Und unsere Gegenwart überwindet?

Erst einmal geht es gar nicht um ein Jesusgebet. Wir lernen neu die Achtsamkeit beim Sitzen und beim Atmen. Geerdet sollen wir sein und aufrecht. Offen für den Hauch Gottes, die Hände gehalten. Ganz im Hier und Jetzt sein.

Schon vorbei? So schnell vergehen zwei mal zwanzig Minuten Stille? Na, dann auf zum Stundengebet - der ewigen Wiederholung, des Rauschens der Ewigkeit
"Du musst nicht über Meere reisen, musst keine Wolken durchstoßen und musst nicht die Alpen überqueren. Der Weg, der dir gezeigt wird, ist nicht weit. Du musst deinem Gott nur bis zu dir selbst entgegenkommen." Langsam las Schwester Anke diese Sätze vor. Und dann noch einmal. Ein Spaziergang des Schweigens soll den Nachmittag des Kontemplationstages einläuten. Diese Sätze sind uns für unseren kurzen Gang mitgegeben.

Neu sind sie nicht. Sogar schon richtig alt. Sie stammen von Bernhard von Clairvaux, der bereits 1153 starb. Als Kreuzzugsprediger hielt er einige Brandreden, die besser ungehört geblieben wären. Aber: Er war auch ein großer Mystiker, durchdrungen von der Stille Gottes. Wie das zusammenpasst? Das müssen wir nicht meditieren. Sind meine Wege immer begehenswert?

Zu dem Geräusch des knirschenden Schnees unter meinen Füßen, der tauenden Tropfen von den Bäumen schweifen diese Gedanken um mich herum. Wohin bin ich unterwegs? Schließt sich mein Lebenskreis? Kreise ich im Hamsterrad? Oder renne ich nur sinnlos hin und her? Ist mein Lebensweg zerfasert oder nur von wildem Zickzack, Stolperfallen und Kehrtwendungen geprägt?

"Du musst deinem Gott nur bis zu dir selbst entgegenkommen." Ist er in meinen Schritten? In meinem Atem? Mein Mantel hält mich auch beim Spaziergang warm. Das Tauwetter dringt nicht durch. Zumindest werden die Straßen auf dem Rückweg frei sein. Noch hüllt der Nebel alles ein.

Ausatmen in die Schale unserer Hände - darauf richten sich unsere Gedanken in der nächsten Runde der Kontemplation. Dann, endlich, sollen wir den Namen Jesu im Ausatmen memorieren.

Zwei Silben mag da mein Atemrhythmus gar nicht. Erste Silbe beim Ein- und zweite Silbe beim Ausatmen? Oder gleich ein einsilbiges Wort? "Christ?" Schnell kommt mein Inneres auf den "Weg" als Jesusnamen. Welchen Weg gehe ich? Dann führt Schwester Anke uns zum "Du". Das "Ich" überwinden sollen wir. Auch diese Silbe mag mein Atemfluss.

Neu sind sie nicht - diese Sätze. Neu ist auch nicht mein Leben. Meine Suche. Meine Wege im Nebel. Alles banal? Also alltäglich, gewöhnlich? Wenn es doch nur so wäre! Das muss ich mal gleich im Internet meditieren! Schleift der weite Horizont unseres Lebens nicht im Alltag ab - wird banal? Aber ist das nicht Einübung in Demut, die mit Martin Luther weiß, dass es etwas Unerreichtes, Höheres gibt?

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Susanne Borée

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