Im Schatten der eisigen Taiga

Familienbild

Lebenslinien in Gottes Hand (31): Wie der kriegsgefangene Großvater die Familie prägte

Baikal - so buchstabierte sich die Hölle. Sie war für das kleine Mädchen  nicht brennend heiß - sondern eisig kalt. "Und Gottvater trug das Gesicht des Großvaters: autoritär, jähzornig, unnahbar, umwölkt vom Zigarrenqualm, schweigend. Saß er am Schreibtisch, trat jeder im Haus leiser auf." Er, der alte Pfarrherr, vergrub sich in staubigen Büchern. Er "arbeitete" - und war schon längst pensioniert. Er "schrieb" - mit erstaunlich wenig Verbrauch an Papier. "Das begriff ich aber erst als Erwachsene", so die Enkelin - nennen wir sie Anna*. Statt Computer gab es eh' nur Kohleofen im Hause der Großeltern. Und das noch Mitte der 1980er Jahre.

Ganz klar: Der Russe war an allem  schuld. Der Großvater war bis 1950 in russischer Kriegsgefangenschaft. Am Baikalsee. Solange führte die Großmutter - als gelernte Kindergärtnerin, ohne jegliches Theologiestudium - die Kirchengemeinde weiter. Nebst der Landwirtschaft, die zum Pfarrhof gehörte. Nur für Amtshandlungen kam der pensionierte Pfarrer aus einem Nachbarort. "Und wer weiß, wer später Großvaters Predigten schrieb", meint Anna.

Er stieß erst wieder zur Familie, als Annas Vater zwölf Jahre alt war - mitten in dessen Pubertät. Anna macht eine Pause: "Glückliche Familienerlebnisse erzählt mein Vater nur vor dessen Rückkehr. Danach herrschten Prügel und Kälte. Übrigens hat mein Vater erst wieder Fotos vom Großvater überliefert, als er schon längst eine eigene Familie gegründet hatte."

Voller Erstaunen betrachtete Anna als Erwachsende einen Naturfilm über den Baikalsee:"Ich wusste gar nicht, wie schön der ist - so ohne Lager, Stacheldraht und Schläge."

Dafür war klar, bevor sie überhaupt eingeschult war: Sie würde einmal "richtig" studieren - mit glänzendem Abschluss und noch strahlender Karriere. Ihr Vater - der älteste Sohn des Pfarrherrn - sollte schon Theologe oder Arzt werden. Er ­scheiterte an alten Sprachen und dem Anblick frischer Leichen. "Dabei konnte ich doch Hebräisch - nur nicht, wenn mein Vater mich abhörte" - soll er gesagt haben. Und: ein Pfarrer reiche in der Familie. Also eine mittlere, unrühmliche Verwaltungslaufbahn.

Und dann gab es noch nicht einmal männliche Enkel! "Ich soll nicht traurig sein, sondern es noch einmal versuchen." Das hörte Annas Mutter vom Schwiegervater, als sie das zweite Mädchen gebar. "Dabei wollte ich immer genau zwei Kinder." Dabei blieb sie. "Erst im eigenen Wochenbett erfuhr ich davon", so Anna. "Mutter fand es da noch ungerecht, dass sowohl meine Schwester als auch ich als erstes Kind je einen Sohn bekamen."

Ganz genau kann sich Anna an den 70. Geburtstag des Großvaters erinnern: Zwar weiß sie nicht mehr, welche Speisen es gab oder wer eingeladen war. Aber eines ist tief in ihr Gedächtnis eingebrannt: Als Vierjährige ging sie um die Festtagstafel herum und begrüßte freundlich die Gäste: "Plötzlich beschwerte sich einer der alten Männer lautstark, warum ich nicht knickste. Ich wusste nicht mal, was das war."
Und weiter aus frühester Erinnerung: "Wenn ich die Ferien bei den Großeltern verbrachte, rief ich öfter nach meiner Großmutter. Dann sagte sie, ich sollte auch nach dem Großvater rufen, da er sonst traurig sei. Da habe ich gar nicht mehr gerufen, sondern bin direkt zu ihr gegangen."

