"Wie ein Kind lern ich neu sprechen"

Arndt Steffens
Arndt Steffens (rechts) findet bei Heino Gövert vom Aphasiker-Zentrum Hilfe bei alltäglichen Problemen. Foto: Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (39): Seit 15 Jahren erhalten Menschen mit Aphasie Hilfe

Aschaffenburg. Jedes Jahr verlieren in Deutschland rund 80.000 Menschen ihre Fähigkeit, zu lesen, zu sprechen und Sprache zu verstehen. "Aphasie" nennt man die Erkrankung, die meist durch einen Schlaganfall verursacht wird. Manchmal ist aber auch ein Hirntumor oder ein Unfall mit Schädel-Hirn-Trauma dafür verantwortlich. Arndt Steffens aus Bessenbach im Landkreis Aschaffenburg erlitt dieses Schicksal am 11. November 2007 - ein Datum, das er niemals vergessen wird. Denn danach war nichts mehr, wie es zuvor gewesen ist.

Fast minutiös erinnert sich der heute 54-Jährige, was an diesem Nachmittag passiert war. "Ich kam vom Fußballtraining heim, war verschwitzt und wollte meine Klamotten wechseln", erzählt er mit schleppenden, oft mühsam zusammengesuchten Worten. Im Wohnzimmer saß sein kleiner Sohn vor dem Fernseher: "Er schaute James Bond." Arndt Steffens begab sich ins Bad - und kippte plötzlich um. Ein Kalk­pfropfen im Gehirn, erfuhr er später, hatte einen Schlaganfall ausgelöst.

Seine Frau Beate rief den Rettungswagen, der sofort kam. Arndt Steffens bekam mit, wie sich seine Frau mit dem Arzt unterhielt. Wie er in die Klinik gebracht und an Geräte angeschlossen wurde: "Die dauernd piepsten." Doch noch konnte er nicht erahnen, welche gravierenden Auswirkungen der Schlaganfall haben würde. Noch wusste er nicht, dass er mit einem "Schlag" seine komplette Sprache verloren hatte. Und dass damit sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt war.

Bis dahin war Steffens beruflich sehr erfolgreich gewesen. Der promovierte Bauingenieur hatte etliche Baustellen in ganz Deutschland betreut. Besonders stolz war er darauf, dass er als "zweiter Chef" den Bau des 2004 eröffneten Münchner Einkaufszentrums Riem-Arcaden leiten durfte.

Wenn er heute an diese Baustelle zurückdenkt, erscheint ihm manches Detail, mit dem er sich damals zu befassen hatte, in einem besonderen Licht: "Wir hatten den Auftrag, eine Behindertentoilette einzubauen. Doch es war sehr schwierig, das Kabel für den in solchen Toiletten üblichen Notknopf zu verlegen." Die Bauleute schüttelten den Kopf: War das denn wirklich nötig?

Dass viele Menschen darauf angewiesen sind, war auch Steffens damals nicht bewusst. Er war gesund, sportlich - mit Krankheiten hatte er sich kaum näher befasst. "Auch 'Schlaganfall' war für mich nur ein Schlagwort gewesen", sagt er. Dass es eine Behinderung namens "Aphasie" gibt, hatte er noch nie zuvor gehört. Plötzlich war er selbst ein Mensch mit Handicap. Sein rechtes Bein und seine rechte Hand funktionieren nicht mehr gut. Aber das Allerschlimmste ist, dass er nur noch sehr mühsam sprechen kann.

Neulich kochte seine Frau. "Ich überlegte mir, was sie denn da gerade verarbeitet", erzählt Steffens. Er kam partout nicht darauf. Fragte nach: "Es war eine Paprika." Bei seiner Logopädin, zu der er dreimal pro Woche geht, rätselte er kürzlich, welcher Artikel zum Wort "Banane" gehört: "Ich überlegte, ob es 'das Banane' heißt. Aber das klang irgendwie falsch. Dann versuchte ich es mit 'der Banane'. Das klang auch nicht gut. So kam ich darauf, dass es 'die Banane' heißen muss."

