Verschüttete Erlebnisse drängen ans Licht

Rolf Oerter
Rolf Oerter. Foto: Pfitzinger

Lebenslinien in Gottes Hand (21): Loslassen und Erinnerungsarbeit an der Lebensgrenze

Wovon würde ich mich zuerst verabschieden? Mit dieser Frage konfrontiert der Rothenburger Hospizverein neue potentielle Helfer. Eine Schulung für sie beginnt im April. Während eines ersten Einführungswochenendes sollen die Interessenten erst einmal für sich selbst durchspielen: Wie würden sie sich selbst fühlen, wenn ... sie von allem loslassen müssen? Erst danach erfahren sie, was es heißt, schwerstkranke Menschen zu begleiten. Oder Sterbenden und ihren Angehörigen nahe zu sein.

Uschi Memhardt koordiniert die Arbeit des Rothenburger Hospizvereins. Als Leiterin einer örtlichen Diakoniestation hat sie intensiv erfahren: Was heißt es, die letzte Zeit vor dem endgültigen Abschied "als kostbare Lebenszeit" zu begreifen?

Erinnerungsbilder

Was bleibt? Genau andersherum fragt die Ausstellung "Mensch - Alter - Respekt". Sie umkreist genauso die Erinnerungsbilder. Im Rothenburger Bürgerheim im Spitalhof zeigt sie Porträts von 19 Rothenburgern. In mehrstündigen Gesprächen ließ Bärbel Andresen sich wichtige Episoden aus den Lebensgeschichten berichten. Willi Pfitzinger fotografierte intensiv, doch möglichst zurückhaltend.

Die Besuche verliefen über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren. Aus oft Hunderten an Fotos konnten die Befragten dann selbst ein Porträt auswählen. Alles ließen sich die Chronisten von den befragten Senioren bestätigen: Sowohl die Texte als auch die Bilder, die nun ausgestellt werden. Eine Vertrauensbasis zu gewinnen, war ihnen besonders wichtig.

Immer schon fand Willi Pfitzinger "alte Menschen und ihre Geschichten" fesselnd. Eine Großtante berichtete ihm immer noch als Kind lebendig aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Und doch sei ihre Präsenz aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden, sobald die Senioren nicht mehr dort wirken können. Als Fotograf wirken auf ihn die Bilder von alten Menschen, in denen ihre Geschichten eingewebt sind.

"Ich habe ja nichts erlebt", so hörten beide immer wieder. Gleich darauf sprudelten die Erinnerungen. Kleine Episoden und große Geschichte verwoben sich zu einem Ganzen: Etwa von der Rothenburgerin Ursula Güldemeister. Als "Wir hatten das Fenster offen, da hörten wir ihn 'Wollt Ihr den totalen Krieg!?'Und alle haben JA geschrien. Wir dachten: Was ist denn da los?!"

Weitere Porträts berichten von dem Berufsmusiker Michel Wagner. Oder dem Kunstpfeifer Mönke Wintermeier: "Ich pfeife nur Klassik, weil ich glaube, dass man da am meisten machen kann. Keine Schlager." Er trat überregional auf - in Frankfurt oder auch für den Bayerischen Rundfunk. Im Haus Egon Baurs fiel den beiden Chronisten eine altertümliche Steinschlosspistole auf: Baur erklärte, dass er bereits in den 1970er Jahren als Entwicklungshelfer in Afghanistan war und sie von dort mitbrachte.

Das alles soll ein "gelebtes Projekt" sein. Die Erinnerungen sollen noch einmal ins Stadtleben zurückgeholt werden, so lange sie da sind. "Wir wollen damit einen Schatz heben", so Bärbel Andresen, "und das Projekt gibt allgemein Mut alt zu werden."

Mutmachende Begleitung

Mut macht auch Uschi Memhardt vom Rothenburger Hospizverein den Angehörigen, den Sterbenden in den letzten Lebensstunden zu begleiten. Dieser Beistand sei Teil der intensiven Beziehung zwischen denjenigen, die gehen, und denen, die bleiben. Das wichtigste Ziel des Hospizvereins ist es, dass Menschen ihr Leben bis zum Schluss nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen führen können. 

