Wir lächeln einander in Ewigkeit an

Foto: Kraus
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Lebenslinien in Gottes Hand (23): Wie überlebe ich eine persönliche Passion?

Als dumpfe, schwarze Düsternis habe ich mir die Welt vorgestellt. So empfand ich, als ich vor dem Tod meines Vaters auf die Zeit nach seinem Tod zu blicken versuchte. Mein Vater war unheilbar krank. Ich wusste, dass er sterben würde: In unserem letzten gemeinsamen Sommer litt ich in vielen Stunden unter einem scharfen Schmerz. Es war, als schneide mir jemand einen Teil aus meinem Körper heraus, bei lebendigem Leib und ohne Betäubung.

Dieser Schmerz wunderte mich nicht, ich konnte ihn mir sehr wörtlich erklären: Mein Vater war ja ein Teil von mir, und ich ein Teil von ihm. Ihn zu verlieren konnte nicht anders sein als eine Amputation. Ich fühlte mich viel zu jung, mit 37 meinen Vater zu verlieren. Und ich war doch unendlich dankbar, ihn so viele Jahre gehabt haben zu dürfen. So war auf eine seltsame Weise diese abschiedsschwangere Zeit trotz all ihrer Schmerzen ein Geschenk. Sie war zerbrechlich und kostbar, weil wir monatelang sehr bewusst auskosten durften, noch beieinander zu sein.

Seelischer Schmerz, hat die Wissenschaft mittlerweile ermittelt, nimmt im Körper dieselben Wege, dieselbe Gestalt an wie körperlicher Schmerz. Bei beiden schüttet unser Körper schmerzstillende Hormone aus. Hormone, die glücklich machen können, Hormone, die trösten.

Gewiss war mein Blut in jenem Sommer häufig von diesen unwillentlich selbsterzeugten Botenstoffen geflutet. Denn ich erlebte etwas Überraschendes: Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich die Blumen derart kräftig leuchten sehen, vor allem die roten und die rosafarbenen.

Mir war, als schenkten sie mir ihre Farbe ganz besonders deutlich, als Zeichen der Lebensfreude und des Lebens; mir war, als sähe ich sie mit den Augen meines todgeweihten Vaters. Dieses Leuchten hatte viel mit meinem Vater zu tun, ich ahnte, auch er sieht die Blumen in diesem Sommer besonders kräftig ihre Farben zeigen. Und er spürt dabei, dass er gerne noch ein Weilchen hierbleiben würde, hier, im Leben. Es war, als wäre ich selbst viel deutlicher am Leben als zuvor. Ja es schien, als nähme ich das Leben überhaupt erst jetzt so intensiv wahr, jetzt, da ich es zum ersten Mal scharf vom Tod unterscheiden konnte.

Dann kam der Tag, an dem mein Vater starb. Noch immer will ein Weinen in mir aufschluchzen, wenn ich an diesen Tag denke, wenn ich diesen Satz schreibe. Auch jetzt noch, da dieser Tag an die zwei Jahre her ist. Es ist kein Weinen aus Traurigkeit, sondern ein Weinen aus tiefem Berührtsein. Ein Weinen aus Liebe. Ich bin nicht dabei gewesen, als mein Vater starb. Aber wir haben seinen letzten Lebenstag miteinander verbracht. Es war ein Tag voller Zartheit und Wärme, voller Frieden und Humor. Es war ein Tag, der gut zu meinem Vater und zu seinem Leben gepasst hat. Ich werde mein Leben lang dankbar sein für diesen Tag. Er war mir oft ein großer Trost in meiner Trauer.

Dieses Wort, "unfassbar", hatte ich oft in Todesanzeigen gelesen und nur an der Oberfläche verstanden. Doch vor dem Tod meines Vaters hatte ich nicht vermocht, diesem Wort auf den Grund zu dringen, einfach weil ich die Tiefen nicht gekannt hatte, die dieses Wort beschreibt. Jetzt plötzlich erfuhr ich die Bedeutung von "unfassbar" wirklich. Im Kopf wusste ich ganz genau, dass mein Vater gestorben ist. Auch meine Seele, mein Wesen versuchte dieses Neue, nie Dagewesene zu fassen, zu begreifen, aber meine Hände fassten ins Leere. Es war unfassbar.

