"Was wird mit uns werden?"

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Lebenslinien in Gottes Hand (32): Wie der Großvater die Kriegsgefangenschaft erlebte

In der letzten Woche erzählte "Anna" an dieser Stelle aus ihren Erinnerungen, wie der kriegsgefangene Großvater die Familiengeschichte bestimmte. Es gibt allerdings auch Aufzeichnungen ihres Großvaters über die Kriegsgefangenschaft, die "Anna" dem Sonntagsblatt zur Verfügung stellte. So lesen wir aus der Sicht ihres Großvaters aus der Kriegsgefangenschaft. Seine Notizen sind gekürzt, Seitenarme der Berichte weggelassen, Namen und Orte wurden weg gelassen. Aber nun spricht die Stimme des Großvaters:

Am 14. Januar 1945 zogen sich unsere Frontkämpfer, die nicht gefallen waren, in Massen zurück. Plötzlich der gewaltige sowjetische Angriff, wobei ich mein Gewehr verlor. Am 18. Januar wurde unsere Einheit von 150 Mann auf dem Rückzug von einer sowjetischen Abteilung umzingelt und gefangen genommen. 15 deutsche Soldaten wurden sogleich erschossen. Alles wurde uns von den Russen abgenommen, sogar meine Schnürschuhe, so dass ich vier Tage auf Latschen aus Segeltuch marschieren musste. In Fünferreihen mussten wir marschieren. Fünf noch mitmarschierende Offiziere wurden am 20. Januar auf dem Marsch erschossen. Dann wurden wir in Güterwagen verladen und fuhren lange. Die unterwegs verstorbenen Kriegsgefangenen wurden morgens ausgeladen und auf den Bahndamm geworfen.

Zur Verpflegung gab es nur mittags und abends dünne Fischsuppe. Hungerthyphus war die Folge.

Schließlich erfuhren wir, dass der Krieg zu Ende ist. Die Hungerei war groß. Morgens Antreten zum Arbeiten im Lager und bald auch Arbeiten am Häuserbau. Zerstörte Häuser und Straßen mussten wir wieder herstellen. 

Jeden Morgen gab es nur ein mageres Frühstück mit einem trockenen, aber nassgebackenem Brotkrust und kaffeeähnlichem heißen Getränk, Antreten und Abzählen. Dann wurden wir zur Arbeit eingeteilt und marschierten in Fünferreihen ab. Jede Baracke hatte vier große Schlafsäle, immer zwei Pritschen übereinander. Mittags gabs einen Schlag dünne Fischsuppe. Der Hunger wurde immer größer.
Ich schrieb etwa vierteljährlich eine Rotkreuzkarte mit 25 Worten. Die erste vom Herbst 1945 kam im Februar 1946 zu Hause an. Ich bekam die Rückkarte am 20. September 1946. Nun wusste ich, dass meine Familie noch lebt.

Ich suchte Christen unter den Kriegsgefangenen und fand immer einige Glaubensgenossen. Abends saß man müde bis zum baldigen Einschlafen. Den Mut zum Überleben zu behalten war nicht einfach.

Meistens musste ich Loren mit Ölschiefer schieben. Der Anmarsch vom Lager zum Schacht betrug 4,5 Kilometer. Ich marschierte meist in der letzten Fünferreihe nach acht Stunden Arbeit. Die Wachposten trieben uns an. Mit einem Kolbenschlag auf den Hinterkopf sollte ich schneller laufen. Daher meine Delle rechts am Hinterkopf und Gehirnerschütterung: 14 Tage liegen im so genannten Lazarett.

