Wie ein hörbares Fotoalbum

Audibiografie
Achim Schmidt erarbeitet heute zusammen mit Felix Köhler eine Audiodatei, die Felix später einmal daran erinnern wird, wie gut er 2016 schon Orgel spielen konnte. Foto: Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (38): Zugänge für blinde Menschen zu ihrer Lebensgeschichte

Kürzlich feierte Julia Jakob Geburtstag. 25 Jahre wurde sie alt. Julia lud ihre vier besten Freunde ein. Man trank Kaffee, tat sich am Kuchen gütlich, lachte und scherzte. Auf dem Tisch stand ein digitales Aufnahmegerät, das alles aufzeichnete, was an diesem Nachmittag passierte. Julia, die nichts sehen kann, hat die Aufnahme seither oft angehört. Jedes Mal freut sie sich über diesen rundum gelungenen Nachmittag.

Seit einem Jahr werden in der Gruppe E3 im Blindeninstitut für einzelne Bewohner sogenannte Audiobiografien angelegt. Initiator des innovativen Projekts ist Achim Schmidt, der als Heilerziehungspfleger auf der Gruppe von Julia Jakob arbeitet. Technisches Knowhow bringt er als semiprofessioneller Musiker mit. Welche Bedürfnisse blinde Menschen haben, weiß Schmidt durch seinen Vater: "Der erblindete im Krieg." Schon vor etlichen Jahren lief in Schmidts Familie immer ein Tonband mit, wenn irgendetwas Besonderes gefeiert wurde. Vor 16 Jahren, als der Vater sehr krank war, suchte Schmidt alle Tonbänder zusammen und übergab sie seinem Vater chronologisch geordnet.

Jeder Mensch, so Schmidt, liebt es, schöne Momente festzuhalten. Darum wird bei jeder Feier fotografiert oder gefilmt, manche Menschen schreiben seit ihrer Jugend Tagebücher, andere sammeln Souvenirs von fernen Reisen oder besonders eindrucksvollen Ausflügen. All dies ist blinden Menschen verwehrt. Doch auch sie möchten sich an bedeutsame Momente erinnern. Mit Hilfe von Audiodateien ist ihnen dies möglich.

In der obersten Schublade von Julia Jakobs Schreibtisch, dort, wo auch ihr Computer steht, tummeln sich mehrere weiße Plastikkarten, über die sie auswählen kann, was sie noch einmal hören möchte. Auf den Karten ist jeweils ein für das Ereignis typisches Symbol aufgeklebt. Ein kleiner Kaminkehrer zeigt Julia, dass sie nun die Karte in der Hand hält, die zur Audiodatei "Fasching" führt. Auf jener Karte, über die Julia abermals in ihre Geburtstagsfeier eintauchen kann, ist eine weiße Blume befestigt.

"Die Karten sind programmiert und funktionieren wie ein Barcode an der Einkaufskasse", erläutert Achim Schmidt, der dieses System für Julia Jakob entwickelt hat. Julia nimmt soeben die weiße Karte mit den Blumen darauf und legt sie links neben die Computertastatur auf eine schwarze Box, die in Verbindung mit ihrem Rechner steht. Sofort wird Geschirrklappern hörbar, Menschen unterhalten sich, jemand lacht. Julia ist also, ohne dass sie die Tastatur bedienen musste, mitten hineinkatapultiert in ihre Party. Entfernt sie die Karte von der Box, wird die Aufnahme abgebrochen.

Felix Köhler könnte dieses System nicht handhaben, dazu ist die Motorik des blinden, mehrfach behinderten Mannes zu stark eingeschränkt. Will Felix eine Erinnerungsdatei anhören, muss ihm Achim Schmidt dabei assistieren. Wobei dem 26-Jährigen, der nach Gehör Orgel spielt, im Moment allerdings viel wichtiger ist, weitere Aufnahmen zu produzieren.

Heute spielt Felix zu einem Song von Rolf Zuckowski. Das Aufnahmegerät befindet sich vor ihm auf der Orgel. Felix spielt selbst die etwas schwierigere Passage ohne einen Fehler. Sowie das Lied beendet ist, schaltet Achim Schmidt das Aufnahmegerät aus und entnimmt ihm die Speicherkarte. Die steckt er dann in den passenden Schlitz seines Laptops. In Felix Köhlers Beisein überspielt er die Audiodatei auf seinen mobilen Rechner.

Felix freut sich riesig, als er sich selbst Orgel spielen hört. "Na, gefällt dir die Aufnahme so?", fragt Schmidt. Der 26-Jährige wirft den Kopf zurück, lacht und ruft laut: "Ja!" Damit hat Achim Schmidt Grünes Licht, um die Datei auf eine CD zu brennen. Es hätte allerdings auch sein können, dass Felix mit der Aufnahme nicht einverstanden gewesen wäre. Schließlich gefällt einem ja auch nicht jedes Foto, das man schießt. Dann wäre ein zweiter Versuch unternommen worden, das Orgelspiel so einzufangen, dass es die Orgelfortschritte von Felix im Frühjahr 2016 widerspiegelt.

Auch von Thomas Dandorfer wurde eine Audiobiografie angelegt. Acht Dateien existieren inzwischen. Der junge Mann geht zum Beispiel gern ins institutseigene "Café Maulwurf". Eine Aufnahme verdeutlicht, wie ein Ausflug in das Café im Jahr 2016 vonstatten geht. Die Wohngruppe von Thomas befindet sich im dritten Stock. Zunächst muss also der Aufzug herbeigerufen werden. Mit einem "Pling!" stoppt der und lässt Thomas Dandorfer und Achim Schmidt eintreten. Schmidt drückt auf einen Knopf, und wenige Sekunden später ertönt eine Computerstimme: "Erdgeschoss."

Wer weiß, ob Thomas in zehn Jahren immer noch in der Gruppe E3 lebt. Vielleicht ist er innerhalb des Geländes um- oder auch ganz aus Würzburg weggezogen. Über die Aufnahme kann er sich immer wieder daran erinnern, wie das damals war, als er mit Julia und Felix zusammenlebte und hin und wieder aufbrach, um das "Café Maulwurf" zu besuchen. Andere Aufnahmen erinnern ihn an Gottesdienste, die er besucht hat. Besonders wichtig ist ihm eine Audiodatei, die ihn an einen Ausflug zum Bahnhof mit anschließender Zugfahrt erinnert.

Noch braucht auch Thomas Dandorfer Hilfe, um sich die Aufnahmen, wenn ihm danach zumute ist, anzuhören. Doch das soll sich ändern, wünscht Achim Schmidt: "Denn Inklusion bedeutet, möglichst ohne einen Vermittler auszukommen." Sein Ziel ist es, den Bewohnern Türen zu ihrer Biografie zu öffnen, die sie, wie Julia Jakob, selbstständig öffnen und schließen können.

Doch das ist gar nicht so einfach. Das Projekt "Audiobiografie", so Schmidt, wird aus diesem Grund noch lange nicht abgeschlossen sein. Zum einen existieren seitens der blinden Bewohner noch eine Menge Wünsche, was sie verewigt haben möchten. Julia zum Beispiel möchte Aufnahmen aus den Wohngruppen ihrer Freunde haben. Zum anderen gilt es, für jeden Einzelnen eine individuelle Möglichkeit zu finden, die Erinnerungen abzurufen. Vielleicht nach Feierabend, wenn man sich von der Werkstattarbeit erholen möchte. Oder am Wochenende. Oder daheim bei den Eltern, die gern erfahren möchten, was seit der letzten Begegnung alles passiert ist.

                      Pat Christ

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