Der Sonnenschein der Senioren

Fabian Dinsing
Christina Calciu und Fabian Dinsing schauen mit Friedel Späth einen Bildband an. Foto: Christ

Lebenslinien in Gottes Hand (40):  Junger Mann mit Down-Syndrom im Pflegeteam aktiv

Fabian Dinsing liebt Wölfe über alles. Mit diesen wilden Tieren zu arbeiten, wäre sein Traum gewesen. Nun gibt es in Würzburg leider keine Arbeitsplätze, die etwas mit Wölfen zu tun haben. Darum musste der 20-Jährige umsatteln. Seit Oktober letzten Jahres arbeitet er in der Tagespflege der Firma "Soleo aktiv". Das gefällt ihm mittlerweile sehr gut. Auch die Seniorinnen und Senioren, um die sich Dinsing kümmert, haben den jungen Mann ins Herz geschlossen.Dass Fabian Dinsing "draußen" arbeitet, ist nicht selbstverständlich. Der Würzburger hat ein Down-Syndrom. Fast alle Menschen mit dieser Form von geistigem Handicap arbeiteten in der Vergangenheit in einer Werkstätte für Behinderte (WfB). Diese zielen zwar darauf ab, Menschen mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln. Doch dies gelang in der Praxis kaum: Die Vermittlungsquote liegt bundesweit bei unter einem Prozent.

Die Werkstätten selbst werden aktuell in Frage gestellt, erfährt die Gesellschaft doch unter dem Stichwort "Inklusion" einen Wandel. Jeder Mensch soll sich gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen beteiligen können, unabhängig davon, welche Fähigkeiten er hat, woher er stammt, wie alt er ist oder welches Geschlecht er hat. So will es die UN-Behindertenrechtskonvention, die durch die Bundesregierung 2009 ratifiziert wurde. Die Konvention beschränkt sich also keineswegs nur auf das Recht von Kindern auf inklusive Bildung. Auch in der Arbeitswelt sollte Behinderung kein Grund mehr für eine Sonderbehandlung sein.

Ein Jahr lang arbeitete der junge Mann in den Mainfränkischen Werkstätten. Die Einrichtung der Lebenshilfe bemüht sich allerdings intensiv um "normale" Arbeitsplätze für ihre Beschäftigten. Über das Projekt "INklusiv! - Gemeinsam arbeiten" kam Dinsing an den Job bei "Soleo aktiv". Das Projekt selbst startete im Januar 2015 in der Region Würzburg. Ziel ist es, in den kommenden Jahren mindestens 80 sozialraumorientierte Arbeitsplätze für Werkstattgänger zu schaffen.

Alle sind verantwortlich

Seit langem gibt es Bemühungen, Menschen wie Fabian Dinsing die Möglichkeit zu eröffnen, außerhalb der Werkstätte zu arbeiten. Das Besondere an "Inklusiv!" ist die Idee, den "Sozialraum" der Werkstattgänger einzubinden. Die Vermittlung ist also nicht mehr, wie bisher, allein Sache der Sozialarbeiter in den Werkstätten. Diese sind vielmehr dafür zuständig, ein Netzwerk von Vertretern aus Betrieben, Behörden, Verbänden, Kirchen und Politik zu schaffen, die ihrerseits für die Idee "Inklusion" in der Arbeitswelt eintreten und Kooperationen mit der Werkstätte vor Ort anbahnen.

Bei einem Praktikum lernen sich die Betriebe und die Bewerber kennen. Professionelle Integrationsbegleiter beraten in allen Fragen rund um den Arbeitsplatz. Die Arbeitsplätze werden auf den Bewerber individuell zugeschnitten. Ein vom Unternehmen benannter Pate begleitet den Beschäftigten.

Auch Fabian Dinsing hat eine Integrationsbegleiterin. Heike Bieber heißt sie. Bevor Fabian seinen Job in der Tagespflege der Firma "Soleo aktiv" erhielt, hatte er mit Heike Bieber überlegt, welche Tätigkeiten außerhalb der Werkstätte für ihn in Frage kämen. Dinsing, der im Ensemble des inklusiven Würzburger Theaters "Augenblick" mitwirkt, hätte sich gut einen Full-Time-Job als Schauspieler vorstellen können. Doch dies war ebenso wenig zu verwirklichen wie der Wunsch mit den Wölfen.

"Er passt super ins Team!"

Gut erinnert sich Christina Calciu, Leiterin der Tagespflege von "Soleo aktiv", an den Tag, als Fabian Dinsing zum Vorstellungsgespräch kam: "Ich sah ihn und wusste sofort: Der passt super in unser Team." Auch Dinsing war gleich angetan von seiner künftigen Chefin. Man wurde rasch einig. Und Fabian begann seine Helfertätigkeit.

Nicht nur Christina Calciu begeisterte sich sofort für den neuen Mitarbeiter, der so viel gute Laune verströmt. Auch die alten Menschen gewann Fabian Dinsing mit seiner aufgeweckten Art im Nu. Dass er Schauspieler ist, verbirgt er nicht. Viele Tätigkeiten, die im Laufe des Tages anfallen, peppt er mimisch auf. "Er macht zum Beispiel einen Bückling, wenn er uns am Morgen begrüßt", schmunzelt Seniorin Friedel Späth, die sich die Tagespflege ohne Fabian Dinsing gar nicht mehr vorstellen könnte.

Fabian Dinsing ist fest in das Team von "Soleo aktiv" integriert, allerdings nach wie vor Mitarbeiter der Mainfränkischen Werkstätten. Von dort erhält er auch seinen Lohn. Das Team der Mainfränkischen Werkstätten kümmert sich gleichzeitig darum, dass er das für seinen neuen Job notwendige Wissen erhält. Soeben machte Fabian Dinsing zum Beispiel den "Rollstuhlführerschein". Einen Rollstuhl zu schieben, weiß jeder, der das schon mal getan hat, ist gar nicht so einfach. Man muss mit dem rollenden Stuhl geschickt kleine Barrieren überwinden können und darf nicht vergessen, am Ziel die Bremse festzustellen.

Die alte Frau und der Teller

Noch bis Ende September durchläuft Fabian Dinsing das Berufsbildungsprojekt der Mainfränkischen Werkstätten. Aber auch danach wird er immer Unterstützung haben, wenn er etwas braucht oder besprechen will. Und in der Altenpflege gibt es immer einiges zu besprechen. Vor allem, wenn man es mit demenziell erkrankten Menschen zu tun hat. Die haben Dinsing schon manches Mal in Konfliktsituationen gebracht: "Ich musste neulich zum Beispiel nach dem Essen die Teller abräumen. Aber eine alte Frau wollte nicht, dass ich ihren Teller wegnehme."

Was tun? Den Arbeitsauftrag ordnungsgemäß ausführen? Dann hätte sich die Seniorin wahrscheinlich ziemlich aufgeregt. Oder der alten Frau ihren Willen lassen? Dann wären vielleicht die Kolleginnen ärgerlich. Mit solchen Fragen kann Dinsing jederzeit zu Heike Bieber kommen.

Auch das Team schaut, dass es dem jungen Mann gut geht an seinem Arbeitsplatz. Schließich möchte niemand, dass er, wie das oft in der Pflege der Fall ist, frustriert das Handtuch wirft. Doch augenblicklich zeichnet sich nichts dergleichen ab. Fabian Dinsing geht jeden Morgen sehr gern zur Arbeit. Und die alten Menschen freuen sich allmorgendlich auf ihn.    

                      Pat Christ

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