Verantwortung für Taten meiner Vorfahren?

Horst F. Rupp
Horst F. Rupp. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (37): "Generationengespräche" im Rothenburger Wildbad

Voller Entsetzen stand Horst F. Rupp "im hintersten Winkel" seines Elternhauses vor längst verstaubten  Papieren. Es geschah vor drei Jahrzehnten, in den 1980er Jahren. Dennoch merkt man bis heute, wie nahe diese Enteckung dem gebürtigen Rothenburger gegangen ist. Sein eigener Großvater Karl Stahl war bereits am 25. März 1933 als SA-Ortsgruppenleiter massiv an den Ausschreitungen gegenüber den Juden in Creglingen beteiligt. Er schlug offenbar auch selbst zu.

Den Juden wurde damals vorgeworfen, Waffen versteckt zu halten. Diese fanden sich auch nicht nach intensiven Durchsuchungen und "Vernehmungen". Dabei misshandelte die SA 16 Menschen. Zwei von ihnen, Hermann Stern und Arnold Rosenfeld, starben an den Folgen der Torturen. Wie heftig er zugeschlagen habe - damit prahlte Stahl gar nach den Todesfällen. Ähnlich soll er sich privat nach 1945 noch geäußert haben. Offiziell konnte er sich nicht mehr daran erinnern.

"Es war natürlich irgendwie in der Familie präsent, dass mit dem Großvater und den Juden 'irgendwas' los war", erinnert sich sein 1949 geborener Enkel Horst F. Rupp. Aber doch nicht so heftig! Er arbeitete seinen Fund zusammen mit dem regionalen Geschichtsforscher und Oberstudienrat Hartwig Behr historisch auf.

Rupps eigene Familie war darüber sehr gespalten. So wurde etwa unter den Geschwistern und mit der Mutter - die ja die Tochter von Karl Stahl ist - heftig und auch kontrovers diskutiert, ob man mit diesen Erkenntnissen tatsächlich an die Öffentlichkeit hätte gehen sollen oder ob es nicht besser gewesen wäre, dies zu unterlassen, weil damit neue Wunden aufgerissen würden.

Um die Jahrtausendwende engagierte sich Rupp dabei, die Ausstellung im Jüdischen Museum Creglingen neu zu konzipieren. Er forderte  eine angemessene Berücksichtigung des Dritten Reiches und besonders des Creglinger Judenpogroms. Die Wellen schlugen noch einmal hoch. Daraufhin musste Rupp, inzwischen in Würzburg Professor der evangelischen Religionspädagogik, den Museumsvorstand verlassen. "Das war die härteste Sache, die ich durchgestanden habe", so Rupp heute. Vor fünf Jahren hatte er eine Krebsoperation - vielleicht "auch" eine Folge des Streits? Etwas später schiebt er noch nach: "Vielleicht hätte ich da ein wenig diplomatischer sein können. Aber die Verstrickungen des Dritten Reiches werden noch einige weitere Generationen beschäftigen."

Horst F. Rupp richtet den Blick nicht nur auf Creglingen, wo sein Großvater lebte, sondern auch auf seine eigene Heimatstadt Rothenburg. Er hat dort zusammen mit anderen Historikern 2015 nach vielen Vorarbeiten ein neues Standardwerk zur Geschichte der Tauberstadt herausgebracht (wir berichteten). Und bei der Tagung "Rothenburg in Krieg und Frieden - Generationengespräche" im Wildbad vom 24. bis 26. Juni wird er ebenfalls sprechen. Dort hält er einen Vortrag  zum Thema "Zwischen reichsstädtischer Herrlichkeit und Versagen im Dritten Reich".

Auch dort, etwa 20 Kilometer tauberaufwärts von Creglingen, hat sich während der Zeit des Dritten Reiches "weder die Stadt noch der Verein Alt Rothenburg mit Ruhm bekleckert". So formuliert es der aktuelle Vorsitzende Markus Naser, der hauptberuflich Fränkische Landesgeschichte an der Universität Würzburg lehrt. Allerdings sind viele Protokollbücher des Vereins aus der Zeit vor 1945 verschwunden - vielleicht zerstört bei der Bombardierung Rothenburgs am 31. März 1945. Vielleicht auch nicht ganz zufällig, wie vor Ort manchmal gemunkelt wird. Markus Naser wird ebenfalls einen Vortrag bei der Tagung am 25. Juni im Wildbad halten. Momentan ist er noch dabei, ihn auszuarbeiten - man darf gespannt sein. Jedenfalls gab es seinerzeit eine enge personelle Verstrickung zwischen Menschen, die städtische und vereinsinterne Ämter inne hatten.

