Eva Rosina und die ehrwürdige Spitalkirche

Andrea Thurnwald und Claudia Berwind
Andrea Thurnwald und Claudia Berwind in der Ausstellung "Lebendige Steine" im Bad Windsheimer Museum "Kirche in Franken". Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (42): Zehnter Geburtstag des Windsheimer Kirchenmuseums

Die kleine Eva Rosina hinterließ kaum Spuren: Schließlich konnte sie gerade nur ihren ersten Geburtstag feiern. Es war gleichzeitig ihr letzter. Zwölf Wochen später verstarb sie am 26. August anno 1633. Die kleine Tochter des Amtmanns von Reitzenstein fand ihre letzte Ruhe in der Spitalkirche Bad Windsheim. Dort lag sie aber in ihrem prächtigen goldgelben Kleidchen nicht allein: Ein Jahr zuvor war die Gruft für ihren fünfjährigen Bruder Heinrich errichtet worden. Im Dreißigjährigen Krieg hatte Winds­heim 1631 eine schwedische Besatzung erhalten. Ständig durchziehende Truppen schleppten die Pest ein. Mehr als 1.650 Windsheimer starben bereits 1632 daran. Die Pest kehrte bald nach Windsheim zurück. Bis 1634 gab es kaum Überlebende.

Die Familientragödie der Reitzensteins setzte sich fort: Am 6. September 1634 verstarb die Schwester Maria Barbara von Reitzenstein. Sie wandelte immerhin 16 Jahre auf der Erde. Ihre Zöpfe hatte man wie eine Totenkrone aufgesteckt und prachtvoll geschmückt. Sie trug wertvolle Finger- und Ohrringe. Noch im selben Monat folgte ihr der Vater ins Grab: in seidengefüttertem Wamst, hohen Lederstiefeln und mit goldener Ordenskette sowie Gebetbuch und Ring. Auch den ältesten Sohn Christian segnete fünf Tage später das Zeitliche.

Die Mutter hatte ebenfalls um ein Grab bei ihrer Familie nachgesucht - das lässt sich belegen. Jedoch fand sich in einer Gruft neben dem Altar nur ein leeres Grab und ein wohl verlorener Fingerring.

Über die letzte Ruhestätte der Familie von Reitzenstein weiß man deshalb so viel, da es anno 2000 und in den folgenden Jahren archäologische Grabungen in der Spitalkirche gab. Schließlich sollte sie ein neues Gewand erhalten: als erste "Museum Kirche in Franken."

Am 16. Juli 2006 wurde das erste überregionale evangelische Kirchenmuseum Bayerns vom damaligen Landesbischof Johannes Friedrich eingeweiht. Neben diesem zehnjährigen Bestehen feiert der unterstützende Förderverein Spitalkirche e. V. bereits sein 25. Jubiläum. Träger des Museums ist der Bezirk Mittelfranken. Ferner gehören zur Betriebsträgerschaft die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, der Landkreis Neustadt an der Aisch/Bad Windsheim, die Stadt Bad Windsheim sowie der Verein Fränkisches Freilandmuseum.

Die Ausgrabungen waren ein Teil der notwendigen Vorbereitungen des Kirchenmuseums: Nun ließ sich durch Holzreste und Grundrisse nachweisen: Das Kirchenschiff öffnete sich in einem großen Bogen nach Westen einst zum Krankensaal. Und das Schicksal der Familie von Reitzenstein ließ sich so Jahrhunderte später fast minutiös aufklären.

Damit ist die erste Säule des Museumskonzeptes eindrucksvoll belegt: "Forschen" will die Kirche. Daneben sind ihr aber auch vier weitere Säulen wichtig: Sammeln, Bewahren, Ausstellen und Vermitteln. Kuratorin Claudia Berwind hat das Konzept im Wesentlichen geplant. Neben der Leiterin Andrea Thurnwald ist auch sie seit zehn Jahren mit dabei - allerdings nur auf der Basis freiberuflicher Werksverträge.

Und auch Wolfgang Steeger. Er hat die aktuelle Schau in Szene gesetzt. Er hat bereits die Überreste der kleinen Eva Rosina und ihrer Familie ausgegraben.
Nach einem Rückblick auf die Entstehung des Museums folgt aktuell zum Jubiläum eine Übersicht der bisherigen Ausstellungen seit 2006. Neben Stücken aus dem Depot - über 60 sind hier erstmals zu sehen - werden auch Objekte aus der Dauerausstellung völlig neu in Szene gesetzt. Die "Bilderflut" vor einem Jahrhundert kann jeder selbst fast mit den Händen fassen. Ein Spiel-Altar für den zukünftigen Messdiener weiten den Blick nicht nur historisch, sondern ökumenisch.

Bücher, liturgische Gefäße und Gegenstände der privaten Frömmigkeit geben einen Überblick über die Sammlungstätigkeit. Erinnerungsstücke an Taufe oder Konfirmation stammen nicht direkt von den Reitzenstein-Kindern, sondern meist aus dem 19. und frühem 20 Jahrhundert. Teilweise sind sie aber nicht minder prachtvoll. Abschließend können die Besucher an der Zukunft des Museums bauen: Es gilt einen "Wunschzettel" auszufüllen oder anhand von "Wunschsteinen" die zukünftige Gestalt des Museums gewichten.

In den vergangenen Jahren gab es  insgesamt 27 Ausstellungen über Themen wie "Konfirmation" oder "Reformationsgedenken", "Frauen in der Kirche" oder "Kirche im Ersten Weltkrieg". Bei 26 wissenschaftlichen Vorträgen konnten sie Besucher umfassend bilden - ebenso wie bei zahlreichen Publikationen. Die Kirche ist selbst der größte Ausstellungsraum. Vom Gottesdienstraum bis hinein in den kunstvoll ausgeführten Dachboden erklären, Schautafeln und zusätzliche Exponate Traditionen oder die Baugeschichte. Film- und Hörstationen ergänzen die Präsentation.

Claudia Berwind begegnet da vielen Besuchern als "Katharina von Bora" bei Erlebnisführungen. Denn auch die Museumspädagogik wird groß geschrieben. 24 Themen- und altersspezifische Führungen vom Kindergarten- bis Seniorenalter umfasst das pädagogische Programm. Jeden Sonntag um 14.30 Uhr gibt es offene Führungen. Kleine Besucher können sich auch ganz individuell verkleiden. Oder sich in ein "Spitalkirchen-Memory" oder Puzzles verschiedener Schwierigkeitsgrade vertiefen - Eva Rosina wäre sicher in ihrem festlichen Kleid mit ihren Geschwistern gekommen.  

Zum 10. Museums-Geburtstag gibt es ein Straßenfest auf der Rothenburger Straße in Bad Windsheim ab 11 Uhr. Den Tag beschließt ein Konzert des "ensemble percussion posaune leipzig" um 20 Uhr. Zum Festgottesdienst am Sonntag, 17. Juli, um 10 Uhr kommen zahlreiche Vertreter aus Kirche und Politik wie Bundesminister Christian Schmidt. Der Gottesdienst wird auch in den Hof des Bürgerspitals übertragen. Die Jubiläumsschau "Lebendige Steine" ist bis zum 16. Oktober von 10 bis 18 Uhr zu sehen (im Oktober montags geschlossen). 

                      Susanne Borée

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 21. Mai 2017:

- Jesus geht - und er bleibt: Gedanken zu Himmelfahrt

- Weltbürger treffen sich in Windhoek: Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes setzte in Namibia Akzente

- Mehr als Berlin - die sechs regionalen "Kirchentage auf dem Weg"

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo