Am Ende ohne Trost?

Spiegelbaum.
Spiegelbaum. Foto: Kraus

Lebenslinien in Gottes Hand (22): Wie Jenseitsvorstellung die Lebenseinstellung prägt

Was hat der Mensch für seine Familie, seine Umgebung, die Gesellschaft geleistet? Ist das wichtiger als die Frage: Was erwartet mich nach dem Tod? Ja, so sagen moderne Menschen. Dies verändert aber auch die Einstellung zum eigenen Leben. So jedenfalls führte es Reiner Sörries aus, bis Ende September 2015 Direktor im "Museum für Sepulkralkultur" in Kassel. Im Rahmen der Tagung "Sterben, Tod, Jenseits" im Rothenburger Wildbad präsentierte er seine Gedanken. Sörries geht es darum, welche "Todes-Bewältigungsstrategien" unsere Kultur entwickelt hat. Auf Deutsch: Was erwarte oder befürchte ich nach dem Tod? Das hat Einfluss darauf, welches Leben ich führe.

Schließlich ist Sörries neben seiner Tätigkeit als Museumsleiter auch Professor für christliche Archäologie in Erlangen und Pfarrer der bayerischen evangelischen Landeskirche. Sein Vortrag bot mir viele spannende Anregungen, aber genauso viele Reibungsstellen. Menschen leben durch die Erinnerung an ihre Leistungen weiter - nicht durch ihre Hoffnung, in Gott aufgehoben zu sein. Wie will ich mein Leben geführt haben, damit es unter dem Urteil des endgültigen Abschieds nicht "vergeblich" war? Dieser Leitgedanke beeinflusst entscheidend, wie ich meine "Lebenslinien" bewusst oder unbewusst forme.

In Deutschland sind rund ein Drittel der Menschen konfessionslos. Ein ähnlicher Prozentsatz glaubt auch nicht an Leben nach dem Tod. Welche Hoffnungen auf das Jenseits bleiben am Ende des irdischen Lebens?

Wenn die alten Vorstellungen nicht mehr wirklich tragen - dann nehmen wir sie einfach alle! Sörries sieht, dass sich immer mehr Elemente und Rituale aus verschiedenen Religionen vermischen - auch bei christlichen Bestattungen. Noch nach seinem Vortrag sorgte Anfang des Jahres eine Buddha-Figur auf einem oberfränkischen Friedhof für überregionalen Wirbel. Ein Symbol der Ruhe - oder Angriff auf die Auferstehungshoffnung durch die Lehre von der Wiedergeburt?

Es geht auch weniger exotisch: Der Mensch lebt in seinen Kindern weiter. Diese Vorstellung ist heute vielleicht gefragter denn je. Ist das im Tode wirklich tragfähig? Aber was, wenn einem die Kinder versagt blieben - oder die Hoffnungen, die mit ihnen verbunden waren? 

Sörries weist auf das Alte Testament hin: Die Verheißung Gottes an Abraham und Sarah verwirklicht sich in den Nachkommen. Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, dass ihre Unfruchtbarkeit nicht das letzte Wort Gottes ist. Kann das alles sein? So frage ich mich. So fragen sich auch meiner Ansicht nach viele Verfasser des Alten Testaments. Immer mehr drängt die Hoffnung nach vorne, dass die Nähe zu Gott unvergänglich ist. Ein äußeres Zeichen wie Kinderreichtum oder wirtschaftlichen Erfolg braucht es dazu nicht. Gott heilt am Ende alle Zerstörung und lässt sein Volk wieder aufleben. In späteren Texten können auch Einzelne eine Überwindung des "finsteren Tales" erwarten.

Vorzeiten war es wichtig, dass die Eltern ihren Kindern einen gut gemehrten oder zumindest wohl geordneten Besitz hinterließen. Nun haben die Kinder sich längst einen eigenen Hausstand aufgebaut, bevor ihre Eltern versterben. Wohin mit dem alten Plunder? Selbst mit dem Bewusstsein weltweit begrenzter Ressourcen vor Augen können die Kinder ihn nicht recht gebrauchen.

Also den eigenen Besitz genießen, so lange uns der Augenblick gewogen ist? Diese Idee geht bis ins Barock zurück. Mit dem Tod und Leid der Glaubenskriege vor Augen war es für das Barock Auftrag und Sendung, den "Tag zu nutzen". Das "Carpe diem" konnte ganz unmittelbar sinnlich ausgelebt werden. Auf der anderen Seite sollte die eigene Sterblichkeit den Menschen als Mahnung täglich vor Augen sein, so Sörries. Manche "ergötzten" sich an möglichst realistisch nachgebildeten kleinen Leichnamen aus Wachs. Sie führten sie mit sich wie wir die Handys.

In der Aufklärung vor 250 Jahren trug dieser Gedanken nicht mehr. Damals trat an "die Stelle der Jenseitserwartung die Hoffnung auf stufenweise Vervollkommung", so Sörries. Der Aufklärer Friedrich Eyler Rulemann meinte: "Das Edle und Bessere in uns, das sich so fühlbar von unserem Pilgerkleid unterscheidet, ist über seine Macht erhaben und ewig wie Gott, der es uns gab."

Zwar ist die Seele - oder der unsterbliche Kern der Person - noch von Gott gegeben, aber sie wird ihm im Tod gleich. Hier stürzt Gott vom Thron, der "ganz andere zu sein". Und was ist mit Menschen, die es im Alltagstrott, durch den Druck der Verhältnisse oder durch eigenes Unvermögen versäumt haben, ihre Seele zu bilden? Für ewig verworfen?

Konsequente Freigeister gingen noch einen Schritt weiter: "Kein Jenseits ist, kein Aufersteh'n - macht hier das Leben gut und schön." So lautet die Inschrift am Tor zum Freidenkerfriedhof in der Berliner Pappelallee von 1847. Doch was bringt es, wenn das irdische Paradies verwirklicht ist, wir aber nicht dort bleiben können?

"Und Omi hat es auch gefallen." Was sagt ein solcher Satz bei der Bestattung aus? Schaut Omi ihrer Beerdigung zu? Gerade bei weltlichen Trauerfeiern werden die Verstorbenen angesprochen als wären sie noch da, so Sörries.

Gleichzeitig soll knapp jeder fünfte Deutsche an die Wiedergeburt oder Seelenwanderung glauben. Er fragt weiter: Warum ist Waldbestattung so weit verbreitet? Ist es das Wieder-Eingehen in den Kreislauf des Lebens? Oder Freiheit vor den Zwängen traditioneller Grabpflege?

Sörries zitiert einen Spruch Bernard Jakobys: "Manche Menschen wissen, dass es ein Jenseits gibt, Christen glauben es nur." Dies Wissen ist dann allzu oft sehr irdisch geprägt: Selbst die Seegurke könne sich immer wieder neu generieren. Sie lebt also quasi ewig, wenn sie nicht gefressen oder zerstört wird. Nur: Daneben geschieht in ihrem Leben nicht so viel. Das mag für die Seegurke gut sein - mir wäre es auf ewig arg langweilig. Abgesehen davon, dass ich ihre Fähigkeit nicht besitze, ist es für mich kein Vorbild. 

Ebenso die Einzeller. Sie reproduzieren sich immer wieder gleich - leben also völlig in ihren Nachkommen weiter. Das geht bei ihnen deutlich einfacher als bei Abraham und Sarah - dafür haben die kleinen Amöben oder Bakterien kein individuelles Gesicht, kein Bewusstsein.

Na, da soll lieber der Verstand bleiben! Warum also nicht hoffen, dass sich bald das Gehirn auf die Festplatte bannen lässt? Und die Menschen bis dahin eingefroren überdauern? Da stellen sich für mich weitere Fragen: Ist ein Bewusstsein ohne Körper wirklich lebenswert? Loslassen fällt schwer - gerade kurz vor dem Ende.

Ein Mensch kann sich nicht unendlich vervollkommnen oder unbegrenzt genießen - so schwer diese Erkenntnis auch fällt. Kann und darf er einmal "lebenssatt" sein? Und Trost erfahren - trotzdem er in seinem Leben so viel nicht geschafft hat und hinter den eigenen Ansprüchen zurück geblieben ist? Ist Gelassenheit erlaubt? Warum fällt sie selbst Christen so schwer? 

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Susanne Borée

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