Hilfe für die Kinder Afghanistans

Reinhard Erös.
Reinhard Erös. Foto: Schülein

Lebenslinien in Gottes Hand (44): Kronacher Friedensaktivisten blicken nach Kabul

"Statt Rüstungsgüter an Afghanistan zu verkaufen, sollte Deutschland besser dort Schulen bauen", sagt Reinhard Erös. Bildung, insbesondere auch für Mädchen, sei die beste Form der Armutsbekämpfung und um ein Land nach vorne zu bringen. Seit rund 30 Jahren engagiert sich der ehemalige Bundeswehrarzt mit seiner siebenköpfigen Familie für die Menschen am Hindukusch. Sie fördern die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen, vor allem aber auch deren Bildung und Ausbildung. Nun waren der Friedensaktivist Reinhard Erös und seine Ehefrau Annette zu Gast an den beiden Kronacher Gymnasien. Das Ehepaar hat sich mit Leib und Seele der Hilfe für afghanische Kinder verschrieben.

Mit Spendengeldern der "Kinderhilfe Afghanistan" konnten mehr als zwei Dutzend verschiedene Schulen, Mutter-Kind-Kliniken, Waisenhäuser und sogar eine Universität, an der auch Frauen studieren dürfen, errichtet werden. Das Ehepaar besucht Schulen in ganz Deutschland, um dort von seinen persönlichen Erfahrungen aus Afghanistan zu berichten und das Gespräch mit jungen Leuten zu suchen. Nun war Reinhard Erös am Kaspar-Zeuß-Gymnasium zu Gast, während seine Ehefrau zeitgleich am Frankenwald-Gymnasium über das Land am Hindukusch sprach.

"Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen - eine bayerische Familie kämpft für die Kinder Afghanistans": Unter dieser Überschrift - auch Titel seines 2008 erschienenen Buches - gab Erös der elften Jahrgangsstufe einen packenden Einblick in den Alltag, in die Kultur und Geschichte des gebeutelten, noch immer archaisch geprägten Landes. Vehement, couragiert und furchtlos nahm er dabei alle mit und wurde dabei auch bisweilen recht laut, gerade auch gegenüber der Politik des Westens. Indem man Afghanistans Elite nach Deutschland hole, entziehe man dem Land sein "Gehirn". "Es gibt dort eh zu wenige Ärzte und Ingenieure. Damit machen wir das Land kaputt und es kommen wieder die Taliban an die Macht", zeigte er sich sicher. Scharf prangerte er auch deutsche Panzergeschäfte mit Afghanistan an wie auch den partnerschaftlichen Umgang mit Saudi-Arabien, obwohl dort viele im Land das Gedankengut von ISIS teilten und auch unterstützten.

Der Oberstarzt der Bundeswehr a. D. kennt das Land am Hindukusch seit über 30 Jahren. In den 80er Jahren, während der sowjetischen Besatzung des Landes, hat der Militärarzt über fünf Jahre unter Kriegsbedingungen und Einsatz seines Lebens Tausende von Menschen in den Bergdörfern ärztlich versorgt. Seine Frau - eine Lehrerin - baute in Peschawar eine Schule für Flüchtlingskinder auf. Aus diesem Projekt entwickelte sich eine einzigartige Familieninitiative: Ausschließlich mit privaten Spenden sowie Buchhonoraren errichtete das Ehepaar- unter Verzicht auf öffentliche Mittel - seit dem 11. September 2001 über zwei Dutzend moderner Friedensschulen als Kontrapunkt zu den primitiven Koranschulen der Islamisten. Zudem entstanden Mutter-Kind-Kliniken, Waisenhäuser und Computerschulen in den besonders gefährlichen Ostprovinzen.

In den Projekten sind mehr als 2.000 Afghanen beziehungsweise Afghaninnen in Arbeit und Lohn. Alle Projekte werden ausschließlich von Afghanen betrieben. Erös lebt und arbeitet die Hälfte des Jahres vor Ort. "Afghanistan ist für mich eines der spannendsten und schönsten Länder der Welt", erklärte er. Islamischer Fundamentalismus und eine rückwärtsgewandte Religiosität bestimmen häufig unser Bild von Afghanistan, was völlig falsch sei. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung sei unpolitisch, friedlich und tolerant - vielleicht bis auf fünf Prozent, vergleichbar bei uns etwa mit den Neonazis.

Seit seiner vorzeitigen Pensionierung 2002 hat Erös über zehn Jahre Polizeibeamte, Militärs, Hilfsorganisationen und Journalisten für ihren Einsatz in Afghanistan ausgebildet, das Auswärtige Amt und den Bundestagsausschuss  "Entwicklungshilfe" beraten und in unzähligen Veranstaltungen im In- und Ausland zu Afghanistan vorgetragen. In die Schulen gehe man, um bei jungen Leuten Interesse für Politik zu wecken.

Afghanistan sei ein Thema, das uns alle angehe. So stellten Afghanen die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe überhaupt dar. Heute, mehr als 25 Jahre nach Ende des Krieges und trotz 15 Jahre Nato-Präsenz vor Ort, fliehen vor allem junge Menschen, da sie in ihrem Heimatland keine Zukunft sehen. "Wenn wir nichts unternehmen, werden wir das nicht in den Griff bekommen und es wird so weitergehen. Wir  hier in Deutschland haben die Möglichkeit, etwas zu tun. Wir müssen auch etwas tun", appellierte er. Allen jungen Leuten legte er ans Herz, sich in verschiedenen Bereichen zu engagieren. Dabei müssten sie nicht gleich die ganze Welt retten, sondern im Kleinen anfangen - beispielsweise durch das Ableisten eines sozialen Jahres.

Nach seiner mit vielen Bildern umrahmten Präsentation stellte sich der Friedensaktivist für Fragen der Schüler zur Verfügung. Die Schulbücherei bedachte er mit jeweils einem Exemplar seiner beiden von ihm geschriebenen Bücher. Hierfür dankte Direktorin Renate Leive wie auch für die sehr interessanten Ausführungen. Unser Bild von dem Land werde - so die Direktorin - im Wesentlichen durch die Medien geprägt. Umso wertvoller sei die Schilderung seiner persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse. Dadurch könne man in Zukunft die Situation vor Ort besser einschätzen und Medienberichte anders, kritischer wahrnehmen.

Zuvor hatte Erös bereits in der Kronacher Synagoge zum Thema "Warum fliehen Menschen aus ­Afghanistan? Fluchtursachen und ­deren Bekämpfungsmöglichkeiten" gesprochen. Dabei gab er sei-nem interessierten Publikum Hin­tergrundinformationen über die Fluchtwelle vom Hindukusch, und er zeigte Möglichkeiten zur Bekämpfung der Fluchtursachen auf.    

Weitere Infos gibt es unter: www.kinderhilfe-afghanistan.de

 

                      Heike Schülein

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