Blicke vor die eigene Haustür richten

Buchvorstellung

Lebenslinien in Gottes Hand (36): Kronacher Gymnasiasten betreiben Regionalforschung

Abiturienten in Kronach setzten sich thematisch mit ihrer Region Kronach auseinander. Besonders gelungene Arbeiten wurden in der Reihe "Schriften zur Landes- und Heimatkunde" veröffentlicht und der Kreisbibliothek übergeben.

Forstwirtschaft im Landkreis Kronach, die innerdeutsche Grenze rund um Ludwigsstadt, die Verwendung von Pflanzen in alten Hausmitteln sowie Flucht und Vertreibung Sudetendeutscher Familien - Mit solch interessanten heimatlichen Themen beschäftigten sich Sophia Schirmer, Sarah Lipfert, Anna-Maria Renk und Maximilian Pfadenhauer in ihren Seminararbeiten. Diese wurden von den vier Abiturienten des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums so sorgfältig recherchiert und ausgearbeitet, dass sie es in die Reihe "Schriften zur Landes- und Heimatkunde" schafften. Den nunmehr 25. Band dieser Schriftenreihe überreichten die stolzen jungen Autoren an Rudolf Pfadenhauer, Leiter der Kreisbibliothek. Dort kann er auch ausgeliehen werden.

Die vom Abiturjahrgang 1995 des Gymnasiums eröffnete Publikationsreihe fasst besondere Abhandlungen zu regionalen Themen in Sammelbänden zusammen. Betreut wird sie nunmehr von Studienrätin Verena Zeuß. Die Kronacherin erinnerte daran, wie sie vor zehn Jahren als Schülerin im dortigen Leistungskurs Geschichte selbst eine Facharbeit über das Schicksal Sudetendeutscher in der Schriftenreihe veröffentlichen durfte. Da sich jetzt Maximilian Pfadenhauer mit einem ähnlichen Thema beschäftigte, hat er sie in seiner Arbeit sogar zitiert.

Die Publikationsreihe liegt Zeuß sehr am Herzen, weil sie einen Beitrag zur Werteorientierung leiste. Es werde immer mehr die Abwanderung junger Leute beklagt. Wenn sich diese mit ihrer Heimat auseinandersetzten, vor der eigenen Haustüre schauten, könnten sie den "Wert Heimat" vielleicht für sich wieder mehr erkennen. Ihr zentrales Anliegen sei es, Schülern die Möglichkeit zu eröffnen, besonders ihre W-Seminararbeiten* einem breiteren, wissenschaftlichen Lesepublikum zur Verfügung zu stellen. So können sie gleichzeitig erstmals eigenes, wissenschaftliches Schriftgut veröffentlichen. "Solche Superarbeiten dürfen nicht irgendwo verstauben", appellierte sie.

In einer kurzen Zusammenfassung stellten die vier Zwölftklässler ihre Arbeiten vor. Sophia Schirmer hat sich mit der "Forstwirtschaft im Landkreis Kronach vor dem Hintergrund des Klimawandels" auseinandergesetzt. Die Ergebnisse ihrer Recherchen präsentierte sie auch bei der Jahreshauptversammlung der Waldbesitzervereinigung Kronach-Rothenkirchen. Diese waren so begeistert davon, dass sie sie gleich reihenweise fotokopierten. "Die innerdeutsche Grenze rund um Ludwigsstadt - Ein Resultat des Zweiten Weltkriegs" lautet der Beitrag von Sarah Lipfert. Da sie selbst aus Ludwigsstadt kommt, hat sie sich sehr für diese Thematik interessiert.

Anna-Maria Renk nahm sich der "Verwendung von Pflanzen in alten Hausmitteln" an. Dabei beschäftigte sie sich insbesondere mit den Heilkräutern Holunder, Fichte, Arnika und Mädesüß. Zusammen mit Carola Hebentanz entwickelte sie sogar einen "Lungenschmeichler" mit Fichtenextrakt. Maximilian Pfadenhauer beleuchtete "Flucht und Vertreibung am Beispiel des Schicksals zweier Sudetendeutscher Familien - Perspektiven einer dauerhaften Friedensordnung".

