Erfüllten sich unsere Hoffnungen?

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Lebenslinien in Gottes Hand (33): Wie der kriegsgefangene Großvater die Rückkehr erlebte

Nun der 2. Teil der Erinnerungen von "Annas" Großvater. Auch hier sind seine Aufzeichnungen gestrafft, alle Namen weggelassen. Allerdings berichtet er in seinen Notizen nie von seinem ältesten Sohn, "Annas" Vater - ebenso wenig wie dieser umgekehrt Fotos von ihm aufgehoben hat.

Wir konnten nur abwarten. Ich habe oft meine auswendig gekonnten Gesänge nur aufgesagt und viel gebetet. Dann kam der 25. Februar 1950: Antreten. Da wurden wir in zwei Gruppen geteilt. Ich durfte rechts mit antreten. So wurden von etwa 500 Verurteilten 272 ausgesondert. Wir wurden in besseren Quartieren mit besserer Verpflegung untergebracht. Also die lang erwartete Hoffnung schien sich zu erfüllen. Und in der Tat, wir wurden besser behandelt und nicht mehr schikaniert. Am 5. März wurden wir dann in Bewegung gesetzt in einem Güterwagen mit Bänken gen Westen. Drei Kriegsgefangene wurden leider wieder zurückbehalten.

Nicht wenige der heimkehrenden Kriegsgefangenen fanden zu Gebet und Glauben, die deren Bedeutung in Not und Bedrängnis gespürt hatten. Am Palmsonntag fuhren wir durch Sachsen und sahen gegen 12 Uhr Konfirmanden vom Gottesdienst kommen. Es gab also dort noch junge Christen.

Endlich der Westen: Friedland. Noch einmal Verhöre durch russische und dann britische Offiziere. Und meine Frau erwartete mich am Bahnsteig.

Am Mittwoch, 5. April nachmittags fuhren wir per Zug nach Hause. Um 21 Uhr kamen wir dort an. Und zu Hause empfing uns Großmutter und zehn Minuten später erschien der Posaunenchor. Auf der Straße und dem Kirchplatz stand etwa die halbe Gemeinde. Ich stellte mich in die Haustür und konnte meine erste Predigt zu Hause halten. Ich musste alle zwei Wochen zur Untersuchung zum Gesundheitsamt fahren und wurde bis zum 1. Oktober 1950 krank geschrieben. Ich bekam 1.850 DM Spätheimkehrerentschädigung.

Endlich heimgekehrt, stellte ich mich aktiv auf mein kommendes Pfarrerdasein ein. Und ich wollte auch wieder ein voller Familienvater sein. Das war nicht leicht: Meine Frau sorgte für alle Bedürfnisse wie Verpflegung, Wäsche, Einkäufe mit großer Sorgfalt und Geschick. Großmutter leitete geistig die Familie, half den Kindern bei den Schularbeiten. Ich dagegen war fremd geworden.

Meine Familie zu verlassen kam nicht in Frage. Wir lebten ja in einer christlich begründeten Familie. Aber der Alltag wurde schwer für mich. Am meisten belastete mich meine Schlaflosigkeit mit Angstvorstellungen. Der russische Druck wich nicht.
Die Gemeinde war durch die Flüchtlinge um 700 Seelen größer geworden! Beim Kirchenbesuch erlebte ich diese eine große Vermehrung. Meine Frau hatte sich ja auch den Neulingen stets angenommen. Sie hatte es nicht leicht, hat es aber gut geschafft dank ihrer Aufrichtigkeit und Einfachheit. Ich bin ihr für ihren wahrhaft christlichen Einsatz sehr dankbar. Ich war durch zehn Jahre Abwesenheit fremd daheim geworden.

Allerdings beeinflussten die Nachwirkungen der russischen Kriegsgefangenenzeit sehr stark mein lädiertes Nervensystem. Dies belastete mich oft. Nachts lief ich schreiend treppauf, treppab. Doch ich habs überstanden, Gott sei Dank! Endlich begann ich wieder als Pfarrer. Allerdings konnte ich nicht mehr so wie ich wollte. Aber ich bin ja lebend heimgekehrt. Aus einem beflissenen Theologen bin ich dadurch ein frommer Christ geworden.

Und Anfang 1952 wurde uns noch ein Sohn geschenkt. Das war meine ganz große Freude. Meine Frau schaffte alles. Nach mehreren Fehlgeburten endlich ein zweiter Sohn. Gottes Segen hatte sich wieder einmal mir geoffenbart.

Allerdings war ich in meiner Gemeinde oft überfordert gewesen. Meine Stärke waren Unterricht und Seelsorge und Leichenreden. Bald wurde ich aufgefordert, den evangelischen Religionsunterricht an der Realschule zu übernehmen. Dies tat ich mit Freuden. Das lag mir sehr. So konnte ich tätig sein, fand auch gutes Echo in meiner ­Gemeindearbeit. Mir hing aber meine Kriegsgefangenschaft sehr nach.

Daher hatte ich auch häufig Depressionen. Die ständigen Anspannungen im Pfarramt und Unterricht überforderten mich nervlich, so dass ich nach einem Jahrzehnt zusammenbrach. Obwohl meine Frau treu das Pfarramt und unsere Familie besorgte, war ich nervlich nicht mehr berufsfähig. Es fiel mir sehr schwer, nicht mehr mein so sehr geliebtes Pfarramt mit Unterricht ausführen zu dürfen. Ich konnte eben nicht mehr. 

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt(at)rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                       bor

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