Nur einmal nicht: Die Nachbarn luden die Anna ein, einkaufen zu fahren. Die Großmutter spielte Klavier, sonst war wohl niemand zu Hause. "Da durfte ich nicht stören, wollte aber mitfahren." Die Lösung aus dem Dilemma: Das Mädchen verschwand unangekündigt. Und stürzte die Großmutter bald in Verzweiflung. "In diesem Fall hätte ich doch kommen dürfen. Die wissen auch nicht, was sie wollen, dachte ich nur."

"Als ich zwölf oder 13 Jahre war", erinnert sich Anna, "machte meine Großmutter meinen Vater vor mir schlecht. Gleich danach gab sie mir ein Fünf-Mark-Stück. Damals für mich viel Geld. Ich konnte nicht ablehnen, ohne grob unhöflich zu sein. Was habe ich mich geschämt! Wenn ich mich recht erinnere - hoffentlich! - habe ich es in den Fluss geworfen. Ich besuchte danach die Großeltern nur noch bei den höchsten Familienfesten. Für Geschenke von ihnen habe ich mich nie mehr bedankt. Da hieß es dann: Mein Vater habe mir verboten, zu kommen oder mich zu bedanken. Dabei hat er es - hoffentlich! - nie erfahren! Der Großmutter konnte ich aber auch nicht die Wahrheit sagen."

So strenge Grenzen es gab, so geschickt war die Großmutter im Lavieren. Der Ehemann durfte nicht gereizt werden, der störrische Sohn gebändigt sein, der Schein gewahrt bleiben. Niemand bekam die Wahrheit zu Gesicht. Es gab oft Einzelabsprachen der Großmutter mit einzelnen Familienmitgliedern. Jedem war was versprochen - und mehreren meist das Gleiche. Im Alter verlor Großmutter da den Überblick - dieses System kippte in offenen Streit.

Auf ihrem Totenbett wollte Großmutter ihren Sohn und dessen Familie nicht mehr sehen. "Einmal ehrlich", kommentiert Anna. Am offenen Grab schwiegen die Erben bitter. "Dann schrieen sie nur noch einander an, planten Prozesse. Wieder Schweigen. Tränen gab es nicht."

Schule, Studium - für Anna nie ein Problem. "Warum sollte ich das Lernen verweigern - nur um Großvater Unrecht zu geben?" Ohne Notwendigkeit machte sie ihr Hebraicum. "Ich wollte mal sehen, ob das wirklich so schwer ist - aber nicht für mich. Diese Sprache macht riesigen Spaß!"

Nur eins verfolgt sie: "Vielleicht bin ich im Beruf hinter meinen Möglichkeiten zurück geblieben. Obwohl er mir Spaß macht. Es ist mir schwer gefallen, mich mit den erreichten Zielen auszusöhnen." Sie lächelt fein. "Dabei bin ich nicht gerade gescheitert." Und: Vielleicht hätte sie all das schreiben sollen, was ihr Großvater nie zur Papier brachte?

Ganz abgesehen vom Russen und vom Baikal-See: Blieb auch nicht der Großvater hinter seinen Möglichkeiten zurück? Dabei hielt dessen Vater nichts von ihm: "Urgroßvater triezte ihn, dass er eh nichts taugt - auch als mein Großvater schon längst promoviert war und Pfarrer." Dann: "Doch Urgroßvater war der Nazi, nicht mein Opa." Zum ersten Mal benutzt Anna diese Koseform. "Vom Urgroßvater stammt eine Broschüre, die mir bereits als Kind präsentiert wurde: Schrecklicher Germanenkitsch - das war mir damals schon klar. Druckdatum: 1932. Aber er hatte 'veröffentlich'!" Auch ansonsten war der Urgroßvater wohl nicht der einfachste.

"Großvater stand jedoch offenbar der Bekennenden Kirche nahe. Die Familiengeschichte weiß, dass die Gestapo einige Male bei ihm zu Gast war - fand aber wohl nichts Belastendes. Doch erklärt es, warum die Nazis ihn trotz seines Berufs als Soldat nach Russland schickten."

Trotzdem: "Im Zweifel war und ist mir mein Vater näher." Dann muss sie mehrmals ansetzen: "Obwohl mein Großvater recht hatte: Ich bin ihm ähnlich."

* Ihr richtiger Name und ihre Anschrift sind der Redaktion bekannt.

Im nächsten Beitrag dieser Serie zeigt uns Anna Auszüge aus den Briefen ihres Großvaters aus Russland.  

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                         Susanne Borée

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