Das Zeitliche segnen

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Lebenslinien in Gottes Hand (34): Existenz und Religion im Prozess des Älterwerdens

Ruhestand, Entpflichtung oder der Lauf im Hamsterrad der Ehrenämter und Arztbesuche - welcher Begriff beschreibt das dritte Lebensalter am treffendsten? Wohl alle zusammen - denn "das" dritte Lebensalter gibt es nicht. Genauso wenig, wie es "die" Jugendlichen oder "die" Menschen im Familienalter gibt. So viele unterschiedliche Lebensentwürfe sind in jedem Alter möglich.

Dennoch gibt es jetzt eine neue Handreichung der "Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Erwachsenenbildung in Bayern". Mit der eigenen Zeitlichkeit umzugehen lernen - das ist neben der Erfahrung körperlicher Grenzen wohl eine der wesentlichen Herausforderungen dieses Lebensalters. Die Fragmente des eigenen Lebens, viele Fasern der persönlichen Lebenslinien zu einem Ganzen zu formen, das an der Pforte zur Ewigkeit Bestand hat - das ist wohl die Lebensaufgabe am Ende.

Die Handreichung ist eine Sammlung meditativer und geistreicher Anstöße - Gedichte, Gebete, Aphorismen oder Bilder. Es gibt aber auch psychologische und philosophische Texte zu diesem Lebensalter. Monika Bauer, pensionierte Referentin für Alters- und Generationenarbeit, und Kirchenrat Jens Colditz als Landeskirchlicher Beauftragter und Theologischer Leiter der Erwachsenenbildung haben sie gesammelt. Sie bieten nicht nur mannigfaltige Anstöße für Seniorenkreise - sondern insgesamt für die Biografiearbeit.

Immer mehr gehen in einem gewissen Alter verloren - nicht nur die Haare, sondern auch die Kraft und Beziehungen, die oft Jahrzehnte währten. Doch das Alter ist nicht das Ende jeder Entwicklung, sondern dort findet sie genauso statt wie in den früheren Lebensjahren. Vielleicht noch intensiver als zu Zeiten reger Geschäftigkeit. Idealerweise schließt sich ein Kreis.

Können Menschen auf "Unendliches bezogen" sein (wie C. G. Jung es formuliert) und trotzdem mit beiden Füßen fest auf dem Boden ihrer Lebenswirklichkeit stehen? Ringen wir dabei mit Gott oder mit dem Leben? Diese Fragen sind nicht bloß akademisch. Sie bestimmen den Blick auf unser Leben - und damit die Sinnsuche.

Oftmals ist im Alltag unser Leben weitgehend fremdbestimmt: Wir reagieren auf mannigfache Eindrücke, auf alle möglichen Anforderungen oder Impulse. Heute füllt sich besonders der Terminkalender der Rentner. So lange sie noch können, kommen sie selten zu Ruhe. Weil dahinter die Leere wartet.

Glaubensvorstellungen, die aus den traditionellen Weltbildern entstehen, sind vielen Menschen fremd geworden. Nun soll das irdische Leben voll ausgeschöpft sein - qualitativ und quantitativ. Dies formuliert Heribert Prantl in dem Arbeitsbuch mit großer gedanklicher Klarheit. Es immer mehr zu genießen erscheint genauso wichtig wie seine Spanne mit allen medizinischen Mitteln und Tricks nach hinten zu verlängern. Doch immer mehr Menschen schütteln da den Kopf: Es kann kein Gewinn sein, noch möglichst lange an Pumpen und Schläuchen zu hängen, die nicht mehr als die Körperfunktionen in Gang halten. Das Sterben soll genauso wie das Leben in eigener Verantwortung geschehen. In diese Zusammenhänge stellt der Jurist und Journalist Prantl die Debatten über die Sterbehilfe: "Ich will nicht mehr so leben" laute die eigentliche Botschaft.

Diesen Reflexionen stellen die Autoren der Textbausteine das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten gegenüber: "Etwas Besseres als den Tod findest du überall." - nur was?

Abbrüche und unvollendete Lebensabschnitte ge­hören zur aktuellen Lebenserfahrung. Zwar werden Menschen wesentlich älter als noch vor einigen Generationen. Doch das Leben ist nicht mehr auf die Ewigkeit bezogen. Denn was kommt nach dem Tod? Die traditionellen Antworten voll kindlicher Zuversicht tragen schon lange nicht mehr - es bleibt ein großes "Vielleicht" bei allen Vorstellungen über die Ewigkeit.

Gemeindekreise können viele Schätze aus dem Arbeitsbuch heben. Für jeden Lebensentwurf finden sich Anstöße, um ihn noch reiner zu schleifen. Auch vieles in dem Arbeitsbuch bleibt Fragment - die Kreise selbst sollen es zu einem Ganzen schmieden.

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt@rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                      Susanne Borée

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