Pfarrers Kinder, Müllers Vieh

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Lebenslinien in Gottes Hand (30): Eine Kindheit auf dem Land

Einmal - vor vielen Jahren - saßen meine Schwester und ich bei einem gemeinsamen Freund in seiner spartanischen Küche.

"Und? Ihr Pfarrerstöchter? Wie war das so, als Pfarrerskind aufzuwachsen?"

Wir fingen an, zu erzählen.

Unzählige Gebete gab es zu allen Tages- und Nachtzeiten. Zum Mittags- und Abendläuten, vor und nach dem Essen, vor der Schule und zur Nacht. Es waren immer die gleichen Rituale, die immer gleichen Gebete, die da in unseren Köpfen und Herzen Einzug hielten. Nun saßen wir in einer fremden Küche und erzählten einem Freund diese Gebete zum Mittagsläuten: "Verleih uns Frieden gnädiglich, Herrgott zu allen Zeiten. Es ist ja doch kein anderer da, der für uns könnte streiten, denn du allein Gott!"

Wir hatten einen interessierten und dankbaren Zuhörer, aber wir verstanden es auch, gut über alte Geschichten zu plaudern. Vielleicht ist das auch eine Gabe, die man als Kind eines Pfarrers lernt: Die ­Gabe, andere Menschen zu unterhalten. Schließlich wurden wir ­Sonntag für Sonntag Zeuge einer "Ein-Mann-Show" in der Kirche.

Man muss ein besonderer Mensch sein, der sich traut, vor andere hinzutreten und ihnen eigene Gedanken zu erzählen. All das erfuhren wir erst später im Leben, als wir ähnliche Erfahrungen machten: Meine Schwester auf Opernbühnen und ich, wenn ich meine Bühne - die Behandlungszimmer im Krankenhaus - betrat.
Sonntags waren wir in der Kirche. Natürlich waren wir in der Kirche.

Da gab es keine Diskussion. Wir waren die Pfarrerskinder, wir gingen - nein - wir wurden stellenweise gegangen - mit gutem Beispiel voran. "Was soll die Gemeinde sagen?", war das Argument schlechthin. Ob schräge Klamotten in der Pubertät, die Wahl des Freundes, oder das Fehlen in der Kirche - immer waren wir Teil der Gemeinde, die über uns Kinder auf dem Land auch mitbestimmen konnten.

Möglich, dass das heut anders ist.

So saßen wir in der Kirche. Meine Schwester erfand in Zeiten der Langeweile während des Gottesdienstes wilde Muster für ihre Strickkreationen und ich träumte mich in Geschichten, die ich später im Deutschunterricht mit guten Noten honoriert bekam. So gesehen war kein einziger Kirchgang umsonst.

Dieses "Pfarrerskind-sein" zusammen mit dem Argument "was soll die Gemeinde sagen" machten eine Jugend auf dem Dorf nicht unbedingt einfacher. Viele unserer Freunde kannten meinen Vater aus dem Konfirmationsunterricht. Mit ihm wollte man sich lieber nicht anlegen. Wobei es eher weniger an seiner Persönlichkeit lag, sondern eher an dem Status des Pfarrers. Ähnlich wie der Bürgermeister oder der Lehrer waren sie mit die Autoritäten im Dorf. Was für uns Kinder allerdings bedeutete, dass immer ein Schatten über uns schwebte. Ein Ausflug zur Dorflinde, bei der sich die Dorfjugend traf, passte schlecht. Irgendwie war man "anders".

Außenseiterin. Pfarrerskinder eben. Etwas, was einen stark macht für das Leben, sich aber als Jugendlicher mehr als blöd anfühlt.

Im Pfarrhaus war vieles anders als bei Freunden. Die Häuser waren groß und wir mussten nicht unser Zimmer teilen. Platz gab es in Hülle und Fülle. Meine Freundin genoss es sehr, mich zu besuchen und endlich Ruhe zu haben. Ich liebte es hingegen, in ihr Haus zu gehen, wo Vater Mutter, die Oma und die drei Geschwister auf engstem Raum zusammen lebten. Bei ihr liefen im Radio die Schlager der Woche, zuhause übte meine Mutter Kadenzen für die bevorstehende Orgelprüfung.

Es war eine komplett gegenteilige Welt: Udo Jürgens "Griechischer Wein" gegen Bachs "Oh Haupt voll Blut und Wunden". Aber auch die Kirchenmusik ist durch meinen Kopf tief in mein Herz gedrungen und ist Anker geworden und Zuflucht. Möglich, dass das mit Udo Jürgens auch klappt, aber Kirchenmusik dringt tiefer.

Es muss ein Spagat für meine Eltern gewesen zu sein: Den eigenen  Ansprüchen gerecht zu werden und denen, die die Gemeinde an den Pfarrer und seine Familie hat. Zuerst war man Pfarrer, dann Familie. Viele  Gespräche am Essenstisch drehten sich um Gemeindearbeit, schräge Kirchenvorsteher und ihre Bemühungen, dem Paffen zu sagen, wie es sein  muss. Es gibt ein Bild in meinem Kinderalbum, wo wir Kinder etwas verlegen neben unseren Eltern bei einer Neueinführung stehen. Um uns ein riesiger Kreis von Menschen mit Blumen in den Händen, die uns "Neuankömmlinge" einmal ansehen wollen, wer denn da nun kommt. Wenn ich Bilder aus Königshäusern sehe und Artikel über sie lese, bin ich wieder in diesem Bild: Immer im Fokus der Öffentlichkeit. Immer. Jede kleine Abweichung, jeder Gruß, der nicht erwidert wurde, wurde meinen Eltern gemeldet. Gerne auch anonym.

Als ich das Pfarrhaus verließ, war ich überrascht, wie wenig die Leute sich darum scherten, wie ich aussah, was ich sagte oder tat. Eine Freiheit, die wohltuend und überraschend war.

Es ist eine besondere Kindheit, die man in Pfarrhäusern erlebt. Zumindest in meiner Zeit war das so. Vieles möchte man nie wieder erleben, aber es eignet sich gut als Anekdote im Kreise von interessierten Menschen. Über vieles kann ich heute lachen. Bei anderen Dingen habe ich auch heute das Korrektiv im Ohr: "Was sollen denn die anderen (Gemeinde) denken?" Immer noch - auch nach all den Jahren.
Aber es ist meine Geschichte, meine Kindheit und meine Jugend. Ich möchte sie nicht missen.  Denn wie bei vielem im Leben: Das was schlecht läuft, hat seinen Ausgleich im unendlichen Guten.

"Krass!", sagte der Freund in der Küche. Es war Abend geworden. Meine Schwester und ich waren leicht heiser. Denn ihm hatten wir viele wunderbare geistliche Lieder vorgesungen. Kirche und Glaube lebt von Wort und Musik. Das ist mehr, als viele andere haben. Wir spürten ein leises Bedauern, dass er so etwas nicht in seiner Biographie hatte.

Und da merkten wir, was wir letztlich auch für Schätze für unser Leben aus dieser Zeit empfangen hatten. Ein tief verwurzeltes Gottvertrauen, eine Vielzahl von Gebeten, die immer noch da sind und nicht vergessen. Und grenzenlose Musik für die Seele. Denn ein Pfarrhaus kann ein wundervoller Ort sein. Trotz Anfechtungen. Trotz Gemeinde, die genau hinschaut. Trotz Sonderstellung im Dorf, die einen stärkt und weiterbringt.     

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Inge Wollschläger

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 9. April 2017:

- Auf der Suche nach dem Grab Jesu

- ''Mach was draus!'': Mission EineWelt eröffnet auf der Synode ihre Aktion zum zehnjährigen Jubiläum

- Hinter der Pracht des Erhabenen: Schelme der usbekischen Seidenstraße halten der Welt den Eulenspiegel vor

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo