Wie kann ich mich beheimaten?

Vorbereitungsteam
Die Referenten, Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler (links) und Thomas Popp umrahmen die Damen des Vorbereitungsteams bei diesem Biografie-Fachtag zur "Heimat": Dorothea Kroll-Günzel, Melanie Sommer, Dorathea Strichau und Cornelia Stettner. Foto: Borée 

Lebenslinien in Gottes Hand (41):  Fachtag zur Biografiearbeit denkt über "Heimat" nach

Gibt es "Heimat" im Plural? Grammatikalisch wird es schwierig. Dennoch hält Norbert Göttler daran fest, von "Heimaten" zu sprechen. Der Bezirksheimatpfleger von Oberbayern hielt zwei Impulsvorträge beim Fachtag Biografiearbeit unter der Fragestellung "Heimat - eine leidenschaftliche Perspektive?" im Nürnberger "eckstein". Die "Arbeitsgemeinschaft Evangelische Erwachsenenbildung in Bayern" und das Nürnberger "forum erwachsenenbildung" hatten gemeinsam dazu eingeladen. Obwohl der Termin auf einen der wenigen Tage in diesem Jahr mit hochsommerlichen Hitze fiel, folgten mehr als 60 Besucher engagiert den spannenden Impulsen.

Historisch ging Göttler von drei ganz unterschiedlichen Bedeutungen des "Heimat"-Begriffs aus. Die älteste Ebene ist juristisch gefüllt. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hatte längst nicht jeder Einwohner eines Ortes dort Heimatrecht. Und mochte seine Familie seit vielen Generationen dort heimisch sein, dieses Recht musste jede von ihnen neu kaufen. Das war nicht billig. Grundbesitz half natürlich. Aber es ging im wesentlichen um das nötige Kleingeld, das aufzubringen war. Erst dann konnten die Vollbürger des Ortes sich um die Gemeindebelange kümmern, sich einen festen Platz auf der Kirchenbank erwerben - und vor allem heiraten.
Noch heute schwingen manche dieser Vorstellungen unausgesprochen mit: Gerade in kleineren Orten herrscht manchmal die Vorstellung, dass manche Einwohner dort mehr beheimatet sind als andere - etwa durch Grundbesitz oder eine möglichst lange Generationenliste auf derselben Scholle. Und wie und wann erhalten Flüchtlinge eine Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis?

Hinzu kommt der "topografische Heimatbegriff", erläuterte Göttler. Will sagen: Das Heimatgefühl bekommt einen Ort - meisten denjenigen der Kindheit. Gerade als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Massen sich nicht mehr zu Hause eine Existenzgrundlage schaffen konnten, sondern meist aus wirtschaftlichen Gründen in Bewegung gerieten - sich also nach Amerika einschifften oder wenigstens ihr Heil in der nächsten Industrieregion suchten - war der Ort ihrer KIndheit bald besonders verklärt.

Längst schon wohnt die überwiegende Mehrzahl der Menschen - Göttler spricht von rund zwei Drittel - nicht mehr an dem Ort, an dem sie einst zur Welt gekommen ist. "Heimat" ist "utopisch" geworden - wörtlich also an keinen Ort mehr gebunden, sondern eher an Netzwerke, an Menschen, denen man sich verbunden fühlt. Dann kann jemand sich mehreren "Heimaten" verbunden fühlen - spätestens im Zeitalter der mobilen Kommunikation und des Internets.

Heimat ist immer ein schwieriger Begriff, erlebt aber durchaus eine Wiedergeburt. Gerade in Zeiten vielfältigen Heimatverlustes und Fremdheitserfahrung kann der Begriff zum Maßstab werden. Das heißt aber auch, die eigene Heimat nicht zu überfordern. Sie ist kein Raum für nostalgische Erinnerungen und rührselige Träume. Nein, sie muss sich vorwärtsgewandt bewähren.

