Herr Luther mischt sich ein: Kapitel 12

Trösten
Timo war immer noch fix und fertig. Sein Freund Christian wollte ihn trösten. Illustrationen: Aaron Jordan

Krieg: Mord und Toschlag

(=> Hier geht es noch zur letzten Folge.)

Tagelang war Timo ein kleines bisschen abwesend. Seine Mutter sorgte sich, ob es an seinem Erzfeind Sebastian Thile läge, der ihm in der Schule wieder zusetzte. Aber nein. Das war es Gott sei Dank nicht auch noch. Timo dachte immer noch über seine Enttäuschung nach. Ja. Er war enttäuscht von Luther. Im Sinne des Wortes. Ent- täuscht. Wie enttarnt. Die Heiligkeit und Ehrfurcht, mit der er über Luther nachdachte und sprach war einer bitteren Realität gewichen. Luther war auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut.

"Nichts anderes habe ich je behauptet. Ich habe auch nie behauptet, dass ich unfehlbar wie der Papst bin!", grummelte es in Timos Ohr. "Du kannst wieder mit mir sprechen. Ich hab kapiert, dass du sauer auf mich bist."

Timo musste fast grinsen. Diesen Schachzug, einfach das Sprechen einzustellen, hatte er sich bei Tante Steffi abgeschaut. Immer wenn ihr was nicht passte, machte sie "Böckchen" und hörte auf zu reden. Das war saublöd für den anderen. Aber die Wirkung war unumstritten. Das saß jedes Mal. Er konnte in manchen Nächten seine Eltern im Schlafzimmer darüber diskutieren hören, was seine Tante denn jetzt schon wieder habe und ob sie - also seine Eltern - irgendetwas falsch gemacht hätten. Und wenn ja - was?

Andererseits: Im Moment hätte er auch nicht gewusst, über was er mit Luther hätte reden sollen. Das Wetter? Unverfänglichkeiten etwa wie: "Was war dein Lieblingsessen? Welche Farbe mochtest du am meisten?"

Er saß in seinem Zimmer und war frustriert. Schade, dass er keinen Ratgeber hatte - so wie seine Tante Steffi: "Streitigkeiten - was nun? Versöhnung in zehn Schritten!"

Er saß an seinem Schreibtisch und vergrub seinen Kopf in seinen Armen, als es an seiner Tür klopfte. Christian öffnete, noch bevor Timo herein gesagt hatte. Er fand es albern genug, dass an Timos Tür ein großes Schild hing mit  "Bitte klopfen, sonst Rübe ab!" Abwarten, bis sein Kumpel ihn gnädig hereinbat, wollte
er nicht. Schließlich war er ein Freund und nicht irgendwer.

"Na - nagst du immer noch am Knorpel des Lebens?", begrüßte er heiter seinen Freund.

"Hör auf damit", bat Timo. Ihm war nicht nach Scherzen.

Er hatte Christian von der Judengeschichte und Luther erzählt. Auch davon, dass er jetzt gar nicht mehr wusste, wie er mit Hanna, die soviel Familienmitglieder verloren hatte, reden sollte. Wissen macht das Leben nicht unbedingt einfacher, hatte er festgestellt. "Komm doch mit raus in den Park. Es ist so schönes Wetter. Später können wir ja noch ein Eis essen gehen. Thomas wollte auch kommen. Die Oma hat Rente bekommen und lässt was springen, hat er gesagt!"

Timo wusste, dass das Geld bei Thomas knapp war. Aber die Vorstellung, jetzt lustig Eis essen zu gehen, während sich sein Kopf anfühlte wie bei einem Frühjahrsputz, machte ihm wenig Laune.

"Geh halt schon mal los. Vielleicht komm ich später nach. Ich weiß noch nicht. Ich muss noch denken!"

"Als würde es davon besser werden. Lass doch die Menschen so, wie sie sind - sagt meine Mutter immer. Du änderst sie sowieso nicht. Und einen, der tot ist erst recht nicht."

"Ja. Vielleicht."

"Na gut. Ich geh los. Und du quatsch mal mit deinem Reformator. Das ist ja wie im Krieg bei euch. Schlimm!", erwiderte Christian und schon war er wieder weg.

"Das ist ja wie im Krieg mit euch!" => weiter

 

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