Wie ein großes schwarzes Loch hatte ich mir die Zeit nach Papas Tod vorgestellt. Statt der erwarteten Dunkelheit umfing mich etwas völlig anderes: Ich fühlte mich von allen Seiten umgeben von Liebe, von Wärme, umfangen von einer unsichtbaren Zärtlichkeit. Sie war wie die Sonne, wie ein milder Wind im Sommer.

Ich erinnerte mich daran, was meine Mutter mir als Kind erzählt hatte. Meine Mutter war 40 Jahre alt, als ihre Mutter starb, die sie sehr geliebt hat. Eines Tages hatte ich sie gefragt, wie der Tod ihrer Mutter für sie war. Wie sie ihn ausgehalten hat. Da hatte sie erzählt, sie habe in den Tagen nach deren Tod das Gefühl gehabt, ihre Mutter sei sehr nahe um sie herum, sehr tröstlich anwesend auf eine unsichtbare Weise. Das war genau das, was ich in den Tagen nach dem Tod meines Vaters auch spürte.

Als profane Erklärung dafür ließe sich sicher anbringen, dass mein Organismus nach dem Tod eines so geliebten Menschen mit derart vielen schmerzstillenden Hormonen reagiert hat, dass zwischendurch ein gewisser Überschuss entstanden ist. Meine persönliche Erklärung geht anders: Mein Vater mag gestorben sein - die Liebe, die uns verbunden hat, ist immer noch da.

Den heftigen Schmerz, mit dem ich es in den Wochen und Monaten danach zu tun hatte, identifizierte ich als Sehnsucht: Tiefe, schmerzliche, unstillbare Sehnsucht nach dem Verstorbenen. Dies müssen Hinterbliebene aushalten, und obwohl das täglich hunderttausendfach geschieht, passiert es doch jedem Einzelnen ganz allein und einzigartig.

Dann bricht die Zeit des Orpheus an. Der trauernde, liebende Leierspieler aus der griechischen Mythologie fiel mir wieder und wieder ein: Die Götter hatten Orpheus gestattet, in die Unterwelt hinabzusteigen und seine verstorbene Geliebte Eurydike wieder mit hinaufzunehmen - vorausgesetzt er schaffe es, sich auf dem Rückweg hinauf ins Leben nicht nach ihr umzudrehen. Tief in meine eigene Unterwelt bin ich hinuntergestiegen, habe nach meinem Vater gesucht und geweint. Ich  habe ihn hundert- und tausendmal wieder mit mir hinaufgenommen. Und ich habe genau gespürt, wie schwer es mir fällt, mich nicht umzudrehen, mich nicht doch zu vergewissern, dass er mir nachkommt und noch bei mir ist.

Den geliebten Menschen wieder zurückzuholen, ist uns versagt; zumindest in der bis dahin einzigen uns vorstellbaren Form. Der innige Wunsch, meinem Vater hinterher zu sterben, um wieder bei ihm zu sein, dieser Wunsch gehört in meine Orpheuszeit. Im Laufe der Zeit verwandelt sich der Wunsch in einen Trost: Dass mein eigener Tod, wann er auch sei, eine Heimkehr wird. Denn mein Vater ist mir schon vorausgegangen.

Etwas von mir ist gestorben, als mein Vater gestorben ist, und auf eine gewisse Weise war mein altes Leben zu Ende, als sein Leben endete. Auf den Trümmern dieser Erschütterung habe ich mir ein neues Leben aufgebaut - so wie es alle Trauernden tun. Ich habe mit meinem Leben ganz neue Dinge begonnen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Vater nicht weg ist: Er ist immer noch da, nur jetzt auf andere Weise. Ich kann mit ihm sprechen und ihn um Rat fragen. Ich teile meine Freude mit ihm. Und oft lächeln wir einander quer durch die Ewigkeit an. Er hat mir eine Liebe hinterlassen, die unverlierbar ist. Aus dieser Liebe kann ich schöpfen, für mich selbst und zum Weiterschenken. Mein ganzes Leben lang.    

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Franziska Feinäugle

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