Etwa Friedrich Schmidt, seit Oktober 1936 1. Bürgermeister der Stadt und gleichzeitig Ausschussmitglied und Vereinsführer im Verein Alt-Rothenburg. Im April 1938 hatte der Kantor von St. Jakob, Hans Feige, bei der Volksabstimmung zum "Anschluss" Österreichs mit "Nein" gestimmt. Bürgermeister Schmidt schrieb ihm persönlich: "Der Titel 'Stadtkantor' wurde an ehrenwerte Personen im Dienst der Stadt Rothenburg ob der Tauber verliehen. Diese Voraussetzungen sind bei Ihnen nicht mehr gegeben. Ich untersage Ihnen daher ferner den Titel 'Stadtkantor' zu führen." Der städtische Zuschuss zum Gehalt des Kantors wurde gestrichen. Man verbot ihm das Betreten aller städtischen Gebäude. Da Feige jedoch von der Landeskirche angestellt war, konnte die Stadt ihm nicht kündigen. Die Kirche hielt an ihm fest.

Vor der Spruchkammer Rothenburg wiederum tat Friedrich Schmidt am 8. Juli 1947 gegen Feiges Tochter deren Beschuldigungen ab: "Die Denunziantin Brunhilde Feige hat also alle Tatsachen ins genaue Gegenteil verkehrt und aus reiner Gehässigkeit oder aus Geltungstrieb völlig unwahre Behauptungen aufgestellt." So ist es auf der Webseite www.rothenburg-unterm-hakenkreuz.de dokumentiert. Auch der Verein Alt-Rothenburg hat sich mit Schmidt auseinander gesetzt.

"Mittlerweile gehört es zum guten Ansehen einer Stadt, dass die Erinnerung an das Leben, aber auch an die Vertreibung der jüdischen Einwohner nicht schamhaft verschwiegen, sondern festgehalten wird", so Pfarrer Gußmann. Der Rothenburger Pfarrer hat die Geschichte der jüdischen Gemeinde vor Ort aufgearbeitet. Er wird auch im Wildbad dabei sein.

Und Edith Raim denkt da über "Strafverfahren gegen Verantwortliche der Deportationen aus Mittelfranken" nach. Sie waren oft nach 1945 sehr mühsam und beschäftigen uns ja bis heute. Schwierig, war es jedoch, den Beklagten nachzuweisen, dass sie konkret davon gewusst hätten, welches Schicksal die Deportierten erwartete. Gerade aus Nürnberg und Mittelfranken erfolgten die Deportationen nicht direkt in die Vernichtungslager, sondern es gab mehrere Zwischenstationen. Natürlich musste den Beteiligten vieles klar sein. Oft herrschten gerade in der Justiz noch nach 1945 die alten Seilschaften. Man sieht in "menschliche Abgründe", so die Historikerin. Aber je mehr sie sich damit beschäftige, desto weniger "Schwarz-weiß-Malerei" sehe sie auch bei der Aufarbeitung der Verbrechen nach 1945. Die rechtsstaatliche Justiz nach 1945 brauchte Beweise, so Raim. 

"Wir können die Gegenwart nur aus ihrem Gewordensein verstehen", meint Horst F. Rupp abschließend. Was kann man Jugendlichen über die Verstrickungen des Dritten Reiches vermitteln? "Ich fühle mich nicht schuldig, aber verantwortlich" - auch für den Großvater. Und wo sind meine ganz persönlichen Grenzen, dass ich mich nicht zu solchen Verstrickungen manipulieren lasse?   

Weitere Infos und Anmeldungen zur Tagung "Rothenburg in Krieg und Frieden - Generationengespräche" im Wildbad vom 24. bis 26. Juni bitte über die Ev. Akademie Tutzing, die sie durchführt: Telefon: 08158/251-0, E-Mail info(at)ev-akademie-tutzing.de oder über die Webseite www.ev-akademie-tutzing.de    

                      Susanne Borée

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