In einem zweiten Vortrag diskutierte Göttler die Frage, in wie weit "Heimat" auch ein zukunftsgewandter Begriff sein kann: "Wie gehen wir mit der Tatsache um, dass sich in der globalisierten Welt Armutsmigration nicht mehr mit Polizeimaßnahmen verhindern lässt, sondern nur mit einem wirtschaftspolitischen Bemühen", fragte Göttler. Ist "Heimat ein Menschenrecht"?, bohrte er weiter. Was aber, wenn es in ihrer Heimat keine Zukunft gibt?

Ein heimatlicher Garten "braucht ganz gewiss Menschen, die sich liebevoll um Details kümmern, die wiederkehrende, manchmal vielleicht ermüdende und stupide Handarbeit leisten. Er braucht aber auch Menschen, die rechtzeitig vor verheerenden Trockenheiten, Sintfluten, herannahenden Straßenwalzen und Schubraupen warnen. Auch diese Menschen sind Heimatpfleger im besten Sinne des Wortes."

Diese sollten nicht nur das "Heilende der Heimat stärken", sondern auch an übergreifenden Maßstäben ausrichten. Angst vor denen, die ganz genau wissen, was Heimat ist, sei angebracht. Heimat ist in seiner Gebrochenheit ein "Lernort" für die Mitmenschlichkeit. Wer oder was bereichert es?

"Woher komme ich - wohin gehe ich?" Diese Frage stellte Thomas Popp im Anschluss unter eine religiöse Perspektive. Der Professor für Praktische Theologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg zog einen spannenden Bogen von den Anfängen der Reflexion der alttestamentlichen Nomaden zu diesem Begriff hin zu aktueller Besinnung darüber. Nach der Vertreibung aus dem Paradies werden die Menschen einander fremd. Es kommt zum Brudermord. Und spätestens nach dem "Turmbau zu Babel" verstehen sie einander nicht mehr.

Demgegenüber bricht nur einige Verse später Abraham "aus seinem Vaterhaus" in das von Gott verheißene Land auf. Zu Grunderfahrungen Israels gehören Exodus und die Zeit der Verbannung. Propheten erinnern immer wieder daran, dass das Volk Gottes sich gegenüber den Fremden anständig zu verhalten habe, da es einst auch fremd gewesen sei.

Genauso sprengt Jesus die familialen und regionalen Grenzen seiner Heimat. Dieser Begriff stehe in der Spannung zwischen "Geschenkter Herkunft" und "Verheißener Zukunft", so Popp, wobei er Begriffe von Gunda Schneider-Flume zitiert. Auch die Kirchengemeinde kann nur eine vorläufige, eine begrenzte Heimat sein. Jürgen Moltmann wiede­rum verstehe "Heimat" als "ein Netz entspannter Beziehungen", in dem wir vorbehaltlos getragen sind.

Ein gebrochenes Gefühl zur religiösen Heimat ist allerdings heute vorherrschend - fast so wie im ausgehenden Mittelalter. In diesem Zusammenhang diskutierte Thomas Popp ein Gedicht, wahrscheinlich aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert: "Ich lebe und weiß nicht, wie lange, / ich sterbe, weiß auch nicht wann, / ich fahr' von dannen, weiß nicht wohin, / mich wundert's, dass ich so fröhlich bin." Martin Luther wiederum bezeichnete diesen Spruch als "Reim der Gottlosen". Seiner Ansicht nach müssten die letzten beiden Zeilen, religiös korrekt, heißen: "Ich fahr und weiß gottlob wohin, / mich wundert's, dass ich so traurig bin."

Gerade die vielen Emigranten stellen unser Heimatgefühl nicht nur in Frage, sondern erweitern es geradezu: Sind wir nicht wie Abraham oder Moses beim Aufbruch ins verheißene Land? Sie waren vernetzt in vielen Heimaten - auch wenn Moses das Ziel zwar sehen, aber nicht erreichen durfte.    

                      Susanne Borée

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