Kraftort oder Krankheit im Spiegel der Zeit

Ursula Haas
Ursula Haas

Lebenslinien in Gottes Hand (24): Atem der Geschichte formt Erleben der "Zeitschreiber"

"Wie lange noch? Da geht die Tür vor mir auf." Mit diesen Sätzen endet eine der kurzen Geschichten der Münchner "Zeitschreiberinnen und Zeitschreiber". Gisela Mudrich schildert ihre Gedanken, als sie auf eine "Routineuntersuchung" wartet. Die Tür vom Empfangsraum ist geschlossen - die gegenüberliegende Tür zum Untersuchungszimmer öffnet sich erst nach einigem Warten.

Ein Bild des Lebens? Einer Lebenssituation? Der gegenwärtigen medizinischen Diagnostik? In wenigen Sätzen erschafft die "Zeitschreiberin" eine Lebensszene, die über sich hinausweist. Am Evangelischen Bildungswerk München und an der Evangelischen Stadtakademie in Nürnberg haben sich diese Gruppen gefunden, die Szenen ihres Lebens im Spiegel von Feder und Tastatur betrachten. Keine "Schulaufsätze" verfassen sie oder holprige Erinnerungen an Kinder und Enkel. Nein, es sind Texte, die sich mit Spannung und Genuss lesen lassen.

Welche Türen öffnen sich im Leben - welche schließen sich? Was bedeutet die eigene Zeit zwischen den prägenden historischen Ereignissen? Die "Zeitschreiber" suchen nach Spuren, die das Kriegsende, der Warschauer Kniefall Willy Brandts oder die Hoffnungen des Mauerfalls im eigenen, höhst individuellen Leben hinterlassen haben können.

Oder Kraftorte entfalten ihre heilende Wirkung. Dies kann ein Baum sein, in dessen Geäst sich ein Mädchen zurückzieht anstatt zu Hause zu helfen. Der Urlaub am Meer. Oder eine zurückgelassene Baustelle: Sie schreit nach Vollendung - ganz nach den Bedürfnissen der neuen Besitzer. Ganz individuelle Orte - aber nicht zufällig im Spiegel der Jahrzehnte. Genauso lassen Krankheiten Narben im Leben zurück. Ganz unterschiedlich gehen verschiedene Jahrzehnte und Generationen damit um.

Da bleibt ein altmodisches, fleckiges Kochbuch nicht nur ein exakt 1.132 Seiten dicker "Küchenschatz". Nein: "Über so manchen Ratschlag lächle ich, doch es kommt auch manche Erinnerung an frühere Kocherlebnisse in mir hoch", schreibt Maria Schultz in einem imaginären Brief an ihre Tochter. Obwohl das Werk nur die "Hausfrau" im Blick hatte, ergänzt die Autorin: "Dein Vater hat mit Liebe für uns alle gekocht, und dein Bruder bringt raffinierte Gerichte auf den Tisch. Aber ich bezweifle trotzdem, dass beide wissen, wie man ein ganz normales Rhabarberkompott macht - um bei deiner Frage zu bleiben."

Gibt es ein Sprichwort oder ein Lebensmotto, das viele Jahre prägte? Hat die "Morgenstund Blei im Mund"? Sucht vergeblich "jeder Topf seinen Deckel"? Mit solchen Jahresthemen arbeitet die Schriftstellerin Ursula Haas im Evangelischen Bildungswerk München seit 2009 mit ihren Gruppen. Erste Anfänge der Schreibgruppen gehen bis ins Jahr 2003, ergänzt Melanie Sommer. Die Pädagogin organisiert die Kurse und die Lesungen. Immer mehr Teilnehmer und Lesungen kamen hinzu.

Ähnliches geschieht in Nürnberg. In der Evangelischen Stadtakademie engagiert sich Studienleiterin Susanne-Katrin Heyer in einem der Vorbereitungsteams. Die älteste Gruppe dort feiert gerade ihr zehnjähriges Bestehen. "Gewürze" oder "Ge(h)danken", die "Banalität der eigenen Lebensgeschichte" oder "Baumstark" sind nur einige ihrer monatlichen Themen. Immer wieder schließen sie ihre Gedanken an Ausstellungen wie "Fromm - politisch - unbequem" oder eine Laufer Schau über die 1970er Jahre an. Gerade entsteht die vierte Schreibgruppe - nun in russischer Sprache.

