Pfarrfamilien "auf dünnem Eis"

Katalog
Katalog der "Kulturgeschichte des Pfarrhauses"

Lebenslinien in Gottes Hand (25): "Kulturgeschichte des Evangelischen Pfarrhauses"

Sie spielen die Rollen ihrer Eltern nach: Stolz schreitet der kleine Pfarrer mit der dicken Bibel unter dem Arm und Hirtenstab in der anderen Hand  zur miniaturhaften Spielzeugkirche. Fast alle seine Lämmchen - selbst das schwarze Schaf - sind ebenfalls dorthin unterwegs. Jedenfalls, sofern sie nicht von seinen zum Himmel erhobenen Augen übersehen werden und unter seinem Stechschritt zu Fall kommen. Mit gesenkten Augenlidern unter wallendem Schleier folgt die Frau. Beide spielen unter dem wachsamen Blick vor allem ihrer Mutter. Dem Vater ist das Weinglas näher als die Bibel. Er scheint schattenhaft vor sich hin zu dämmern.

Das Gemälde "Die Pfarrerskinder" von Johann Peter Hasenclever aus dem Jahr 1847 ist zum Titelbild geworden. Es führt in den Katalog der Ausstellung "Leben nach Luther - eine Kulturgeschichte des Evangelischen Pfarrhauses" ein. Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat sie zentral konzipiert. Noch bis zum 10. April ist sie täglich von 10-17 Uhr im Dinkelsbühler "Haus der Geschichte" (Altrathausplatz 14, Telefon 09851/ 902-180) zu sehen.

Immer mehr drängt sich der Eindruck auf, dass das Ttielild eher Züge einer Karikatur trägt. Die Bücher auf dem Regal sind teils umgefallen. Über den Köpfen der Eltern lassen sich zwei gefangene Vögel erahnen. Ahnenbilder und Tabakspfeifen dominieren es deutlicher als religiöse Attribute. Ein hingeworfener Handschuh erscheint fast als Knochenhand, die bedrohlich zum Spielzeugdorf hintastet.

Umbrüche beim Selbstverständnis im Pfarrhaus sind nach diesem Leitbild nicht erst ein Phänomen des späten 20. Jahrhunderts. Nicht erst die Ordination von Pfarrerinnen oder der Statusverlust von Pfarrern als Vorbilder der Gemeinde hat das traditionsreiche Pfarrhaus zu Fall gebracht.

In welchen Grenzen konnte die Pfarrfamilie ihren Interessen nachgehen? Konnte ein Seelsorger mitten im 19. Jahrhundert Schlittschuh fahren? Ja, wenn ihm das Gerede der Gemeinde egal war. "Hat er nichts Besseres zu tun?", grinste die Gemeinde. Was die Kirchenleitung davon hielt, stand gar nicht zu Debatte. Dann brach er auf dem dünnen Eis ein. Zumindest dankte die Gemeinde für seine heilsame Errettung anstatt in Schadenfreude auszubrechen.

Darf er zur Jagd reiten? Für den anglikanischen Geistlichen keine Frage - fühlte er sich lange dem Landadel zugehörig. Seinem Kollegen in deutschen Landen begegnete man zumindest am Vorabend des Ersten Weltkrieges voller Achtung, wenn er auf einem Kriegervereinsball durchtanzte. Aber zum Frühgottesdienst musste er wach sein.

Gegen den frommen Tabakgenuss hatten bald auch die aufrichtigsten Erweckungsprediger nichts mehr einzuwenden. Hingegen bestand immer die Gefahr, dass der Pfarrer zum Bauern herabsank - musste er doch vielerorts seinen Lebensunterhalt auch aus der pfarreigenen Landwirtschaft bestreiten. Dagegen gingen andere Seelsorger in der Veredelung ihrer Obstbäume auf.

Nicht nur die Pfarrfamilie gleicht gefangenen Vögeln - von allen Seiten kritisch beäugt. Gleichzeitig setzten sie genauso moralische Maßstäbe für die Gemeinde. Der Seelsorger musste nicht im Stechschritt seine Gemeinde überrennen. Wo ein Gleichgewicht herrschte, da konnten Pfarrfamilie und Gemeinde freier atmen.
Ihre Frauen schufen kunstfertige Scherenschnitte oder begleiteten die Missionare an die entlegensten Gebiete der Welt. Sie unterrichteten dort Einheimische oder opferten sich in der Krankenpflege auf. Manchmal wählten sie bewusst ein Leben als "Missionarsbräute" ohne überhaupt ihren Zukünftigen recht zu kennen. Doch war es eine gesellschaftlich anerkannte Form in die Fremde aufzubrechen. Ihre Töchter und Nachfolgerinnen kämpften die Ordination durch.

Pfarrer lavierten durch die politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen des 20. Jahrhunderts oder stellten sich ihnen tapfer. Unzählige Exponate von kulturgeschichtlichem Interesse hat die Ausstellung zusammengetragen. Eine Vielzahl von einzelnen Lebensschicksalen flackern in dem Katalog zur Ausstellung auf - oft auch verstanden als "Spiegel ihrer Zeit". Manchmal bleiben sie Skizze, dann wieder zeigen sich rührende oder erschütternde Lebenszeugnisse.

Zwar gab es nicht unendlich viele Möglichkeiten für Pfarrfamilien, ihre Rolle zu leben, ohne auf dem dünnen Eis eigener Ansprüche oder den Geflogenheiten der Gemeinde einzubrechen. Und nicht in jeder Epoche dieselben Möglichkeiten. Immer aber ein breites Spektrum - zumal bei souveräneren Persönlichkeiten im Pfarrhaus.   

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Susanne Borée

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