Sebastians große Liebe

Sebastian
Sebastian Meier ist überglücklich, dass er endlich eine Freundin gefunden hat. Foto: Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (20): Würzburger Organisationen setzen sich für sexuelle Bildung behinderter Menschen ein

Sebastian Meier strahlt. Überglücklich schaut er aus. Er hat auch allen Grund dazu: Der 36-Jährige ist verliebt. Mehr als ein Jahr hat er nun schon eine Freundin. Über das Würzburger Projekt "Herzenssache", einer Partnerbörse für Menschen mit Behinderung, lernten sich die beiden kennen. Dass Sebastian trotz Handicap eine Beziehung haben darf, ist nicht selbstverständlich. "Viele Eltern verbieten dies ihren Kindern", sagt Wolfgang Trosbach von der Lebenshilfe in Würzburg.Sebastian Meier lebt in Eisingen nahe Würzburg in einer Wohngruppe der Behinderteneinrichtung St. Josefs-Stift. Zu seiner Familie allerdings hat er noch regen Kontakt. Mit seinem Vater, erzählt er, könne er über alles reden. Von Mann zu Mann. Nie hat der seine Beziehungswünsche ignoriert. Im Gegenteil. Er bahnte ihm sogar den Weg zum Projekt "Herzenssache".

Im Oktober 2014 "funkte" es zwischen Sebastian und seiner jetzigen Freundin. Das Einjährige wurde im Herbst vergangenen Jahres in Sebastians Wohngruppe ausgiebig gefeiert: "Nachmittags mit Kaffee und Kuchen, abends mit einer Pizza."

Herzenswunsch ist erfüllt

Mit seiner Freundin erfüllen sich für Sebastian Meier langgehegte Wünsche. Mit ihr kann er zärtlich sein. Allerdings: Alleine war er mit ihr noch nicht gewesen. "Sie braucht Assistenz", erklärt er. Von daher sei immer eine dritte Person dabei, wenn die beiden sich treffen. Ein bisschen blöd ist das schon. Aber Sebastian Meier hat sich damit arrangiert. Er ist einfach über jede Gelegenheit froh, seine Freundin treffen und spüren zu können.

Seit 2012 gibt es in Würzburg die Partnervermittlung "Herzenssache" für Menschen mit Behinderung. Frauen werden kostenlos aufgenommen, Männer zahlen eine Aufnahmegebühr von 20 Euro. Auf Wunsch werden die zwei Partner in spe zu ihrem ersten Date begleitet. Organisiert wird das Projekt von sechs Würzburger Organisationen: der Robert-Kümmert-Akademie, dem St. Josefs-Stift, der Blindeninstitutsstiftung, dem Verein für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung, den Mainfränkischen Werkstätten sowie der Lebenshilfe vor Ort.

Für Menschen mit einer geistigen Behinderung, aber auch für Menschen mit einem körperlichen Handicap, einer Seh- oder Hörbeeinträchtigung ist "Herzenssache" ein tolles Projekt. "Ihnen fällt es schwer, außerhalb ihrer Einrichtung Kontakte zu knüpfen", sagt Partnervemittlerin Katja Eppler. Das liegt an ihren Einschränkungen, nicht selten aber auch daran, dass sie von ihrem Umfeld nicht ermutigt werden - wenn es ihnen nicht gar verboten oder unmöglich gemacht wird, sich zu verlieben.

Zu den Befürwortern des Projekts "Herzenssache" gehört Wolfgang Trosbach, Vater eines 19 Jahre alten Sohnes mit Downsyndrom. Nie würde er seinem Kind untersagen, eine Beziehung einzugehen. Trosbach weiß aber auch, wie schwer es für Eltern behinderter Kinder ist, den Nachwuchs darüber aufzuklären, was alles passiert oder passieren kann, wenn Mann und Frau zusammenkommen.

Und was, wenn das Kind mit geistiger Behinderung sagt, es möchte einmal heiraten und selbst Kinder haben? Viele Eltern, weiß Trosbach, sind mit solchen Fragen überfordert. Darum engagierte sich der Vater auch für eine unterfrankenweit einmalige Fortbildungsreihe. Das Programm startete im Oktober und läuft noch bis März. Es besteht aus Vorträgen und Seminaren für Eltern, für Fachleute, die in Schulen oder Einrichtungen mit behinderten Menschen arbeiten, und nicht zuletzt für Jugendliche und junge Erwachsene wie Sebastian Meier, die ein Handicap haben.

Einen Freund oder eine Freundin zu haben, danach sehnen sich alle Teenager, betont Despina Singer, Vorsitzende des Autismus-Kompetenzzentrums in Würzburg: "Anders als viele Menschen meinen, tun dies auch Jugendliche mit Autismus." Singer hat eine autistische Tochter. Zwölf Jahre ist die alt - und steckt mitten in der Pubertät. Damit umzugehen, erlebt die Mutter als Herausforderung. So sei es nicht leicht, einem Mädchen mit Autismus zu erklären, dass es bald seine Tage bekommen wird. Und warum sich ihr Körper verändert.

"Eltern haben in dieser Situation viele Fragen", so Singer. Anlaufstellen, wo sie beraten werden, seien rar. Simone Dinsing, Ehefrau von Wolfgang Trosbach, bestätigt, dass mehr Angebote zur sexuellen Bildung für Menschen mit Behinderung notwendig wären. Einiges gebe es allerdings auch schon. So habe ihr Sohn sehr von Aufklärungskursen der Organisation pro familia für junge Leute mit Handicap profitiert.

In den vergangenen Jahren hat sich außerdem einiges getan, um Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung zu helfen, das Glück der Liebe und des Geliebtwerdens zu erleben. "Auch in Würzburg gibt es inzwischen professionelle Sexualassistenten", sagt Elfriede Erk von der Dr.-Maria-Probst-Schule, einer von der Robert-Kümmert-Akademie getragenen Institution, die Heilerziehungspfleger ausbildet. Überhaupt wachse in den Einrichtungen für behinderte Menschen die Offenheit gegenüber dem Thema "Sexualität".

Einiges liege jedoch noch im Argen: "So verfügen noch immer viele Menschen mit Handicap über kein eigenes Zimmer in den Einrichtungen." Teilweise gebe es auch kein Gästezimmer. Der Freund oder die Freundin kann darum niemals übernachten.
Das größere Problem sieht aber auch das Team der Dr.-Maria-Probst-Schule in den Eltern. Schulleiterin Christel Baatz-Kolbe bestätigt, dass manche Mütter und Väter versuchen, die sexuellen Wünsche ihrer Kinder zu unterdrücken.

Die Schulleiterin selbst kam mit einer über 70 Jahre alten Mutter in Kontakt, die alles tat, damit ihre geistig behinderte Tochter nicht mit den Themen "Sexualität" und "Partnerschaft" in Berührung kam. Sie versuchte etwa, die Tochter mit Kunst und Kultur abzulenken. Selbst als rechtliche Betreuer hätten Eltern jedoch kein Recht, ihrem erwachsenen Kind mit Behinderung Intimität zu verwehren. "Wer seinem behinderten Kind Sexualität verbietet, verstößt gegen Menschenrechte", so Fachlehrerin Elfriede Erk.

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Pat Christ

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