Auch bei ihm war der persönliche Bezug - die eigenen familiären Hintergründe - mit ausschlaggebend für die Wahl des Themas. Die Arbeiten waren innerhalb eines halben Jahres im Rahmen der Seminare "Bedeutung der Pflanzen" sowie "Krieg und Frieden" unter Leitung der Lehrkräfte Paul Bartz beziehungsweise Michael Wallner entstanden. Auch Wallner stellte - als "rei­gschlaafter Halbkronacher" - die Bedeutung der Schriftenreihe heraus, die fast ein Unikat darstelle. Leider ginge bei vielen jungen Menschen der Bezug zur Heimat verloren und man betrachte diese als uncool. Umso wichtiger sei die Weiterführung dieser Regionalforschung.

Entstanden war diese 1995 auf Initiative von Horst Pfadenhauer, der damals an dem Kronacher Gymnasium unterrichtete. Der nunmehrige Schulleiter eines Gymnasiums in Kulmbach war bei der Übergabe anwesend; ist er doch der Vater von Maximilian Pfadenhauer, dessen Arbeit mit ausgewählt wurde. Bei der Umstellung vom neunjährigen auf das achtjährige Gymnasium mit Wegfall der Leistungskurse habe man - so der Schulleiter - einen Bruch im heimatkundlichen Bereich befürchtet. So erfolgte tatsächlich auch eine mehrjährige Pause bis zur nunmehrigen Wiederaufnahme der Publikationsreihe. "Es braucht Lehrer, die sich dahinterklemmen" zeigte er sich sicher und dankte in diesem Zusammenhang Verena Zeuß für ihr großes Engagement.

"Das sind durchwegs sehr interessante, hochaktuelle Themen", zeigte sich Landrat Oswald Marr tief beeindruckt. Es freue ihn sehr, dass nunmehr die Tradition vom ältesten Gymnasium des Kreises wieder fortgeführt werde. Die Vergabe lokaler Themen spiegle das hohe Engagement des Gymnasiums für Kreis und Stadt Kronach wider. Überall werde beklagt, dass sich die jungen Leute zu wenig für ihre Heimat interessierten. Die tiefgründigen Schriften belehrten uns eines Besseren. Laut Bibliotheksleiter Rudolf Pfadenhauer sei der Spitzenreiter der Reihe bereits 36 Mal ausgeliehen worden. Dies sei das beste Indiz dafür, wie gut dies bei der Bevölkerung ankomme. Die Abiturienten dürften stolz darauf sein, etwas Bleibendes geschaffen zu haben. Damit könnten sie bei jeder Bewerbung punkten. Als Zeichen seiner Anerkennung bedachte der Landrat abschließend die Vier jeweils mit einem heimatkundlichen Jahrbuch.   

Veröffentlichte Beiträge: Forstwirtschaft im Landkreis Kronach vor dem Hintergrund des Klimawandels (Sophia Schirmer), Die innerdeutsche Grenze rund um Ludwigsstadt - Ein Resultat des Zweiten Weltkriegs (Sarah Lipfert), Verwendung von Pflanzen in alten Hausmitteln (Anna-Maria Renk), Flucht und Vertreibung am Beispiel des Schicksals zweier Sudetendeutscher Familien - Perspektiven einer dauerhaften Friedensordnung (Maximilian Pfadenhauer).

* W-Seminare: Ein Wissenschaftspropädeutisches Seminar ist ein Seminar in der gymnasialen Oberstufe in Bayern, das jeder Schüler in der 11. und 12. Klasse belegen muss. Es ist einem bestimmten Fachgebiet zugeordnet und behandelt ein festgelegtes Rahmenthema. Jeder Schüler muss innerhalb dieses Rahmenthemas eine umfassende Seminararbeit erstellen.

Wenn Sie eine spannende eigene Geschichte zu erzählen haben oder es Erfahrungen mit der Familienforschung oder Biografie-Arbeit gibt, können Sie sich an das Sonntagsblatt unter der E-Mail sonntagsblatt@rotabene.de oder Telefon 09861/400-389 wenden.  

                      Heike Schülein

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