"Wir mussten bleiben, es war ausgemacht"

Kinderbild
Die beiden Jungen mit ihrer Mutter. Das Foto wurde am Einschulungstag des älteren Sohnes aufgenommen, also um 1942. Foto: privat

Lebenslinien in Gottes Hand (46): Erinnerungen von der Flucht aus Westpreußen

Die Sonntagsblatt-Leserin Renate Schuhnagl erinnert sich noch ganz genau, wie ihr späterer Mann immer wieder von der Flucht aus der westpreußischen Stadt Thorn erzählte. Er war damals, im Jahr 1945, als sechsjähriger Junge mit seinem neunjährigen Bruder und der Mutter unterwegs nach Martinlamitz (in Oberfranken bei Hof). Dort konnten sie bei der Oma unterkommen. Auch der Vater überlebte den Krieg. Aber Unzufriedenheit prägte ihn.Viele Jahrzehnte später erzählte der jüngere der beiden Buben seiner Frau von einem unvergesslichen Erlebnis in der Stadt Thorn in Westpreußen. Er muss wohl etwa fünf Jahre alt gewesen sein. Pferde begeisterten ihn immer sehr. Als damals, gegen Ende des Krieges, ein Offizier auf seinem Pferd die gepflasterte Hauptstraße angeprescht kam, rutschte das Reittier wohl aus. Es stürzte aber nicht. Dennoch hatte es einen polnischen Arbeiter erwischt und wohl mit den Hufen sehr schwer verletzt. Der Mann lag blutend auf der Straße und der kleine Junge hörte, wie der Offizier seine Leute anschrie: "Schafft mir das Polenschwein weg."

Der Junge lief weinend heim zu seiner Mama. Und er wusste später noch, dass die Mama nur mitweinte. Die "Deutsche Wehrmacht" war auf dem Rückzug, damals in Westpreußen in der Gegend um die Stadt Thorn. Die deutschen Frauen wussten nicht was sie davon halten sollten. Es war doch vom Endsieg die Rede. Ihre Männer waren nicht da, sie waren ja auch "eingezogen".

Verschwindet bloß!

"Was macht ihr noch hier? Nach uns kommen die Russen! Haut ab so schnell wie möglich." So hieß es plötzlich. Ja und da stand sie, meine Schwiegermutter, mit ihren beiden Kindern - zwei Jungen im Alter von neun und sechs Jahren.

Die Mutter der Buben war damals im Jahr 1945 34 Jahre alt. Sie hatte immer Ärger mit ihren Beinen und Füßen. Sie schwollen schon seit ihrer Jugendzeit an. Damals musste sie ihre Lehre als Friseuse aus diesem Grund abbrechen. Aber daran, dass es ihr nicht gut ging, konnte sie jetzt gar nicht denken. Sie sagte dem "Großen" was zu tun war: warm anziehen und die Kinderrucksäcke packen. Der "Kleine" wollte noch unbedingt seinen Teddy mitnehmen, denn der war wichtig für ihn.

Dann zogen die Frauen und Kinder zum Bahnhof. Sie hatten Glück, es fuhr noch ein Zug in den Westen. Den Kindern blieb in Erinnerung, dass sie in den Gepäcknetzen schlafen durften.

Suche nach dem Vater

Aber die Mutter sagte ihnen immer wieder: "Passt auf den Bahnhöfen auf, ob ihr bei den Soldaten den Papa seht." Heute möchte man es kaum glauben, die kleine Familie begegnete wirklich dem Vater.

Er musste in die entgegengesetzte Richtung marschieren. Die Eltern vereinbarten: Wenn alles vorbei ist, treffen wir uns bei der Oma (Vater's Mutter) in Martinlamitz.

Wie mag dem Mann zu Mute gewesen sein, als er seine Frau und die Kinder weiterziehen lassen musste? Ganz allein - ohne den Beschützer der Familie. Er wurde noch spät verwundet und kam in ein Lazarett. Im Nachhinein weiß man, es war sein Glück. Russische Gefangenschaft war die Alternative.