Es gilt, die Angst aufzufangen, unter der Menschen mit Demenz oft leiden. "Sie kennen sich ja nicht mehr aus." Das kann sich in Befürchtungen vor Verfolgung oder vor Diebstahl von Dingen, die nicht mehr auffindbar sind, besonders ausdrücken.

Nürnberger Trauma-Arbeit

Sehnsucht nach Geborgenheit - gewinnt gerade dann an Bedeutung, wenn Menschen nicht mehr selbstwirksam tätig sein können. Der Nürnberger Diakon und Altenheimseelsorger Helmut Unglaub beschäftigt sich schon lange intensiv damit. Manche Senioren versuchen sich Schutzräume, Grenzen zu bauen, die dann für sie zu Stolperfallen werden können.

Nun bereitet er zusammen mit der Therapeutin Elisabeth Peterhoff einen Praxistag über den "Umgang mit traumatischen Erfahrungen in der Begleitung älterer Menschen" vor. Gerade bei einer Demenzerkrankung kommen die Unsicherheiten oder Bedrohungserfahrungen intensiv hoch. Fluchterfahrungen oder Erinnerungen an Trümmernächte sind gegenwärtig. Oder Bilder aus den aktuellen Kriegen wecken plötzlich uralte Erfahrungen auf. Oder Berührungen, wie sie bei einer notwendigen Körperpflege unabdingbar sind, können wiederum Erinnerungen an alte Grenzüberschreitungen wecken.

Dass Menschen mit einer Demenz-Erkrankung selbst ohne eine traumatische Erfahrung auf ganz verschiedenen Zeitebenen präsent sein können, das beobachtet auch die Rothenburgerin Uschi Memhardt. "Alle fünf bis zehn Minuten" etwa wechselte eine Patientin von der Identität als kleines Mädchen über die Selbsterfahrung als anpackende Frau mitten im Leben hin zu ihrem Alters-Ich. Die Hospizhelferin vollzog dies bis in die Ansprache hinein mit: Wenn sie auf der Kindheits-Ebene war, "dann habe ich sie auch geduzt."

Schätze heben

Da lässt sich ein Schatz heben. "Können wir es uns wirklich leisten, die Betreuung von Senioren nur als Kostenfrage zu sehen?", fragt Unglaub. Der Nürnberger Diakon fordert einen "emotionalen Generationenvertrag" ein. Menschen schenken anderen Zeit und Aufmerksamkeit. Gleichzeitig bekommen sie von den anderen viel zurück, was in ein "Sinnkonto eingezahlt" werden könne.

In der Ausstellung "Mensch - Alter - Respekt" ließ sich punktuell viel davon verwirklichen. "Nicht eine Stunde meines Lebens möchte ich wiederholen. Mich interessieren die Stunden, die noch kommen", so der 82-jährige Rothenburger Rolf Oerter. Er verstarb wenige Wochen darauf, am Heiligabend 2015. Das Einüben in Loslassen und Weitertragen muss nicht erst an der Lebensgrenze erfolgen.  

Die einjährige Ausbildung zum ehrenamtlichen Hospizhelfer beginnt in Rothenburg im April. Anmeldung bis 31. März beim Rothenburger Hospizverein Tel. 0151/54809353, E-Mail hospizverein-rothenburg(at)web.de.

Die Ausstellung "Mensch - Alter - Respekt: Lebensgeschichten Rothenburger Senioren? ist bis 15. April täglich im Bürgerheim, Spitalhof 4 zu sehen. Mit regelmäßigen Veranstaltungen.

Praxistag der Nürnberger Altenheimseelsorge in der Sperberstr. 70 am 5. März ab 10 Uhr, Tel. 0911/4316-263, E-Mail altenheimseelsorge(at)afg-elkb.de

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Susanne Borée

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