Einblick in Leilas Seelenleben

Leila
Leila mit ihrem Lieblingsbild. Foto: Schülein

Lebenslinien in Gottes Hand (26): Kronacher Ausstellung "Erinnere dich ans Fliegen"

"Das ist mein Lieblingsbild", sagt Leila Shokrgozar. Sie zeigt auf ein großes Gemälde. Zärtlich umfasst darauf eine muslimische Frau mit ihren Händen einen wunderschönen Vogel. Gedankenverloren schweift ihr Blick dabei in die Ferne: Es ist ein sehnsuchtsvoller Blick - Sehnsucht, der Wunsch nach Freiheit. "Das ist Partridge - ein Vogel aus meiner Heimat. Er kann nur sehr niedrig fliegen und nicht hoch hinaus", erzählt die persische Künstlerin. Auch iranische Frauen wollten höher fliegen. Sie seien mutig und versuchten, alle Möglichkeiten dafür zu nutzen.Eine dieser mutigen Frauen ist Leila, deren zutiefst berührende Öl-Bilder derzeit die Wände der Galerie im Servicezentrum des Finanzamtes Kronach zieren. Das beschriebene Bild "Anteil am Fliegen" steht symbolisch für ihre Ausstellung. Die Iranerin hat von 2001 bis 2003 an der Universität in Shiraz Kunst mit Abschluss studiert.

Hier in der iranischen Kulturmetropole wurde sie auch geboren, und hier lebte sie bis 2012 in einem schönen Haus in einer Mittelstands-Familie - mit ihrem Mann und den beiden Töchtern, Mona und Tina. Aktiv setzte sie ihr künstlerisches Können bei der Theatermalerei, bei der Restaurierung von alten Gemälden, aber auch bei der Verschönerung des Rathauses in Shiraz um.

Ihre Bilder jedoch - jenseits der im Iran herrschenden religiösen und gesellschaftlichen Ideologie - konnte sie dort wegen der iranischen Zensurbehörde lediglich in nichtöffentlichen Gruppen-Ausstellungen zeigen.

Aufgrund einer von ihr privat gezeichneten Karikatur eines Politikers geriet sie durch einen Spitzel ins Visier der iranischen Staatsregierung. Nach Repressalien und schließlich sogar Todesdrohungen verließ sie 2012 mit ihren Töchtern ihre Heimat - auf der Suche nach Freiheit im Tun, Handeln und in der Kunst.

Zunächst kamen die drei im Asylbewerberheim in Weismain unter, mittlerweile leben sie in Burgkunstadt. Ihre Flucht hat Leila nie bereut. In Deutschland kann sie nun alle ihre Gedanken durch ihre Arbeiten ausdrücken, was ihr im Iran versagt geblieben war. In ihren Bildern über Weiblichkeit gibt sie Frauen Menschlichkeit und Würde.

Auch auf diese biografischen Aspekte von Leila ging Ingo Cesaro, der die Galerie konzeptionell betreut, in seiner Ansprache ein. Mit dieser besonderen Ausstellung bekenne man - nicht nur im übertragenen Sinn - Farbe. "Die Diskussion, die seit Monaten im Lande läuft, ist nicht spurlos an der Künstlerin vorübergegangen", erklärte er.

Der Titel "Erinnere dich ans Fliegen" sei selbsterklärend: Wer im Käfig sitze, denke ans Fliegen. "Ich sehe zwei Arten von Bildern: einmal die negativen Auswirkungen ihrer Zeit im Iran aber auch andere Bilder, denen man nicht anmerkt, was sie erlebt hat", meinte Professor Horst Böhm, der Leila als "virtuos malende junge Frau" bezeichnete.

Die Bilder, die ihn am meisten beeindruckten, seien die großen Portraits - beispielsweise jenes, auf das sie sich eine Dornenkrone auf das Haupt gedrückt habe und damit auch den Hauch des christlichen Abendlands vermittle. "Der Titel der Ausstellung ist sehr gut gewählt", zeigte sich Kronachs 2. Bürgermeisterin Angela Hofmann sicher; assoziiere man Fliegen doch mit Freiheit - auch eine Freiheit der Kunst, die sie nun in Deutschland vollends zum Ausdruck bringen könne.

Günter Wolkersdorfer, Leiter des Finanzamts Kronach, freute sich über den Zuspruch der Vernissage. In den Reihen der Ehrengäste sah man Repräsentanten der Kommunalpolitik sowie der beiden Kirchen.

Die erste Einzelausstellung von Leila geriet zu einem Plädoyer gegen die Unterdrückung, Zensur und Willkür und zugleich für Freiheit, Verständigung und Toleranz - und das geht tief unter die Haut. Ihre Bilder wie beispielsweise "Mädchen ohne Vaterland", "Die Geburt", "Der Traum vom Fliegen", "Schweigen" oder "Erleuchtet" offenbaren Leilas Seelenzustände und zeigen ihre seelischen Verletzungen, erlitten in den Zwängen des iranischen Regimes. Sie stehen aber auch für ihren Einsatz für die Gleichberechtigung der Frau - und sie schenken Hoffnung: Hoffnung, die diese Welt gerade in Zeiten wie diesen so bitter notwendig hat.   

Die Ausstellung läuft bis zum 10. Mai. Sie kann während der üblichen Öffnungszeiten des Finanzamtes Kro­nach (Montag bis Mittwoch, 8 bis 13 Uhr, Donnerstag bis 17 Uhr und Freitag 8 bis 12 Uhr) am Melchior-Otto-Platz 10 betrachtet werden. 

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Heike Schülein

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