Wie ein Kind, so Steffens, müsse er nun die Sprache wieder lernen. Als sehr hilfreich empfindet er es dabei, alle zwei Wochen donnerstags in die "Kommunikationsgruppe" des Aphasiker-Zentrums Unterfranken gehen zu können. Das hat seit 15 Jahren eine Außenstelle in Aschaffenburg. Weitere Angebote für Betroffene und Angehörige finden in Würzburg oder an anderen Orten in Unterfranken statt. Auch Steffens Frau nimmt die Angebote wahr, sie beteiligt sich an einer Angehörigen-Gruppe.

Bei persönlichen Schwierigkeiten kann das Ehepaar Steffens die in Würzburg etablierte Geschäftsstelle aufsuchen. Mitarbeiter Heino Gövert, der bis vor kurzem die Aschaffenburger Kommunikationsgruppe leitete, ist zum Beispiel ansprechbar, wenn es Probleme mit der Krankenkasse gibt. Das ist nicht selten, bestätigt der Spezialist für die Erkrankung Aphasie: "Manchmal befindet die Krankenkasse, dass mehr Logopädie keine weiteren Fortschritte bringt." So war das auch bei Steffens. Doch er wehrte sich erfolgreich: "Nach wie vor ist es so, dass ich durch die Therapie von Monat zu Monat sprachlich besser werde."

Im Vergleich zum Jahr 2008, als Arndt Steffens noch völlig stumm war, steht der 54-Jährige richtig gut da. Doch jeder kleine Fortschritt kostete immense Mühe. "Mein Motto lautet: 'Kämpfen'", sagt er. Er kämpft dafür, dass er noch flüssiger reden, noch besser gehen kann. Er möchte endlich wieder "normal", zumindest normaler leben. Möchte nicht mehr dumm angeschaut werden, wenn er sich, etwa gegenüber dem Schaffner im Zug, äußert - und der ihn kaum versteht oder ihn ungeduldig abspeist.

Wie unbeholfen viele Menschen auf Behinderungen reagieren, tut dem Bessenbacher auch nach acht Jahren noch weh: "Einmal im Bahnhof, als ich daherkam, drehten sich alle weg. Nur ein alter Türke half mir."  

Hilfe für Aphasiker

In Unterfranken nutzen 1.600 Betroffene, über 750 Angehörige sowie über 250 Menschen aus dem weiteren sozialen Umfeld eines Aphasikers die Angebote des in Würzburg etablierten Aphasiker-Zentrums. Die damals deutschlandweit einzigartige Einrichtung wurde Ende 1989 gegründet. Initiator war der Würzburger Jurist Erich Rieger, der selbst an einer Aphasie erkrankte. Bereits 1981 gründete er eine erste Aphasiker-Selbsthilfegruppe in Würzburg. Heute gibt es unterfrankenweit rund 35 Gruppen für Aphasiker und ihre Angehörigen. Nähere Informationen unter www.aphasie-unterfranken.de.

Stichwort: Aphasie

Eine Aphasie kann auftreten, wenn bestimmte Areale im Gehirn aufgrund einer Krankheit oder eines Unfalls geschädigt sind. Je nachdem, welche Hirnareale genau betroffen sind und wie ausgeprägt die Schädigung ist, sind die Betroffenen unterschiedlich stark beeinträchtigt. Direkt nach einem schweren Schlaganfall kann es zunächst gar nicht mehr möglich sein, zu sprechen, Gesprochenes zu verstehen, zu lesen und zu schreiben. Die Erkrankten können allerdings logisch denken und eine Situation richtig erfassen, sie sind also keinesfalls geistig behindert. Oft kommt es jedoch zur Störung der Konzentration und Merkfähigkeit. Auch können Gefühle teilweise nicht mehr so gut kontrolliert werden. Eine intensive logopädische Behandlung gleich nach der Erkrankung führt in vielen Fällen zu deutlichen sprachlichen Verbesserungen.

                      Pat Christ

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