Verletzungen "auf weiten Raum" stellen

Foto: Kraus
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Lebenslinien in Gottes Hand (29): Vertreter beim Familienstellen bilden Verstrickungen nach

"Meine Schwester ist so tüchtig, hat drei Kinder und einen treu sorgenden Ehemann. Beide teilen sich die Arbeit, genießen gemeinsam die Familie." Eine Teilnehmerin des Seminartages "Familienstellen" beim evangelischen Bildungswerk Rothenburg - nennen wir sie Beate - hat lange überlegt, ob sie diese Situation an diesem sonnigen Vorfrühlingstag in die Gruppe hineintragen sollte. Nun ist es heraus. Sie muss schlucken.

Dann fährt Beate tapfer fort: "Und ich selbst? Muss mit allem allein fertig werden. Und dann fühle ich mich von der Schwester nicht genügend akzeptiert. 'Zu wenig perfekt. Andererseits beengt es mich, allen Ansprüchen genügen zu müssen.' Und habe selbst immer ein schlechtes Gewissen, dass ich meiner eigenen Familie neben der Arbeit nicht gerecht werde."

Der Gruppenleiter und Pfarrer Ernst Schwab lässt diese Familiensituation durch Stellvertreter, also ganz unbeteiligte Gruppenmitglieder, nachstellen. In welcher Entfernung zur Hauptperson sollen sie stehen? Wie ist ihre Position zu ihr? Stimmt ihre Stellung wirklich so für sie und für Beate? Welche Repräsentanten sollen für Beates Familiensituation aus der Gruppe in den weiten Raum innerhalb des Stuhlkreises hineintreten? Für sie selbst natürlich, ihren Partner und das Kind, die Schwester, deren Mann.

Das "Familienstellen" gründet auf der Annahme, dass intensive Beziehungssysteme auch räumlich abgespeichert wirken. So können Gefühle und Verletzungen nach außen getragen werden. Allein schon dadurch verlieren sie viel von ihrer Macht auf die Betroffenen. Die Füße stehen körperlich erfahrbar auf "weitem Raum" (Psalm 31,9). Es mit Leib und Seele zu spüren, bedeutet mehr als theoretisch davon zu wissen.

Also: Ab in die Mitte. Ist es "der Neid", der den Blick auf die Schwester verstellt. Wer findet sich für diese Rolle? Als sie steht, erklärt Beate: "Nein, das heißt anders". Die "Sehnsucht" - dieser Name trägt besser. Danach, so völlig normal zu sein. Aber ist es nicht auch gleichzeitig beengend?

Die Stellvertreter dürfen anschließend sagen, wie sie ihre jeweilige Position empfinden. Sie versuchen in Worte zu fassen, was ihnen unangenehm oder belastend erscheint. Sie können die Entfernung zu der Hauptperson verändern, sich ihr zu- oder abwenden. Damit vertreten sie Gefühle und Gedanken der abwesenden Familienmitglieder.

Wie aber können sie sich mit Familienmitgliedern identifizieren, die sie nie gesehen haben und deren Gedanken oder Gefühle zu der Verstrickung sie gar nicht kennen? Funktioniert es allein durch ihre Stellung im weiten Raum?

Dieses "Phänomen der repräsentierenden Wahrnehmung" lässt sich nicht restlos erklären. Jedoch ließ sich nachweisen, dass auch unterschiedliche Stellvertreter gleichartige Wahrnehmungen in denselben Konstellationen äußern. Ihre Empfindungen sind "überindividuell reproduzierbar", so Untersuchungen.

Das Familienstellen sollte jedoch nur unter fachkundiger Anleitung durchgeführt sein - falls alte Wunden eiternd aufbrechen. Der pensionierte Pfarrer Ernst Schwab hat seine theologische Qualifikation mit einer Zusatzausbildung zum Gestalttherapeuten ergänzt. Dies ist ein erfahrungs- und erlebensorientiertes psychotherapeutisches Verfahren. Sie geht davon aus, dass eine Persönlichkeit zu einem stimmigen Ganzen reifen will.