Die Frau und die beiden Jungen kamen wirklich auf vielen Umwegen nach Martinlamitz. Dort trafen jetzt, die alte Frau, die in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist und die junge Frau aus der Stadt zusammen. Sie warteten darauf, dass der Sohn und Ehemann endlich zurückkehrte.

Bei der Oma

Die junge Frau sagte später: "Ich habe oft mein Täschle gepackt und bin über die Felder in den Wald gegangen, damit alles friedlich blieb. Wir waren so verschieden. Aber wir mussten doch hier bleiben, es war doch so ausgemacht."

Für die Kinder war das Leben dort gut. Die Oma sorgte für Essen. Sie war Hausschneiderin, so wie es damals auf dem Dorf üblich war. Sie war ja schon lange Witwe und zu ihrer kleinen Witwenrente verdiente sie sich mit ihren Näharbeiten etwas dazu. Man erzählte im Dorf: "Die schönsten neuen Hemdkragen mit den spitzesten Ecken hat die Trina genäht." Aus dem Hinterteil vom Hemd wurde ein neuer Kragen gefertigt.

Für die Jungen war es eine herrliche Zeit. Der Jüngere - der spätere Ehemann Renate Schuhnagls - erzählte oft von den Radtouren mit dem CVJM, wo hinterher so manches Mal der Hosenboden durchgewetzt war. Aber die Oma hat das wieder gerichtet.

Auch von den Lebensmittelspenden, die sie vom "Ami" bekamen, erzählte er viel. Die Pakete wurden sogar für ihre Touren gebraucht. Den Jungen hat damals nichts gefehlt - es war eben so.

Leben in neuen Bahnen

Die Eltern trafen sich nach dem Krieg, wie verabredet, in Oberfranken wieder. Das Leben lief nun in neuen Bahnen. Irgendwann konnte der Schwiegervater wieder in seinem alten Beruf arbeiten. Die Familie zog 1950 in ein Dorf an der Zonengrenze in eine eigene kleine Wohnung.

Der ältere Bruder hatte seit der Flucht mit Asthma zu kämpfen. Er war trotzdem immer ein fröhlicher Mensch. Im August 1953 ist sein Herz einfach stehen geblieben. Er starb in den Armen seiner Mutter. Die Eltern litten sehr.

Im Jahr 1955 erfolgte berufsbedingt der Umzug in die Kreisstadt. Der Schwiegervater haderte oft mit dem Schicksal. Als sein jüngerer Sohn 1958 heiratete, hat er die Heimreise nicht mehr bewältigen können, er starb auf dem Bahnhof in Würzburg.

Jetzt war die Frau und Mutter mit 49 Jahren auf einmal ganz allein. Sie kämpfte sich in dieses "Alleinsein" mit Hilfe von Freunden, sie wollte wenigsten in ihrer Umgebung bleiben. Ihr Glaube und ihr aufgeschlossenes Wesen allen Menschen gegenüber hat ihr geholfen.

Übrigens: Der Teddybär, den der kleine Junge damals auf der Flucht dabei hatte, ist verloren gegangen. Aber bei einem Weihnachtsmarkt in Zeitlitzheim, Jahrzehnte später, hat er seinen Teddy wieder gesehen. "Genauso hat meiner ausgeschaut." Seine Frau hat den Teddy dann heimlich gekauft und das Christkind hat ihn wieder gebracht, genauso wie den ersten Teddybären.

                      Renate Schuhnagl/bor

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 21. Mai 2017:

- Jesus geht - und er bleibt: Gedanken zu Himmelfahrt

- Weltbürger treffen sich in Windhoek: Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes setzte in Namibia Akzente

- Mehr als Berlin - die sechs regionalen "Kirchentage auf dem Weg"

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo