Familienporträts auf vergilbten Teebeuteln

Sabine Neubauer.
Sabine Neubauer. Foto: privat

Lebenslinien in Gottes Hand (43): Filigrane Kunstwerke aus eigener Familiengeschichte

Mit 40 Jahren zerrann ihr das Leben zwischen den Fingern: Sabine Neubauer stand praktisch vor dem Nichts. Die Porzellan-Industrie war weg gebrochen. Neubauer stellte Vorlagen für das künstlerische Dekor von Geschirr her. Nur wenige neue Aufträge gingen noch bei ihr ein. Fast gleichzeitig starb ihr Vater.

"Ich musste in der Mitte des Lebens ganz neu beginnen", so die 1961 geborene Künstlerin heute. Was wollte sie wirklich? Da gab es keine einfache Antwort. Also drückte sie zusammen ?mit lauter Schülern? noch einmal für ein "Orientierungsjahr" die Schulbank der Werkbund Werkstatt Nürnberg. Und danach?

Außerdem forderte eine Frage immer dringender Gehör: Welche Institute nahmen sie in ihrem Alter an? Dies nicht nur als Gasthörerin, sondern als Regelstudentin mit der Möglichkeit, den entsprechenden Abschluss zu erwerben. Die feinen Strukturen von Textilien und von Papier faszinierten Sabine Neubauer.

Die Fränkin ging nach Sachsen. Sie studierte in den Jahren 2004 bis 2009 an der Westsächsischen Hochschule Zwickau erfolgreich Textilkunst. Dann kehrte sie nach Nürnberg zurück. Dort lebt sie seit sechs Jahren als freischaffende Künstlerin und "Dozentin für Textile Gestaltung".

Was konnte es für sie bedeuten, "zu ihren Ursprüngen zurückzukehren"? Dieser Frage ging sie nicht nur geografisch nach. Sie setzte sich besonders mit der Familie ihres verstorbenen Vaters auseinander. Doch wie ließ sich das künstlerisch aufarbeiten?

Schon während ihrer Studienzeit in Sachsen hatte Sabine Neubauer gebrauchte Teebeutel gesammelt und speziell konserviert. Die Objekte hatten für sie mit ihrer bräunlichen Patina eine ganz besondere "Benutzungsgeschichte". Neubauer war sich sicher: "Ich werde einmal wissen, was mit ihnen geschehen soll." So wie sie sich ohnehin gerne von "unbrauchbar gewordenen Gegenständen" inspirieren lässt.
Nach ihrer Rückkehr an die Pegnitz blitzte die Idee in ihr auf, die Beutel mit alten Fotos zu bedrucken. Mit den Familienporträts und an einem Faden erinnern sie die Teebeutel an kleine Bildtafeln oder alte Amulette. Auch die bräunliche Färbung lässt an vergilbte Fotos denken.

War es ihrer Familie denn recht, dass private Portärts auf diese Weise durch Ausstellungen und mediale Verbreitung öffentlich wurden? "Meine Schwestern interessierte es nicht. Meine Mutter war anfangs skeptisch", ließ sich aber von den künstlerischen Entdeckungsreisen überzeugen. Dies gelang auch in der Erlanger Volkshochschule. Dort zeigt Sabine Neubauer noch bis 29. Juli ihre Kunstwerke.
Wie aber ließen sich Fotos auf das fragile Material der Teebeutel aufdrucken? Und auf welche Weise konnte sie dann ihre Kunstwerke konservieren? Ihre praktischen Fertigkeiten aus Sachsen halfen der Künstlerin dabei einen Weg zu finden. Sind die Kunstwerke nicht dem direkten Licht ausgesetzt, so halten sie über Jahre, meint die Künstlerin. Natürlich gäbe es einen "Veränderungsprozess" der Farben und Schattierungen. Der Druck "verschmilzt" mit seiner Unterlage. Falls einem potentiellen Käufer da später etwas "unangenehm auffiele", garantiert sie weitere Konservierungsarbeiten.

Sabine Neubauer hat viel mehr Ideen: In den vergangenen Jahren beschäftigte sie sich intensiv mit alten Büchern und Buchdeckeln. Die Hüllen werden zu einem filigranen Kokon. Handgeschöpftes Papier verbindet sie mit filigranen Geflechten. Auch auf noch so feinstem Gewebe lassen sich Porträts aufdrucken. So geben selbst diese Stoffe den Themen "Heimat, Tradition und Wurzeln" einen neuen Horizont. Oder lassen sich zu einem Netz verweben? So ertastet sie ihren künstlerischen Fußabdruck. Ein Teppich mit Reclam-Schnippeln oder neu servierte Seiten aus einem ehrwürdigen Brockhaus-Lexikon ergänzen ihr Schaffen. Sie stellt solche Ideen gerade im Nürnberger Galeriehaus Nord aus.

Dies ist aber keineswegs ihr einziges Standbein. Als Dozentin für "Textile Gestaltung" ist sie gefragt. Für das Nürnberger Germanische Nationalmuseum gestaltete sie kürzlich die Ausstellung über "Moden" mit. Sie organisiert Aus- und Fortbildungen im künstlerischen Weben. Ein oder zwei Jahre kann sie auf diese Art wirtschaftlich vorausplanen. Das lähmt sie aber keinesfalls, sondern spornt sie erst recht an. Aus ihrem "Auftrag" und "Menschen, die mich begleiten", zieht sie ihre Kraft.

Aktuell denkt Sabine Neubauer darüber nach, auch einmal kirchliche Räume mit ihren Elementen auszugestalten. Die Wirkungen des Lichts interessieren sie da besonders. Wie begegnet ihr der Raum in den verschiedenen Brechungen des Lichts? Ihre vielfältigen Ideen sind da noch nicht ausgereift. "Ich kann mich aber zurücklehnen und warten, bis das zu mir kommt, was zu mir passt."

Die Schau in der Erlanger Volkshochschule, Friedrichstraße 19, ist bis 29. Juli werktags von 10 bis 17 Uhr zu sehen, sofern keine anderen Veranstaltungen stattfinden. Diese Schau ist Teil des Kunstfestivals "Gewebe". In Ausstellungen und weiteren Veranstaltungen steht der Umgang mit dem gewebten Material in der bildenden Kunst und im Design im Zentrum - so das Netzwerk Bayerischer Städte.

Die Ausstellung in der Galerie Nord, Wurzelbauerstraße 29, ist bis 14. August zu sehen, dienstags und mittwochs von 13 bis 16 Uhr, donnerstags und freitags von 11 bis 13 Uhr und sonntags von 11 bis 16 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter 0911/553387. Gespräche mit der Künstlerin sind dort möglich am Sonntag, 24. Juli von 11 bis 16 Uhr bzw. zum Literaturfest "WortWärts" am Sonntag, 14. August, von 12 bis 18 Uhr.  

Mehr Infos im Internet unter www.sabine-neubauer.com.

                      Susanne Borée

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