Der Sommer 1947 war auch nicht besser. Immer mehr kamen Gerüchte über Entlassungen auf. Die großen und sehr abgemagerten Kriegsgefangenen wurden mit den Kranken allmählich entlassen. Am 7. Januar hatte ich mir über dem rechten Fuß einen Knöchelschnabelbruch beim Essenholen für drei Kameraden abends geholt. Am anderen Morgen wurde er im Revier verbunden. Gipsverband gab es nicht. Damit lag ich zwei Wochen in der Baracke. Sobald ich wieder konnte, humpelte ich dann in der Baracke herum zum Stubendienst und ähnliches. Deswegen brauchte ich nicht mehr hinaus zur schweren körperlichen Arbeit. Der Fuß heilte allmählich. Er war aber zuerst vier Zentimeter, jetzt noch zwei Zentimeter kürzer.

Während ich mit dem Bruch lag, besuchten mich oft Kameraden. Manches aus den Gesprächen gab ein Kamerad bei den politischen Verhören durch die Russen weiter. Bei meinen folgenden Verhören wurde ich danach befragt. Nun kam ich auf die Liste der Verdächtigen. Daher wurde ich trotz meines Beinbruchs auch nie entlassen, obgleich ich jedes Mal auf die Entlassungsliste gesetzt wurde.
So vergingen die Jahre 1947 und 1948. Es war eine langweilige Zeit. Gelegentlich bekamen wir eine deutsche kommunistische Zeitung zu lesen. Die Verpflegung wurde allmählich besser. Ich wurde oft politisch vernommen.

Im Mai 1949 holte mich der kriegsgefangene Küchenchef in die Lagerküche als Schreiber. Ich bekam sofort drei volle Kochgeschirre mit Brei und konnte mich endlich satt essen. Ich sah aus wie ein lebendes Skelett mit Haut. Ich bekam meinen Arbeitsplatz im Büro der Küche und konnte mich satt essen. Ich schrieb Speisepläne, Aufzählungen putzte die Küche und so fort. Jedenfalls blieb ich beim Küchenpersonal, dazwischen des öfteren Vernehmungen meist von 0 bis 4 Uhr früh.

Dann vier Wochen Einzelhaft in einer Zelle um meine Kriegsverbrechen zu überdenken. Dann wieder Arbeiten im Lager dazwischen. Viele andere Kriegsgefangene wurden 1949 entlassen. Wir wurden als Kriegsverbrecher behandelt, lagen in einer großen Halle. Plötzlich an einem Sonntagmorgen wurden wir gegen 2.30 Uhr geweckt und in enge Zellen im Keller eingesperrt. Wir rechneten mit Erschießung oder ähnliches. Nach zwei Stunden wurden wir wieder nach oben in das Massenquartier gebracht.

Dann kam der Dezember 1949. Viele Vernehmungen. In die Büroecke gestellt mit dem Blick zur Ecke vernahm mich ein sowjetischer Offizier mit Pistole in der Hand. Der letzte Heimkehrertransport ging ab. Wir - ich glaube 276 deutsche Kriegsgefangene - blieben zurück. Das Kriegsgericht näherte sich. Und nun der 23. Dezember: Der Tag des Kriegsgerichtes. Am frühen Nachmittag wurde ich mit vier oder fünf Kriegsgefangenen vorgeführt: Drei sowjetische Offiziere verurteilten uns in 20 Minuten ohne die Möglichkeit einer Verteidigung zum Tode. Wir wurden abgeführt, nach 20 Minuten wieder vorgeführt und begnadigt zu 25 Jahren Arbeitserziehungslager.

Anschließend abgeführt in einen feuchten Kellerraum. Abends sagte ich dort zu den anderen: "Kumpels, morgen ist Weihnachten, nächstes Jahr werden wir zu Weihnachten daheim sein." - "Du bist verrückt", war die Antwort. Irgendwo stand an der Wand: "10 x 25 = 250 Jahre". Wir blieben im Gefängnis. Kümmerliche Verpflegung bekamen wir durch eine kleine Luke in der eisernen Tür.  "Was wird mit uns werden?", fragten wir uns täglich. Fortsetzung nächste Woche

* Ihr richtiger Name und ihre Anschrift sind der Redaktion bekannt.

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                       bor

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