"So konkret wie möglich" sollen die Situationen dargestellt sein, meint Ursula Haas. Die "Charakteristika der Zeit" mit eingebaut und für andere nacherlebbar. So gelingt ein "Kranz um die eigene Vita" oder sich "dem eigenen Kern zu nähern".
Als Ursula Haas mit gut 40 Jahren selbst zu schreiben begann, geschah ein Wunder: Ihr Erstling "Abschiedsgeschichten" wurde sofort vom Limes-Verlag veröffentlicht. Ihr nachfolgender Roman "Freispruch für Medea" (1985) ist der erste zu diesem antiken Thema, der von einer Frau geschrieben wurde - noch vor dem Werk Christa Wolfs.

Vor fast 73 Jahren erblickte Haas im Sudetenland das Licht der Welt. An ihre Flucht kann sie sich kaum noch erinnern. Nur eine Episode hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt: Ihr Kinderwagen kam im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder des weiterfahrenden Zuges. Bettzeug zerriss. Überall flogen die Federn herum. Zum Glück stand das kleine Mädchen Ursula schon sicher am Gleis. Lange träumte sie davon.

Neben ihrem literarischen Werk arbeitet Haas als Librettistin und gibt auch außerhalb des Bildungswerkes Schreib-Seminare. Regelmäßig organisiert sie Schreib- und Kulturreisen.

Sechs Mal im Laufe eines Jahreskreises treffen sich die Teilnehmenden. Die eigentliche Arbeit geschieht zu Hause: Nach den Impulsen von Ursula Haas suchen sie nach geeigneten Episoden in ihrem Leben zu den Jahresthemen.

Beim nächsten Treffen stellen sich dann die "Zeitschreiber" den Impulsen und Anregungen aus ihrem Kreis - durchaus "kritisch, aber nicht verletzend. Es sind ja alles feine Seelen". So beschreibt die Autorin die Atmosphäre in ihren Kreisen. Noch einmal gehen die Texte in die Überarbeitung. Dann bekommt Ursula Haas sie zugeschickt. Schriftlich gibt sie weitergehende Im­pulse.

Zu den "Zeitschreibern" lädt sie manches Mal gar Schauspieler oder professionelle Sprecher mit ein. Denn die Texte sollen am Ende keineswegs fein säuberlich in einer Schublade abgelegt sein. Sie warten auf ihren Vortrag. Die Autoren gehen mit ihnen in Schulen, Kirchengemeinden Erzähl-Cafés, Altenzentren oder Gruppen, in denen Ausländer auch anhand dieser Erinnerungstexte ihre Deutschkenntnisse vervollständigen - oder sogar ins Gefängnis. Im Gespräch lassen sich die Erfahrungen austauschen und vertiefen. Am Schluss des Jahres finden sich die aussagekräftigsten Texte in einer festlichen, vorweihnachtlichen Finissage wieder.

Über die Jahre hinweg entstand gar eine ausgewählte Textsammlung.
Wie unterschiedlich da die Besteigung des Watzmann in der Nachkriegszeit und eine Bergbesteigung auf dem Jakobsweg Jahrzehnte später. Das damalige Flüchtlingsmädchen Carmen Uspenski-Berghofer hatte 1945 nicht einmal einen festen Wohnsitz, aber war "vor Staunen still" und "überwältigt", als sie den "gigantischen Anblick" so dicht vor sich hatte. Bald wendete sich ihr Geschick.
Der Jakobspilger Harald Krämer kämpft Jahrzehnte später am Hohenpeißenberg gegen die Versuchung eines üppigen Sahnetörtchens. Und Hildegard Krauss steht auf dem Gipfel des Rigi "über einer gigantischen Nebeldecke, oder vielmehr ist es ein Wolkenmeer, das von der Sonne überirdisch angestrahlt wird".

Die Autoren spüren nach, an welchem Platz sich eine Heimat finden ließ. Das kann dann durchaus auch ein inneres, ein geistiges Zuhause sein.  Da öffnen sich nicht nur für die "Zeitschreiber" Türen, sondern auch für ihre Hörer und Leser, die sich auf ihre Spuren begeben. Sie brauchen sie nur aufzustoßen.  

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Susanne Borée

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