Der 65-jährige Schwab war lange als Seelsorger im Bezirksklinikum Ansbach tätig. Inzwischen bietet er "therapeutisch seelsorgerliche Begleitung" an. Wichtig ist es ihm, bei therapeutischen Gesprächen "auch keine Angst vor eigenen Gefühlen" zu haben. Oder sich in professionelle Distanz zurückzuziehen. Der Begleiter sollte "mit dem Herzen dabei" sein, "nicht nur mit dem Kopf".

Ernst Schwab leitet regelmäßig  Gruppen beim Familienstellen. Wichtig ist es ihm dabei, Anstöße für eine neue Perspektive zu geben, die im Leben Raum gewinnen kann.

Wie geht die Familienaufstellung nun bei Beate weiter? "Und unsere Eltern müssen da sein", erklärt sie nach einigem Nachdenken. Immer noch ist sie nicht zufrieden mit der Gruppensituation, die sie da gerade aufgestellt hat. Im Laufe ihrer Aufstellung zeigt sich, dass ihnen keine zentrale Position für das Hauptproblem zukommt. Sie bleiben am Rande - als Zuschauer.

Wesentlicher ist die Versöhnung mit dem Partner. Trägt er wirklich so wenig? Niemand kann vollkommen sein. "Alles steht so dicht um mich, versperrt meinen Blick", meint der Stellvertreter des Partners an diesem Nachmittag. Vielleicht braucht er mehr Bestätigung, damit er sich nicht so sehr zurückzieht. Wie würde er diese Situation stellen?

Beate versucht nun den Stellvertreter ihres Partners in dieser Konstellation zu umarmen. Es fällt ihr so schwer. Erst nach mehreren Anläufen gelingt es ihr. Noch bleibt die Aufgabe, das Gespräch mit den anderen Beteiligten der Familientragödie zu suchen. Das wird durch das Familienstellen nicht leichter. Doch zeigt ein Perspektivwechsel: Beide Seiten tragen viele Verletzungen durch die Konflikte - nicht nur diejenigen, die beim Seminartag "Familienstellen" Hilfe gesucht haben.

In vielen unserer Gedankenketten hat der oder die andere am meisten "schuld" an Verstrickungen. Zwischenmenschliche Dynamiken geschehen einfach - aber wir sind ihnen nicht ausgeliefert. Was aber, wenn man sich aus seiner Position ein Stück herausbewegen kann? Oder von anderen Blickwinkeln hört - wenn es auch nur diejenigen von Stellvertretern sind? Beginnt so der "Geschmack des Verzeihens" Raum zu gewinnen?

"Wo finde ich meine Position, wenn alle um mich herum an mir zerren?" Diese Frage schreit in einer ganz anderen Familienkonstellation nach einer Lösung. "Ich kann da nur raus aus dem Kreis." Oder: Wie lässt sich Angst überwinden oder gar umgehen? Auch diese Fragen stellten sich in anderen Konstellationen an diesem Seminartag.

Oder wie lässt sich die Kälte überwinden, wenn längst Verstorbene unser Leben bestimmen wollen? Dieses Gefühl war für den Repräsentanten der Familienszene so intensiv spürbar. Auch der Stellvertreter konnte die tote Gestalt in seinem Rücken nicht einfach wegstoßen. "Wenn ich mich zu ihr umdrehe, verliere ich meinen Halt. Es bricht alles zusammen", meinte er erstaunt. Nur mit Mühe gelang es ihm.

"Was ist jetzt mit mir?", so die Teilnehmerin, die die Rolle von Beates Schwester repräsentiert. Sie wollte wieder in direkten Blickkontakt zu Beate treten. Sie wünschte sich mehr offenen Raum zwischen den Stellvertretern. Die "Sehnsucht" musste weg.    

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Susanne Borée

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