"Es waren Arme, die halfen"

Klaus Möckel
Klaus Möckel. Foto: Pat Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (35): Ein ehemals Deportierter engagiert sich für Flüchtlinge

Freiwillig hätte Andreas Möckel seine Heimat nicht verlassen - zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt, zumindest nicht mit dem Ziel Ukraine. Mit 17 Jahren wurde der Siebenbürger Sachse 1945 im Zuge der Verschleppung von Rumäniendeutschen in die Sowjetunion deportiert. Zwei Jahre später kam er nach Deutschland.

Ende Januar 1927 erblickte Andreas Möckel im rumänischen Großpold als Sohn des evangelisch-sächsischen Pfarrers Konrad Möckel das Licht der Welt. In Kronstadt (Brasov) besuchte er das Honterusgymnasium. Als Angehöriger der deutschen Minderheit der Siebenbürger Sachsen wurde er im Januar 1945 in die Sowjetunion deportiert. Möckel war gezwungen, im Donezbecken in einem Steinkohlebergwerk mitzuhelfen. Bis zu 50 Meter tief unter der Erde baute er Kohle ab. Es waren extrem schlechte Zeiten - allerdings nicht nur für die Deportierten. Auch so mancher Bergarbeiter musste Eicheln sammeln, weil es nicht genug Mehl gab.

Viele Verschleppte starben

Möckel erinnert sich, wie er und einige der anderen Zwangsarbeiter manchmal in die nächstgelegene Stadt gingen: "Dort bettelten wir um Brot und Suppe." Unvergesslich ist ihm, dass es gerade die armen Menschen waren, die Hilfe leisteten. Möckel sieht darin heute eine Art Gesetz: "Es sind meist eher die Armen als die Reichen, die andere Arme unterstützen."

Der extreme Hunger schwächte den jungen Pfarrerssohn so sehr, dass er 1947 krank aus der Zwangsarbeit in die amerikanische Besatzungszone Deutschlands entlassen wurde. In Neuruppin kam er in ein Krankenhaus, wo man seine Hungerödeme behandelte. Nach wie vor waren die Zeiten sehr schwierig. Und wieder erfuhr Möckel Hilfe von armen Menschen: "Bauern kamen ins Krankenhaus und brachten uns Stullen."

Mehr als 30.000 Siebenbürger Sachsen wurden 1945 in die Sowjetunion deportiert. Betroffen waren Männer zwischen 17 und 45 sowie Frauen zwischen 18 und 35 Jahren. Viele mussten Zwangsarbeit in einem Kohlebergwerk leisten, andere waren in der Schwerindustrie und auf Feldern eingesetzt. Mehr als jeder zehnte Verschleppte starb in der Sowjetunion.

Die in Rumänien verbliebenen Deutschen verloren durch das Agrarreformgesetz vom März 1945 ihren landwirtschaftlichen Besitz, ihre Häuser und alles Inventar. Auf der Flucht vor Deportation und Enteignung kamen die Siebenbürger Sachsen nach Deutschland. Sie sind also keine Vertriebenen, betont Möckel: "Ungarn und Rumänen ging es unter dem Kommunismus genauso schlecht wie den Sachsen und Schwaben, auch sie hätten dem Kommunismus gerne entfliehen wollen."

Wahr sei allerdings, dass der rumänische Geheimdienst die rumänischen Staatsbürger der Sachsen und Schwaben zwischen 1967 und 1989 für viel Geld in die Bundesrepublik ziehen ließen. Über eine Milliarde Mark sollen geflossen sein. Möckel: "Das war Menschenhandel."

Als Andreas Möckel 1947 nach Deutschland kam, bedeutete dies für ihn keineswegs, in der Fremde zu landen. Deutsch war seine Muttersprache. Mit der deutschen Kultur, wie sie in Rumänien von den Siebenbürger Sachsen gepflegt wurde, war er bestens vertraut. Sofort Anschluss fand er außerdem in der evangelischen Kirche. "Das war wie bei uns in Rumänien. Da gab es nichts Befremdendes", erzählt er, Hierin sieht Möckel auch einen Unterschied zu heute, wo es gilt, Menschen muslimischen Glaubens in eine christlich geprägte Gesellschaft zu integrieren.

Massive Anfeindungen hatte Möckel nie erlebt. Nur ein paar nicht ganz freundliche Situationen aus seinen Anfangsjahren in Deutschland sind dem 1992 emeritierten Professor noch in Erinnerung. Möckel, der bis 1949 die Evangelisch-Kirchliche Heimschule in Michelbach an der Bilz besuchte, schlug im Anschluss daran die Laufbahn als Volksschullehrer ein. Bis 1951 absolvierte er am Pädagogischen Institut in Stuttgart seine Lehrzeit. Während der Ausbildung wies er einmal einen Mitschüler auf einen Fehler im Deutschen hin. Der reagierte ziemlich ungehalten: "Was willst denn du, du bist doch gar kein Deutscher!"

Gut erinnert sich Möckel auch noch an die Diskussionen, die es wegen des 1952 in Kraft getretenen Lastenausgleichsgesetzes gab. Vermögende mussten eine Abgabe zahlen, damit Spätheimkehrer, Vertriebene und Menschen mit zerbombtem Besitz entschädigt werden konnten. Keineswegs alle Deutschen standen hinter der vom Lastenausgleich geforderten Solidarität. Doch letztlich gelang es nicht zuletzt dadurch, die vielen Tausend Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben und Sudetendeutsche gut zu integrieren.

Möckel, der etliche Aufsätze und Monographien zur Heilpädagogik verfasst hat, prägte die Entwicklung dieses Fachs in Deutschland entscheidend mit. 1976 wurde er auf den damals neu eingerichteten Lehrstuhl für Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt Lernbehinderten-Pädagogik der Universität Würzburg berufen. Vor allem mit seinem 1988 erschienen Werk "Geschichte der Heilpädagogik" erregte der Lernbehindertenpädagoge bundesweit Aufsehen. Der Autor, für den der Heilpädagogik die Bedeutung einer "säkularisierten Heilsgeschichte" zukommt, hebt hierin nicht zuletzt auf das ethische Fundament seines Faches ab: Die Akzeptanz von behinderten Kindern in der Gesellschaft.

Wie stark der Umgang mit Behinderten abhängig von gesellschaftlichen Anschauungen und sozialpolitischen Bedingungen ist, zeigt die NS-Zeit. Dort kam es durch die Ideologie der "Rassenhygiene" zu besonders grausamen Verbrechen an Behinderten und psychisch Kranken - was Sonderschullehrer mitgemacht hatten.

Auch wenn derzeit viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen - die Dimensionen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg werden bei weitem nicht erreicht. "Wir wurden seinerzeit außerdem im Elend aufgenommen", erinnert Andreas Möckel. Die Flüchtlinge heute wandern in ein reiches Land ein. Möckel, obwohl Sozialdemokrat, gibt in diesem Punkt Kanzlerin Angela Merkel Recht: "Es wäre lächerlich, wenn wir es nicht schaffen würden, die Flüchtlinge aufzunehmen." Möckel selbst war sofort bereit, seinen Beitrag zu leisten. 2015 gab er Flüchtlingen in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft sowie in der Don Bosco-Berufsschule ehrenamtlich Deutschunterricht.     

                      Pat Christ

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